Arash Akbari - Nāsūr

Arash Akbari - Nāsūr

Man stelle sich vor, jemand nimmt die Stunden zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, destilliert sie und gießt das Ergebnis in Klang. Genau so ungefähr funktioniert 'Nāsūr' von 'Arash Akbari'. Schlaf ist hier Mangelware, Gedanken dafür im Überfluss. Der Titel – eine Wunde, die sich nicht schließen will – wirkt dabei weniger wie eine Metapher als wie eine nüchterne Diagnose. Und während andere versuchen, solche Zustände zu vermeiden, macht 'Arash Akbari' daraus ein Album. Mutig? Ja. Angenehm? Ganz sicher nicht. Spannend? Leider auch ein bisschen zu sehr.

Musikalisch bewegt sich 'Nāsūr' im Grenzbereich von Ambient, Industrial und experimenteller Soundkunst – also genau dort, wo klassische Songstrukturen konsequent ignoriert werden und stattdessen Textur, Dichte und Atmosphäre die Hauptrolle übernehmen. Wer hier auf Orientierung hofft, bekommt stattdessen Desorientierung in Reinform geliefert. Das Album funktioniert dann auch eher als durchgehendes Klangkontinuum. Die fünf Tracks wirken wie Phasen eines Zustands – weniger wie Kompositionen, mehr wie ein langsames Abrutschen. Übergänge sind fließend, manchmal fast zu fließend. Das Problem: Was als konzeptionelle Stärke gedacht ist, wird über die Zeit zur strukturellen Schwäche. Denn wo alles miteinander verschmilzt, bleibt am Ende auch wenig hängen.

Klanglich entfaltet sich hier ein dichtes Geflecht aus verzerrten Drones, dissonanten Signalen und organisch wirkenden Geräuschtexturen. Die präparierte Gitarre fungiert dabei weniger als Instrument, sondern eher als Störquelle – kratzend, nervös, permanent in Reibung mit den umgebenden Flächen. Das ist spannend, keine Frage. Aber auch anstrengend. Und zwar nicht nur gewollt, sondern stellenweise schlicht überreizt. Die tieffrequenten Pulse verstärken diesen Eindruck. Sie erzeugen keinen Groove, sondern Druck – körperlich spürbar, unterschwellig drängend. Das funktioniert hervorragend, solange man sich darauf einlässt. Wer jedoch auf irgendeine Form von Entwicklung oder Variation hofft, wird schnell feststellen: Hier wird nicht geführt – hier wird festgehalten. Ein starkes Element sind die verfremdeten Field Recordings, die zwischen 2021 und 2024 entstanden sind. Sie wirken wie bruchstückhafte Erinnerungen, die sich nie ganz greifen lassen. Dieses Spiel mit Wahrnehmung und Unsicherheit gehört zu den gelungensten Momenten des Albums. Hier zeigt 'Arash Akbari', dass er Atmosphäre nicht nur erzeugen, sondern auch präzise dosieren kann. Und genau deshalb fällt ein Punkt besonders auf: Das Album weiß sehr genau, wie es wirkt – aber nicht immer, wann es genug ist.

Die im Pressetext beschriebene „Faltung der Zeit“ ist hörbar. Passagen dehnen sich, verlieren Kontur, treiben in einem Zustand zwischen Stillstand und latenter Bewegung. Doch was anfangs faszinierend ist, kippt mit zunehmender Laufzeit in eine gewisse Monotonie. Nicht, weil nichts passiert – sondern weil alles auf die gleiche Art passiert. Gegen Ende reduziert sich die Klangdichte spürbar. Die Turbulenz weicht einer ausgebleichten, fast sterilen Ruhe. Keine Erlösung, keine Katharsis – nur ein nüchternes Gleichgewicht. Konzeptuell ist das konsequent. Emotional bleibt es jedoch überraschend distanziert. Der Sturm ist vorbei – aber man ist sich nicht sicher, ob er jemals wirklich stattgefunden hat.

'Nāsūr' von 'Arash Akbari' ist ein ambitioniertes, konzeptionell starkes Werk, das sich tief im Bereich von Ambient, Industrial und experimenteller Klangkunst verortet – und dort mit beeindruckender Konsequenz arbeitet. Für Hörer, die sich bewusst auf dichte, fordernde Klangräume einlassen wollen, ist dieses Album absolut relevant. Wer Musik als Zustand begreift und keine Angst vor Reibung hat, wird hier einiges entdecken. Für alle anderen gilt: Vorsicht. Dieses Release holt niemanden ab. Es erwartet, dass man bereits da ist – oder bereit ist, sich dorthin zu begeben. Unterm Strich ist 'Nāsūr' ein Album, das mehr Eindruck hinterlässt als Erinnerungen. Es funktioniert als Erfahrung – aber nur bedingt als Werk, zu dem man zurückkehrt. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Form von Konsequenz: Eine Wunde, die nicht heilt – aber auch keine Geschichte erzählt, warum sie überhaupt entstanden ist.

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