Warum haben wir Wolfsheims „No Happy View“ bislang eigentlich nicht den Platz eingeräumt, den dieses Album verdient? Eine berechtigte Frage, zu der die Redaktion nach eingehender Beratung folgende Stellungnahme abgibt: „Huch.“ Immerhin haben wir eine brauchbare Ausrede: Das Album stammt aus dem Jahr 1992, während wir erst gegen Ende 1997 angefangen haben, redaktionell tätig zu werden. Die ersten fünf Jahre sind damit sauber erklärt. Für die Zeit danach müssten wir jetzt verschollene Manuskripte, defekte Festplatten und einen tragischen Zwischenfall mit Kaffee bemühen. Tatsächlich haben wir diesem Debüt bisher einfach zu wenige Zeilen gewidmet. Höchste Zeit, das zu ändern – bevor jemand fragt, was wir sonst noch sträflich kurz abgehandelt haben.

Dabei lässt sich ziemlich klar sagen, weshalb „No Happy View“ so ein tolles Album ist: Wolfsheim haben hier ein ausgesprochen gutes Gespür für Melodien und schaffen eine Atmosphäre, in der man sich gern verliert. Das 1992 bei Strange Ways erschienene Debüt von Peter Heppner und Markus Reinhardt verbindet die Eingängigkeit elektronischer Popmusik mit einer Melancholie, die den Songs Gewicht gibt. Die Musik erreicht einen schnell, bleibt aber auch dann interessant, wenn der erste Reiz des Wiedererkennens vorbei ist. Genau darin liegt ihre Stärke: Man möchte die Stücke wieder und immer wieder hören, weil ihre Melodien eben etwas auslösen.

Wolfsheim beherrschen dabei die Kunst, eine Melodie unmittelbar zugänglich zu machen und ihr zugleich einen sehnsüchtigen Zug mitzugeben. Diese Verbindung macht „No Happy View“ so reizvoll. Ein Song kann sich dabei festsetzen, ohne seine Stimmung nach wenigen Durchläufen aufgebraucht zu haben. Gerade im Synthpop, wo ein prägnanter Sound schnell Aufmerksamkeit erzeugt, ist das eine Qualität, die über die Lebensdauer einzelner Produktionstrends hinausreicht. Bei diesem Album bleiben die musikalischen Ideen hängen. Die Elektronik gibt ihnen ihre Form, doch die Melodien sind der Grund, weshalb man zurückkommt.

Die Atmosphäre trägt ebenso viel dazu bei. „No Happy View“ besitzt diese besondere Mischung aus Distanz und Nähe: elektronische Klänge, die etwas Kühles haben können, und ein Gesang, der ihnen Wärme und Verletzlichkeit mitgibt. Daraus entsteht eine Welt, die nachdenklich und sehnsüchtig wirkt, ohne den Zugang zur Musik zu erschweren. Selbst wenn ein Rhythmus nach Bewegung verlangt, bleibt Platz für ein etwas schwereres Herz. Man könnte dazu durchaus die Tanzfläche betreten – der Gesichtsausdruck darf trotzdem aussehen, als hätte man gerade einen sehr persönlichen Brief gelesen. Peter Heppners Stimme ist dafür meiner Meinung nach mitentscheidend. Ihr unverwechselbarer Tonfall gibt den Songs eine Persönlichkeit, die sich schwer von der Musik trennen lässt. Seine Wirkung liegt in dieser eigentümlichen Mischung aus Zurückhaltung und emotionalem Ausdruck. Es braucht keine große stimmliche Geste, um eine Melodie aufzuladen. Gerade der Eindruck, dass hier jemand eher in sich hinein als demonstrativ nach außen singt, macht den Gesang so anziehend. Zusammen mit Reinhardts elektronischen Arrangements entsteht ein musikalisches Gegenüber, dem man gern länger zuhört.

Unser besonderer Anspieltipp ist das eher ruhige „Annie“. Hier kommt die atmosphärische Stärke des Albums besonders schön zur Geltung. Das Stück lädt dazu ein, für ein paar Minuten bei einer Stimmung zu bleiben und der Melodie zu folgen. Seine Ruhe gibt dem Gesang Raum; die emotionale Wirkung kann sich entfalten, ohne dass der Song ständig zusätzliche Aufmerksamkeit einfordern müsste. Wer Wolfsheim hauptsächlich mit ihrem bekanntesten Dauerbrenner verbindet, sollte unbedingt hier einsteigen. „Annie“ zeigt, wie viel Ausdruck diese Musik auch in ihren leiseren Momenten besitzt, und gehört für uns zu den schönsten Gründen, das gesamte Album aufzulegen.

Mit „It's Not Too Late“ steht außerdem ein weiterer Song auf der Platte, der Wolfsheims melodisches Gespür überzeugend auf den Punkt bringt. Hier zeigt sich, wie gut Eingängigkeit und melancholischer Ausdruck zusammenpassen. Die Melodie öffnet die Tür, die Stimmung sorgt dafür, dass man bleiben möchte. Diese Balance ist auf „No Happy View“ ein wesentlicher Teil des Vergnügens: Die Musik lässt sich leicht mögen und bietet zugleich genügend emotionale Tiefe, um mehr als einen kurzen Eindruck zu hinterlassen. Und natürlich führt kein Weg an „The Sparrows And The Nightingales“ vorbei. Die bereits 1991 veröffentlichte Single bündelt vieles von dem, was Wolfsheim auszeichnet: ein markantes elektronisches Motiv, Bewegung und eine Gesangsmelodie mit hohem Wiedererkennungswert. Dass dieser Song ein Dauerbrenner ist, überrascht angesichts dieser Verbindung kaum. Er besitzt jene seltene Selbstverständlichkeit, bei der sich Melodie, Rhythmus und Stimme gegenseitig tragen. Für alle, die Wolfsheim bislang nicht kennen, bleibt er der naheliegende Einstieg. Den habt ihr vermutlich schon einmal gehört – vielleicht ohne zu wissen, von wem er stammt. Das wäre dann eure Ausrede.

„Annie“ und „The Sparrows And The Nightingales“ machen dabei zwei Seiten des Albums greifbar: die ruhige Versenkung und den unmittelbaren Sog eines großen Popsongs. Das zurückhaltende „This Time“ bietet einen weiteren Anlass, auch den leiseren Stücken Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade diese Momente geben „No Happy View“ neben seiner Eingängigkeit einen eigenen emotionalen Raum. Mit elf Titeln und rund vierzig Minuten bleibt das Debüt angenehm kompakt und bietet genügend Gelegenheit, diesen Raum zu erkunden. Für uns jedenfalls ist „No Happy View“ ein großartiges Debüt aus ferner Zeit, dessen melodische Stärke und dichte Atmosphäre auch heute überzeugen. Die Musik trägt ihre Herkunft aus den frühen Neunzigern durchaus hörbar in sich; ihre Anziehungskraft reicht weit darüber hinaus. Dafür sorgen die schönen Melodien, Heppners unverwechselbare Stimme und das sichere Gespür dafür, wie elektronische Klänge Gefühle transportieren können. „Annie“ ans Herz, „The Sparrows And The Nightingales“ auf die Tanzfläche – und anschließend gern die ganze Platte. Unsere redaktionelle Ausrede ist damit jedenfalls aufgebraucht.