Drei Leute aus Straßburg. Eine Drum-Machine. Viel Hall. Noch mehr Bass. Und ungefähr so viel gute Laune wie ein französischer Wintermorgen im Industriegebiet. Willkommen bei 'Heimberg' und ihrem Debütalbum 'Faceless'. Seit 2022 arbeitet das Trio meiner Recherche nach schon an dem Sound, der gleichzeitig reduziert und intensiv ist. Bereits mit den vorangegangenen EPs 'Isolation' und 'Blind Eye' war klar: Hier wird nichts ausgeschmückt, hier wird verdichtet. Mit 'Faceless' verlassen sie nun endgültig das EP-Format und liefern ihr erstes echtes Albumstatement – und beweisen dabei, dass ihr Sound nicht nur auf kurzer Distanz funktioniert, sondern auch über Albumlänge trägt.
Musikalisch ist 'Faceless' kein Album, das sich einschmeichelt. Es steht bildlich gesehen eher einfach da – mit verschränkten Armen – und wartet ab, ob man bereit ist, näherzutreten. Und ich gebe zu: Ich war neugierig, aber auch ein wenig skeptisch. Post-Punk ist ein Genre, das schnell in dekorativer Schwermut versinken kann. Doch 'Heimberg' umgehen diese Falle erstaunlich souverän wie ich finde. Der Bass ist das Rückgrat des Albums. Knurrend, treibend, stoisch. Er zieht sich wie eine dunkle Linie durch Beton. Zusammen mit der Drum-Machine entsteht ein mechanisches Fundament, das fast schon unerbittlich wirkt. Die Rhythmen sind präzise, wiederholend, hypnotisch. Kein Firlefanz, keine verspielten Breaks – sondern ein gleichmäßiges, pulsierendes Drängen.
Darüber legen sich Gitarren, die in Reverb und Chorus baden. Sie wirken luftig und gleichzeitig frostig, fast wie Nebelschwaden über einer nächtlichen Stadtkulisse. Diese Klangflächen sorgen dafür, dass die Musik trotz ihrer Reduktion nicht leer wirkt. Im Gegenteil: Gerade die Minimalistik schafft Raum. Raum für Atmosphäre. Raum für Unbehagen. Raum für eigene Gedanken – und das kann bekanntlich gefährlich werden, wenn man nachts zu viel Zeit hat. Die Vocals bleiben distanziert und meist klagend, beinahe körperlos. Sie drängen sich nicht auf, sondern verschmelzen mit dem Instrumentalgerüst. Worte wiederholen sich, verschieben ihre Bedeutung, werden mantraartig. Diese bewusste Reduktion erzeugt einen Sog.
Warum also 'Faceless'? Der Titel wirkt vielleicht wie ein programmatischer Hinweis. Gesichtslose Identität, Maskierung, Auflösung des Selbst – all das spiegelt sich im Sound wider. Die Stimmen bleiben entrückt, nie ganz greifbar. Die Instrumente verschwimmen im Hall, verlieren scharfe Konturen. Es gibt keine klaren, strahlenden Hooks, keine heroischen Momente. Stattdessen entsteht das Gefühl, dass Individualität hier nicht inszeniert, sondern bewusst verwischt wird. Das Album klingt, als würde es sich selbst im Spiegel betrachten – und das eigene Gesicht langsam ausblenden. Beim dritten Durchlauf habe ich dann gemerkt, was 'Faceless' wirklich mit mir macht. Ich hatte das Album bewusst am Abend gehört, das Licht gedimmt, keine Ablenkung. Und plötzlich fiel mir auf, dass ich nicht mehr auf einzelne Elemente achtete. Kein Fokus mehr auf Bass oder Gitarre. Ich war einfach im Gesamtklang gefangen. Genau da funktioniert dieses Debüt meiner Meinung nach am stärksten: wenn man aufhört, es analysieren zu wollen, und sich stattdessen in dieser stoischen, leicht beklemmenden Atmosphäre treiben lässt. Was mir wirklich besonders gefällt: 'Heimberg' verzichten auf große Gesten. Keine pathetischen Höhepunkte, keine dramatischen Explosionen. Die Spannung entsteht schleichend. Sie wächst langsam, beinahe unmerklich, bis man sich in diesem dichten Klangnebel wiederfindet. Das Album arbeitet mit Wiederholung – aber nie aus Bequemlichkeit, sondern als Stilmittel. Monotonie wird hier zum Mantra.
Leichte Industrial-Anklänge die hin- und wieder eingestreut werden, verleihen dem Ganzen eine raue Textur. Gleichzeitig verhindern melodische Elemente aber dass alles in bloßer Strenge erstarrt. Es ist diese Balance zwischen Kälte und unterschwelliger Emotionalität, die 'Faceless' so interessant macht. Das Album wirkt wie eine nächtliche Autofahrt durch eine menschenleere Stadt: gleichförmig, hypnotisch – und dennoch voller latenter Spannung. Ganz ehrlich? Ich hatte beim ersten Hören kurz die Sorge, dass mir das auf Dauer zu gleichförmig sein könnte. Doch genau diese Gleichförmigkeit entwickelt ihren eigenen Reiz. 'Faceless' ist ein Album, welches dich langsam hinein zeiht. Und wenn es dich erst einmal hat, dann bleibst du freiwillig.
Also, wie schon sooft gesagt. 'Faceless' ist kein Release für den schnellen Konsum. Es eignet sich ganz sicher nicht als Hintergrundbeschallung beim Sonntagsbrunch wenn OIma und Opa da sind. Auch wer sofortige Ohrwürmer, große Hooks oder warme Klanglandschaften sucht, wird hier vermutlich Probleme bekommen. Für Liebhaber von Post-Punk und Cold Wave in ihrer reduzierten, hypnotischen Form ist das Debüt von 'Heimberg' jedoch schon eine eindeutige Empfehlung. Wer düstere Ästhetik, stoische Rhythmen und eine Atmosphäre zwischen Traum und Schlaflosigkeit schätzt, sollte dieses Album unbedingt hören. Mich persönlich hat 'Faceless' nicht umgehauen – es hat mich eher langsam umklammert. Und genau das macht hier seinen Reiz aus. Es ist ein Debüt ohne Lächeln, aber mit Haltung. Und manchmal sind genau diese Alben die, die am längsten bleiben.
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Heimberg - Faceless
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