Was passiert, wenn jahrhundertealte georgische Volkslieder auf schwere Post-Rock-Gitarren treffen? Wenn archaische Frauenstimmen nicht im Museum landen, sondern mit Post-Metal und weit aufgerissenen Klanglandschaften kollidieren? The Light Below beantworten diese Frage mit ihrem Debütalbum ‘Georgia’ – und liefern kein vorsichtiges Crossover, sondern ein bewusst forderndes musikalisches Experiment, das Tradition und Moderne frontal aufeinanderprallen lässt.
‘Georgia’ ist eines dieser Alben, bei denen schon nach kurzer Zeit klar wird: Das hier will Zeit. Und Aufmerksamkeit. Sobald die CD einmal im Player liegt, ertappt man sich dabei, wie man nicht mehr einfach nur nebenbei hört, sondern hängen bleibt – manchmal über einen ganzen Nachmittag oder Abend hinweg. Post-Rock und Post-Metal geben sich hier die Klinke in die Hand, mal wuchtig, mal zurückgenommen, aber immer mit einem deutlichen Sinn für Dramaturgie. Das zentrale Element des Albums ist die Zusammenarbeit mit dem georgischen Frauenchor ‘Akhla’. Deren traditionelle Volkslieder aus unterschiedlichen Regionen Georgiens werden nicht bloß als atmosphärische Farbe eingesetzt, sondern sind integraler Bestandteil der Musik. Die Chorstimmen wirken archaisch, fast zeitlos, und stehen in starkem Kontrast zu den kantigen, teils schroffen Gitarrenwänden von ‘The Light Below’. Genau aus dieser Reibung entsteht die besondere Spannung von ‘Georgia’.
Was mich dabei besonders überzeugt: Trotz der auf dem Papier ungewöhnlichen Mischung wirkt nichts beliebig oder aufgesetzt. Die traditionellen Lieder wurden neu interpretiert und so arrangiert, dass sie organisch mit den instrumentalen Post-Rock-Elementen verschmelzen. Mal entsteht daraus eine düstere, beinahe bedrohliche Atmosphäre, mal etwas überraschend Leuchtendes, fast Erhabenes. Es gibt Momente, die sich wie Offenbarungen in Moll anfühlen – ohne dass das Album jemals ins Pathetische kippt. Toll!
Auch die Dynamik überzeugt. ‘Georgia’ lebt von Gegensätzen: Härte trifft auf Zurückhaltung, massive Klangwände auf balladesk-dezente Phasen. Die ruhigeren Passagen wirken dabei nicht wie Verschnaufpausen, sondern wie notwendige Ruhepunkte, die den folgenden Ausbrüchen erst ihre Wirkung verleihen. Gerade dieser Wechsel sorgt dafür, dass das Album trotz seiner Intensität über die volle Länge spannend bleibt. Inhaltlich und klanglich ist das Ganze zweifellos ambitioniert – und ja, auch fordernd. Nicht jeder Moment zündet sofort, und manche Passagen verlangen Geduld. Aber genau darin liegt auch die Stärke von ‘Georgia’: Es ist kein Album, das um schnelle Zustimmung buhlt, sondern eines, das sich langsam entfaltet und mit jedem Durchgang an Tiefe gewinnt.
‘Georgia’ ist ein sehr starkes, mutiges Debüt. Mich beeindruckt vor allem, wie selbstverständlich hier Folklore und moderner Post-Rock bzw. Post-Metal miteinander verbunden werden, ohne dass eine Seite die andere dominiert. Euphorisch macht mich das Album nicht – dafür ist es zu ernst, zu schwer, zu bewusst komponiert. Aber genau deshalb bleibt es hängen. Geeignet ist ‘Georgia’ für Hörerinnen und Hörer, die offen für Grenzgänge sind, Geduld mitbringen und Musik gerne als intensives Gesamterlebnis verstehen. Wer eingängige Songs, klare Hooks oder schnelle Belohnung sucht, dürfte sich vermutlich eher schwertun. Wer jedoch Lust auf ein außergewöhnliches, in sich geschlossenes Album hat, das Tradition respektvoll in einen modernen Kontext stellt, sollte sich ‘Georgia’ unbedingt anhören!
The Light Below - Georgia
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