Alter Bridge - Alter Bridge

Alter Bridge - Alter Bridge

2004 war das Jahr, in dem drei Musiker nach dem Ende ihrer vorherigen Band nicht einfach weitermachen wollten – sie wollten es besser machen. Zusammen mit einem damals noch vergleichsweise unbekannten Sänger namens Myles Kennedy entstand Alter Bridge. Aus einem Neuanfang wurde dann eine der konstantesten Rock-Karrieren der letzten zwanzig Jahre. Acht Studioalben später steht nun ein Werk im Raum, das schlicht den eigenen Namen trägt: 'Alter Bridge'. Selbstbewusster kann man kaum sagen: Das hier sind wir – ohne Filter, ohne Umwege. Und genau so fühlt sich dieses Album auch an.

Wer die Entwicklung der Band also verfolgt hat, weiß: Spätestens seit 'Pawns & Kings' (2022) wurde der Ton rauer, kantiger, stellenweise metallischer. Genau an dieser härteren Phase knüpft 'Alter Bridge' nun an – allerdings mit mehr Fokus und Klarheit. Die Gitarren sind wieder tiefer gestimmt, die Riffs massiver, die Rhythmusarbeit druckvoller. Aber alles wirkt kontrollierter, durchdachter, weniger überladen. Es ist die Härte der letzten Jahre – nur präziser geschärft. Mark Tremonti liefert einmal mehr diese unverwechselbaren Heavy-Crunch-Riffs, die sofort Wiedererkennungswert haben. Er ist keiner, der einfach nur Powerchords stapelt. Seine Riffs erzählen Geschichten, bauen Spannung auf, nehmen Fahrt auf, brechen plötzlich ab und setzen neu an. Und genau diese Dynamik zieht sich durch das gesamte Album.

Was auf 'Alter Bridge' besonders auffällt: Der Wechselgesang zwischen Tremonti und Myles Kennedy ist präsenter denn je. Beide übernehmen häufiger unterschiedliche Rollen innerhalb eines Songs – Strophe hier, Refrain dort, Harmonien im Hintergrund. Dieses Ping-Pong-Spiel der Stimmen sorgt für frische Akzente und gibt vielen Songs eine zusätzliche Tiefe. Das hat die Band zwar schon früher gemacht, aber hier wirkt es bewusster eingesetzt, fast schon als stilistisches Markenzeichen dieses Albums. Kennedy selbst zeigt wieder einmal, warum er zu den markantesten Stimmen des modernen Rock gehört. Er klingt emotional, ohne kitschig zu werden. Kraftvoll, ohne zu überziehen. Und wenn er in die hohen Register geht, passiert genau das, was passieren soll: Gänsehaut. Keine Show-Off-Akrobatik, sondern echtes Gefühl.

Das Album deckt stilistisch viele Facetten ab. Es gibt schwere, stampfende Tracks mit kompromissloser Gitarrenarbeit. Es gibt treibende Songs, die das Tempo anziehen und fast schon an die energischsten Momente der Bandgeschichte erinnern. Und es gibt ausladende, epische Stücke, die sich Zeit nehmen, Spannung aufzubauen. Besonders das Finale sticht heraus: Mit über neun Minuten Spielzeit markiert es nicht nur einen epischen Schlusspunkt, sondern ist meiner Recherche nach tatsächlich der längste Song der gesamten Bandgeschichte. Hier wird nicht einfach nur ein Refrain wiederholt, sondern dramaturgisch gearbeitet. Leise Passagen, Aufbau, Explosion, wieder Rückzug – das ist großes Kino auf Albumlänge.

Produzent „Elvis“ 'Michael Baskette' sorgt dabei erneut für den passenden Rahmen. Der Sound ist druckvoll, aber transparenter als bei manch früherer Veröffentlichung. Schlagzeug und Bass greifen sauber ineinander, die Gitarren haben Raum, und die Vocals sitzen perfekt im Mix. Man hört Details – kleine Gitarrenfiguren, mehrstimmige Gesangsschichten, rhythmische Feinheiten. Dieses Album gewinnt mit jedem weiteren Durchlauf. Natürlich ist nicht alles auf absolutem Ausnahme-Niveau. Man merkt an ein, zwei Stellen, dass hier eher solide Handwerkskunst als absolute Inspiration regiert. Zwei, drei Songs bleiben „gut“ – aber eben nicht überragend. Sie erfüllen ihren Zweck, ohne sich sofort ins Gedächtnis zu brennen. Doch selbst diese Momente sind technisch stark und stören den Gesamtfluss nicht. Und genau hier liegt der Unterschied zu vielen anderen Bands dieser Größenordnung: Selbst wenn nicht jeder Song ein Volltreffer ist, wirkt das Album nie beliebig. Es klingt nach vier Musikern, die wissen, was sie tun – und die immer noch Lust haben, es zu tun.

Was mir persönlich am meisten gefällt: Dieses Album klingt nicht nach Routine. Es klingt nach Überzeugung. Nicht nach „Wir müssen noch ein Album liefern“, sondern nach „Wir wollen genau dieses Album machen“. Mehrfach hatte ich beim Hören dieses breite Grinsen im Gesicht – dieses „Ja, genau deshalb höre ich diese Band seit Jahren“-Gefühl. Wenn ein Riff sitzt. Wenn der Refrain explodiert. Wenn sich ein Song langsam aufbaut und man genau weiß, dass gleich dieser Moment kommt – und er dann auch wirklich kommt.

'Alter Bridge' ist somit kein radikaler Stilbruch und kein Experimentierlabor. Es ist die konzentrierte Essenz einer Band, die nach über zwanzig Jahren noch immer relevant, hungrig und kraftvoll klingt. Wer modernen Hardrock mit metallischer Schärfe, starken Melodien und epischer Dramaturgie liebt, wird hier bestens bedient. Fans der härteren Phase seit 'Pawns & Kings' dürften besonders auf ihre Kosten kommen. Für mich ist 'Alter Bridge' eines der stärksten Statements der Band seit 'Fortress'. Kein Alterswerk, kein Abklatsch vergangener Glanzzeiten – sondern ein selbstbewusstes, wuchtiges Kapitel in einer beeindruckend konstanten Karriere. Und wenn eine Band nach über zwei Jahrzehnten noch so klingt, dann darf man ruhig sagen: Diese Brücke steht. Und sie trägt.

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