Anaxia - Maska

Anaxia - Maska

Minimalismus klingt in der Theorie immer so friedlich. Weniger besitzen, weniger Ablenkung, mehr innere Ruhe. 'Anaxia' haben das Prinzip offenbar missverstanden. Auf 'Maska' bedeutet weniger nämlich nicht Entspannung, sondern Konzentration: weniger Klänge, dafür jeder einzelne mit der Wirkung eines schlecht beleuchteten Kellergangs um drei Uhr morgens. Ein trockener Rhythmus, ein scharfkantiger Synthesizer, eine Stimme irgendwo zwischen Mensch und Maschine – fertig ist die freundliche Erinnerung daran, dass Reduktion auch ziemlich ungemütlich sein kann. Ganz aus dem Nichts kommt diese Vorliebe für kontrollierte Unruhe dann aber doch nicht. 'Rich Oddie' gehört seit den frühen Neunzigern mit 'Orphx' zu den erfahrensten Grenzgängern zwischen Industrial, Noise, Techno und experimenteller Elektronik. 'Alex Pi', auch als '3.14' bekannt, steht mit 'Pi Electronics' für eine stärker aus der Athener und Berliner Club- und Industrial-Szene kommende Perspektive. In 'Anaxia' treffen diese beiden Erfahrungswelten nun in einem neuen Projekt aufeinander. Alle Stücke wurden gemeinsam geschrieben und produziert.

Das Material zu 'Maska' entstand schon 2021 und 2022 während der Lockdown-Jahre – getrennt zwischen Berlin und Hamilton in Kanada. Erst am 18. September 2026 erschien das Ergebnis über das Mailänder Label 'VEYL'. Fünf eigene Stücke und zwei Remixe ergeben knapp 40 Minuten Musik. Ein Debüt also, das mehrere Jahre im Dunkeln lag. Bei dieser Musik vermutlich kein völlig unangemessener Aufenthaltsort. Die Drum Machines schlagen trocken, Bassfiguren werden präzise gesetzt und Synthesizer dürfen knirschen, fiepen und gelegentlich so klingen, als hätten sie seit Tagen schlechte Laune. Darüber liegen Stimmen, die selten klassische Frontmann-Aufgaben übernehmen. 'Alex Pi', 'Rich Oddie', 'KAOSMOS' und 'Florian Engerling' teilen sich die vokalen Rollen; ihre Stimmen wirken häufig eher wie zusätzliches Klangmaterial: Befehl, Fragment, Schatten.

Überraschend ist dabei vor allem das Tempo. Wer bei Industrial oder EBM automatisch mit durchgetretenem Gaspedal rechnet, dürfte sich wundern. Vieles auf 'Maska' bewegt sich meinem Hören nach schleppend bis im mittleren Bereich. Die Musik rennt nicht auf den Hörer zu – sie steht bereits im Raum und wartet dort. Genau dadurch entsteht Druck. Post-Punk spielt da ebenfalls eine wichtige Rolle: Gitarren und punktuell Bass verleihen der elektronischen Kälte eine organische Schärfe. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Industrial, Minimal Synth, Synthpunk und Body Music, ohne wie eine nostalgische Achtzigerübung zu wirken. Das gefällt mir - ehrlich gesagt - ausgesprochen gut. 'Maska' versucht hier nicht mit maximalem Pegel Eindruck zu schinden. Kleine rhythmische Verschiebungen bekommen Gewicht, einzelne Synthesizer können ganze Passagen kippen. Fein! Die Erfahrung der Beteiligten zeigt sich gerade darin, dass sie offenbar wissen, wann genug tatsächlich genug ist.

Genau darin liegt allerdings auch die Schwäche des Albums. Reduktion ist ein schmaler Grat: Auf der einen Seite steht Hypnose, auf der anderen passiert schlicht zu wenig. 'Maska' bewegt sich erstaunlich sicher darauf, rutscht aber gelegentlich in Richtung Kargheit. Wer große melodische Entwicklungen, üppige Arrangements oder permanent neue Ideen erwartet, könnte sich irgendwann fragen, ob die Maschine noch arbeitet oder nur vergessen wurde auszuschalten. Hinzu kommt dann auch noch die ungewöhnliche Albumstruktur. Von sieben Stücken sind zwei Remixe, womit der eigentliche neue 'Anaxia'-Anteil bei knapp 28 Minuten liegt. Die Neubearbeitungen erweitern das Material sinnvoll, trotzdem hätte das Debüt ein wenig mehr eigenes Fleisch auf den industriellen Knochen vertragen.

Die Remix-Partner sind zumindest gut gewählt. 'In Trance 95' schlagen eine Brücke zur frühen griechischen Minimal-Synth- und Elektronikszene, während 'Years Of Denial' näher an heutiger EBM-, Post-Punk- und Industrial-Clubkultur stehen. So wirken die beiden Versionen nicht wie beliebiges Füllmaterial, sondern wie unterschiedliche Blicke auf das ursprüngliche Material. Trotzdem bleibt für mich der eigentliche 'Anaxia'-Kern spannender. 'Maska' besitzt dabei etwas erstaunlich Zeitloses. Manche Sounds könnten von einer obskuren europäischen Kassette aus den Achtzigern stammen, andere passen problemlos in einen heutigen Industrial-Club. 'Anaxia' bauen alte EBM oder Minimal Wave aber nicht einfach nach. Sie nehmen deren Sprache, zerlegen sie bis auf die Mechanik und setzen sie mit moderner Präzision wieder zusammen.

Wer Industrial vor allem laut, schnell und maximal verzerrt möchte, wird deshalb möglicherweise etwas vermissen. Wer dagegen Freude an frühem EBM, Minimal Wave, düsterem Post-Punk, Synthpunk, rhythmischem Industrial und reduzierter Body Music hat, sollte 'Anaxia' unbedingt auf den Zettel setzen. Hörer von 'Orphx', 'Suicide', 'The Klinik' oder frühen 'DAF' dürften sich in diesem Maschinenraum ziemlich schnell heimisch fühlen. Als Anspieltipp bietet sich 'Laser Star feat. Florian Engerling' an. Das Stück bündelt besonders gut, worum es bei 'Maska' geht: Post-Punk, EBM und Synthpunk werden auf ein trockenes rhythmisches Skelett reduziert und anschließend mit nervösen elektronischen Texturen wieder unter Strom gesetzt. Wer dabei merkt, dass diese Mischung unangenehm angenehm im Nacken arbeitet, kann bedenkenlos tiefer einsteigen.

Für mich liegt die eigentliche Qualität von 'Maska' nicht darin, dass hier zwei erfahrene Musiker demonstrieren, was sie alles können. Spannender ist, was sie bewusst weglassen. Nach Jahrzehnten zwischen Industrial, Techno und experimenteller Elektronik müssen 'Oddie' und 'Pi' niemandem mehr beweisen, wie viele Spuren und Effekte sie gleichzeitig unterbringen können. Manchmal reichen ein trockener Beat, eine verzerrte Stimme und ein schiefer Synthesizer völlig aus. Ein paar zusätzliche eigene Stücke hätten dem Album vielleicht ganz gutgetan – vor allem deshalb, weil man nach knapp 28 Minuten gerade erst beginnt, diese eigentümliche Maschine verstehen zu wollen. Vielleicht ist genau das aber das beste Kompliment. 'Maska' macht aus wenig erstaunlich viel: roh, kalt, körperlich und kontrolliert – wie eine alte Industriemaschine, die nach vier Jahren Stillstand wieder eingeschaltet wird und überraschenderweise nicht rostet. Sie klingt nur ein bisschen böser als vorher.

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