Illenium - Odyssey

Illenium - Odyssey

Man weiß derzeit nicht so genau, was aus den USA als Nächstes kommt. Neue Strafzölle? Ein weiterer wirtschaftspolitischer Schlingerkurs? Oder die nächste Pressekonferenz, bei der man sich fragt, ob hier gerade Politik gemacht wird – oder doch eher Unterhaltung. Während im Weißen Haus durch den „verrückten Zoll-Opa“ ökonomische Leitplanken verschoben werden, fast im Rhythmus eines Börsentickers, erinnert ein anderer US-Export daran, dass dieses Land nicht nur Schlagzeilen produziert, sondern auch Klangwelten: Musik. Und zwar solche, die nicht spalten, sondern verbinden. Denn politische Debatten ermüden, melodische Drops dagegen sprechen eine universelle Sprache. Märkte schwanken – Emotionen nicht. Inmitten globaler Unruhe setzt der US-amerikanische DJ und Produzent Nicholas D. Miller mit seinem Projekt ‘Illenium’ und dem Release ‘Odyssey’ auf etwas, das keine Handelsgrenzen kennt: Katharsis. Wo draußen Lautstärke dominiert, liefert er kontrollierte Intensität. Wo Kommunikation brüchig wirkt, sind seine Übergänge präzise konstruiert. Und während politische Narrative oft zerfasern, inszeniert er eine klar geführte Reise der Selbstfindung. Genau dort beginnt die eigentliche Frage dieses Albums.

Meine klare These: ‘Odyssey’ ist sein ausgereiftestes, aber nicht sein mutigstes Werk. Seit Jahren steht ‘Illenium’ für melodischen Bass in Stadiongröße – Katharsis mit Nebelmaschine. Mit seinem sechsten Studioalbum erhebt er nun den Anspruch, eine zusammenhängende Reise zu erzählen. Der Titel verweist bewusst auf Homers Epos. Heimkehr. Transformation. Prüfungen. Entwicklung. Jeder Song soll ein Kapitel sein, Teil einer größeren Erzählung. Der Opener ‘Odyssey’ legt die mythologische Spur aus. Atmosphärisch, beinahe mystisch. Die Übergänge – etwa in ‘Into The Dark’ – fließen ineinander, als wolle er sagen: Das hier ist kein Streaming-Hit-Mosaik, sondern ein Narrativ. Und ja – das Konzept ist durchdacht. Aber genau hier beginnt meine kritische Auseinandersetzung.

Als Narrativ-Album funktioniert ‘Odyssey’ konzeptionell stärker als dramaturgisch. Die Idee einer Reise ist präsent – doch echte Brüche, echte Gefahrenzonen, echtes Scheitern bleiben aus. Wenn Homer uns lehrt, dass Odysseus durch Monster, Götter und Verlust geformt wird, dann bleibt ‘Illeniums’ Reise vergleichsweise glatt. Emotional intensiv – aber kontrolliert. Musikalisch bewegt sich ‘Odyssey’ auf beeindruckendem Niveau. Future Bass bleibt Fundament, doch er durchquert verschiedenste Genre-Territorien: Progressive-House-Euphorie, melodischer Drum & Bass, rockige Schwere. ‘Slave To The Rithm’ mit ‘Bring Me The Horizon’ ist ein metallischer Zusammenstoß von Gitarrenwand und Subbass-Gewitter. ‘War’ mit ‘Lø Spirit’ drückt aggressiv nach vorne, während ‘Not Ordinary’ mit ‘Kid Cudi’ auf rollenden DnB-Beats fast schwebt. Diese Vielseitigkeit ist kein Zufall – sie ist kalkuliert klug. ‘Illenium’ springt zwischen Genres wie ein Dirigent zwischen Orchestersektionen, ohne dass das Album auseinanderfällt. Das ist Handwerk auf höchstem Niveau. Und doch kommt hier der entscheidende Punkt: Die Produktion ist so perfekt, dass sie sich manchmal wie ein goldener Käfig anfühlt. Die Synth-Layer bauen sich auf wie eine Kathedrale aus Licht. Jeder Drop ist ein perfekt inszeniertes Feuerwerk – hell, laut, überwältigend. Aber eben auch exakt geplant. Es gibt irgendwie kaum Momente, die sich riskant anfühlen. Kaum Stellen, an denen ich denke: „Das hätte auch schiefgehen können.“ Und genau das ist mein größter Kritikpunkt. ‘Odyssey’ entscheidet sich bewusst gegen Gefahr.

Textlich dreht sich - meinem Verständnis nach - vieles um Selbstfindung, toxische Beziehungen, Reue und Hoffnung. ‘Take Me Back’ verarbeitet Vergangenheitssehnsucht, ‘War’ nutzt Kampf als Metapher für emotionale Zerstörung, ‘Ur Alive’ schließt mit versöhnlicher Dankbarkeit. Das ist stimmig, emotional zugänglich und wirkungsvoll – aber selten überraschend. Die Lyrics funktionieren, doch sie schneiden nicht tief. Und trotzdem: Es gibt keinen echten Schwachpunkt. Highlights wie ‘Forever’, ‘Slave To The Rithm’, ‘War’, ‘Take Me Back’, ‘Feel Alive’ und ‘Not Ordinary’ bündeln alles, was Fans lieben. Live werden diese Songs Stadien zum Leuchten bringen – das ist keine Frage. Ist es sein stärkstes Album? Vielleicht sein reifstes. Vielleicht sein vielseitigstes. Aber nicht sein mutigstes. Und hier schließt sich dann auch der Kreis zur Einleitung: Während politische Führung manchmal chaotisch wirkt, liefert ‘Illenium’ maximale Kontrolle. Während draußen Unberechenbarkeit herrscht, entscheidet er sich für Sicherheit. Das ist tröstlich – aber nicht revolutionär. ‘Odyssey’ bringt uns sicher nach Hause. Keine Schiffbrüche. Keine Monster. Keine wirklichen Umwege. Nur eine perfekt kartografierte Route durch große Gefühle. Und vielleicht ist das in diesen Zeiten genau das, was viele brauchen.

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