Apparat - A hum of maybe

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Wer 'Apparat' sagt, muss eigentlich auch 'Modeselektor' sagen. Und von dort ist dann der Weg zu 'Moderat' gar nicht mehr weit. Gemeinsam mit Gernot Bronsert und Sebastian Szary hat Sascha Ring elektronische Tanzflächen weltweit beschallt – Songs wie 'Bad Kingdom' sind längst Teil der inoffiziellen Hall Of Fame moderner Electronica. Doch während 'Moderat' den Körper in Bewegung versetzt, zieht sich Ring als 'Apparat' bewusst ins Innere zurück. Hier geht es weniger um Puls als um Pulsieren, weniger um Beat-Wumms als um emotionale Schwingung. Sechs Jahre nach dem Grammy-nominierten 'LP5' erscheint nun also 'A Hum Of Maybe' – ein Album, das nicht aus kreativer Überfülle, sondern aus einer Blockade heraus entstanden ist. Nach einer Phase der Unsicherheit setzte sich Ring ein radikal simples Ziel: jeden Tag eine Songidee. Nicht perfekt, nicht durchkomponiert – einfach anfangen. Aus diesen Skizzen formte er gemeinsam mit seinem langjährigen Weggefährten Philipp Johann Thimm und weiteren Mitstreitern elf ausgearbeitete Stücke. Das hört man diesem Album an: Es lebt vom Prozess. Vom Suchen. Vom Zulassen.

'A Hum Of Maybe' vereint dabei alles, was man an 'Apparat' über die letzten Jahrzehnte schätzen gelernt hat: sehnsuchtsvolle, fragile Vocals, experimentellen Pop, glitchige Electronica, Ambient-Weite und immer wieder subtile Techno-Referenzen. Doch dieses Album positioniert sich nicht klar auf der Tanzfläche – es steht vielmehr zwischen Einkehr und Club. Oder anders gesagt: Hier findet Einkehr auf dem Dancefloor statt. Klanglich arbeitet Ring stark mit Schichtungen. Viele Tracks beginnen reduziert – einzelne Synth-Flächen, fragile Klaviermotive oder leise Streicher setzen erste Marker im Raum. Nach und nach schieben sich weitere Ebenen dazu: ein leicht versetzter Beat, der nicht geradeaus marschiert, sondern minimal stolpert; perkussive Details, die eher texturieren als antreiben; Basslinien, die nicht drücken, sondern tragen. Die Rhythmusstruktur wirkt oft organisch, fast atmend. Es gibt Momente mit klarer Pulsierung, doch selten entsteht ein klassischer Vier-Viertel-Sog. Stattdessen bewegen sich die Stücke in schwebenden Grooves, die eher nicken lassen als tanzen.

Besonders beeindruckend ist hier auch die Produktionstiefe. Vieles passiert im Detail: kleine Glitches, dezente Hallräume, subtile Verzerrungen in den Höhen. Manche Sounds scheinen im Vordergrund zu stehen, nur um sich im nächsten Moment wieder ins Hintergrundrauschen zurückzuziehen. Diese Dynamik – zwischen Nähe und Distanz – spiegelt das inhaltliche Thema des Albums perfekt wider. Es geht um Liebe, um Schutz, um Veränderung. Um dieses fragile Gleichgewicht zwischen Festhalten und Loslassen. Die Zusammenarbeit mit Philipp Johann Thimm (Cello, Klavier, Gitarre), Christoph Hamann 'Mäckie' (Violine, Keyboard, Bass), Jörg Wähner (Schlagzeug) und Christian Kohlhaas (Posaune) verleiht dem Album eine organische Wärme. Die Streicher sind keine dekorative Schicht, sondern integraler Bestandteil der Dramaturgie. Sie öffnen Räume, setzen Spannungsbögen, brechen elektronische Strukturen auf. Gleichzeitig bleiben die elektronischen Elemente präsent – glitchig, detailverliebt, manchmal bewusst spröde.

In seinen stärksten Momenten erreicht 'A Hum Of Maybe' eine fast transzendente Qualität. Wenn repetitive Motive sich langsam steigern, wenn sich Harmonien minimal verschieben und Rings Stimme darüber schwebt, entsteht ein Sog, der emotional trägt, ohne pathetisch zu werden. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses Albums: große Gefühle ohne Kitsch. Trotz aller Komplexität kippt nichts ins Sentimentale. Natürlich ist dieses Release kein Dauerfeuerwerk. Es lebt von Reduktion, von Zwischentönen, von leisen Spannungsbögen. Doch im Gegensatz zu manch früherer Phase wirkt die Zurückhaltung hier nicht wie Ideenmangel, sondern wie bewusste Entscheidung. Die Dynamik entsteht nicht aus plötzlichen Explosionen, sondern aus feinen Verschiebungen. Wer genau hinhört, entdeckt ständig neue Details – eine zusätzliche Harmoniespur, ein leises Atemgeräusch, einen unerwarteten Rhythmusakzent.

Besonders berührend sind die kurzen Zwischenrufe von Rings Tochter, die ursprünglich Aufnahmeunfälle waren und bewusst im Album verblieben. Diese Momente geben dem Werk eine intime, beinahe dokumentarische Ebene. Hier wird aus dem Produzenten ein Vater. Aus dem Konzept ein Stück Leben. Ja, es gibt Passagen, die je nach Stimmung etwas zurückhaltend wirken können. Aber selbst in diesen Momenten bleibt die Produktion hochwertig, die Idee klar, die Atmosphäre dicht. Für mich überwiegt klar die Faszination über die vermeintliche Langsamkeit.

'A Hum Of Maybe' ist ganz sicher kein Album für den schnellen Effekt. Es ist ein Werk, das wächst – mit jedem Hördurchgang immer und immer wieder. Für Fans von 'Moderat', die hier allerdings keinen direkten Club-Ersatz erwarten sollten, sondern eine introspektive Erweiterung des Kosmos. Für Hörerinnen und Hörer, die experimentellen Pop, detailreiche Electronica und emotionale Ehrlichkeit schätzen. Wer Freude an subtiler Dynamik, klanglicher Tiefe und einem selbstbewussten „Vielleicht“ hat, wird hier reich belohnt. Für mich ist 'A Hum Of Maybe' kein lauter Triumph, sondern ein leises, sehr menschliches Statement. Ein Album, das seine Unsicherheit nicht versteckt, sondern produktiv nutzt. Und gerade in dieser Offenheit liegt meiner Meinung nach seine Stärke.

Apparat - A hum of maybe
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