OK, eine Nachbetrachtung zum WGT 2021. Es ist nicht so, dass ich nicht voller Eindrücke wäre. Ehrlich gesagt habe ich die letzten Tage mit mir gehadert, wie man so etwas anstellt, eine Nachbetrachtung. Die eigentlich zündende Idee kam mir erst heute. Und darum hoffe ich, dass ich mit den nun folgenden Zeilen niemandem zu nahe trete oder ich keinen verärgere. Jedoch handelt es sich um mein persönliches Erleben. Nichts liegt mir also ferner, als jemandem auf den Schlips zu treten. Seht es einfach als die Ansichten eines nicht mehr ganz so taufrischen Mannes. Zunächst gehen wir nach früher, ganz, ganz früher…

Irgendwann im Frühling des Jahres 1992 war ich bei einer Freundin zu Hause und wir hörten Vinyl-Platten (die damals immer noch und nicht schon wieder Up-to-Date waren. 😊 ). Eine dieser Scheiben, die quasi in der halleschen Grufti-Szene in Dauerschleife lief, war „Die Propheten“. Diese Veröffentlichung kam von einer jungen deutschen Band namens „Das Ich“. Das Genre wurde als „Neue deutsche Todeskunst“ bezeichnet, ich weiß zwar nicht mehr, ob damals schon, aber heute ist es so. Gerade erst war in den öffentlich-rechtlichen Sendern ein Bericht über die Grufti-Szene (oder über das, was der Gutbürger davon hielt) gelaufen. Unsere Eltern waren also extrem verstört, da man auch Live-Videomaterial von „Das Ich“, speziell des Liedes „Gottes Tod“ über den Äther geschickt hatte. Umso mehr interessierte uns die Platte also. Damals war auch noch vollkommen egal, dass die Texte eigentlich eine vollkommen andere Sinndeutung hatten, diese erschloss sich mir erst viel später. Wir waren einfach von der Provokation angefixt.

Während ich mich und meine Freundin also damals mit den alkoholischen Getränken der Hausbar ihres Vaters abfüllte und wir der neuen deutschen Todeskunst huldigten, sagte sie, sie hätte gehört, dass die Band just an diesem Abend in Leipzig ein Konzert geben wird. Heutzutage ist so etwas kein Problem, aber als immer klammer 16 Jahre alter Knilch, der seine letzten Bargeldreserven lieber in die Beschaffung neuen Haarsprays steckte (die fatalen Folgen sieht man heute) war es absolut unmöglich eine Zugfahrt nach Leipzig zu bezahlen. Aber wir wollten „Das Ich“ unbedingt sehen. Also, ab in den Zug und im Klo eingeschlossen. Die Schaffner waren (aufgrund der Nachwendeunsicherheiten) auch nicht besonders kontrollierfreudig, also gab es keine großen Probleme. In Leipzig selbst fragten wir uns dann zum Klub „Eiskeller“ durch. Dieser lag im tiefsten Connewitz. Am Eingang ging es dann recht schnell, dass wir uns die Tickets und ein, zwei Bier zusammengeschnorrt hatten. Die Leute, die damals „Die Alten“ waren, waren da etwas freigiebiger, als es heute der Fall sein dürfte.

Neben „Das Ich“ kamen wir so in den Genuß weiterer Bands, neben „Love like Blood“ und „The Eternal Afflict“ war da eine andere, die relativ neu im Geschäft war: „Goethes Erben“. Das war alles genau unser Ding. An Einzelheiten kann ich mich jetzt nicht mehr genau erinnern, nur noch, dass wir ein paar Leute trafen, ausgiebig feierten und ich irgendwann am nächsten Tag, ziemlich fertig, wieder zu Hause ankam. Es gab ein wenig Streß, denn natürlich hatte ich niemandem gesagt wo ich war. Und Handys gab es damals noch nicht. Egal, der Abend war geil.

Wie es der Zufall so will, erfuhr ich Jahre später, dass ich wohl unbeabsichtigt auf dem ersten offiziellen WGT war. Gut, ok, feine Randbemerkung, aber damals war das noch nicht von solcher Wichtigkeit. Gehen wir ein paar Jahre vorwärts. Das WGT hatte sich mittlerweile als alljährliche Veranstaltung etabliert. Man verabredete sich, fuhr mit Freunden, zeltete gemeinsam. Man bekam sein Treffenbändchen am Werk II, das damals Dreh- und Angelpunkt des Festivals war. Das WGT war sehr gut, um Freunde aus der Region einfach mal auf einem Haufen zu haben. Jedes Jahr ein munteres Stelldichein der Szene, die meisten kannte man ja. Irgendwie wurde dann alles größer und größer, bis zu besagtem Jahr 2000. Es sollte das größte, beste, gigantischste WGT von allen werden. Und es wurde zu einer gigantischen Pleite. Ich weiß noch genau, wie wir am Völkerschlachtdenkmal standen und auf „Wolfsheim“ warteten (ja, es gab auch dunkle Zeiten in meiner Vergangenheit!). Zuerst war es nur ein Gerücht, dann war es Tatsache: Irgendwer ist mit der Kasse abgehauen, die Künstler werden nicht bezahlt und alles bricht zusammen.

Wir fuhren flugs zum Zeltplatz zurück, um wenigstens unser Hab und Gut vor Plünderern zu retten. Was dann kam, war genial. Den meisten Leuten war es vollkommen egal, wir setzten uns auf dem Zeltplatz zusammen und machten Party, einfach Frust bekämpfen. Am nächsten Morgen kamen die Leipziger und Leipzigerinnen, um auf der AGRA das Gotik-Feeling hautnah zu erleben. Oma Sieglinde und Opa Heinz ließen sich fröhlich mit den Schwarzgestalten fotografieren und es gab witzige Gespräche. Eine Handvoll Bands, unter anderem „Tanzwut“ und wieder einmal „Das Ich“ schafften es, gemeinsam mit den Verantwortlichen der Stadt Leipzig an dem Abend noch ein Konzert in der AGRA auf die Beine zu stellen, um die Leute zu entschädigen. Und, ganz egal wie die Bands auf der Bühne waren, eine jede wurde gefeiert und mit tosendem Applaus belohnt. Die Leute waren einfach glücklich. Die nächsten Jahre gab es dann einen Neustart und wieder wurde alles größer und größer. Die alten Veranstaltungsorte wichen neuen und in ganz Leipzig war dann irgendwo zu Pfingsten irgendetwas los. Den ersten Tag des WGT war man damit beschäftigt einen akribischen Zeitplan zu erstellen, um ja auch nichts zu verpassen. Man musste ja teilweise zwischen zwei Veranstaltungen quer durch Leipzig. Ein Treffen mit Freunden war dann nicht mehr drin.

Nicht zuletzt private Gründe führten dann dazu, dass ich ab 2009 nicht mehr zum WGT gefahren bin. Erst 2019 stieß ich wieder zu der schwarzen Gemeinschaft. Es war irgendwie deprimierend zu sehen, dass sich so gar nichts geändert hatte. Im Jahr 2020 ist dann erneut unverschuldet alles zusammengebrochen und wir haben in Leipzig einen komplett WGT-freien Urlaub verbracht. Nun sind wir in diesem Jahr angekommen. Pandemiemüde, wie ich war, habe ich mich schon frühzeitig um Kontakte bemüht. Wer ist in Leipzig, geht etwas, kann jemand öffnen? Gibt es wenigstens ein bisschen WGT-Feeling? Dann hatte ich das Glück Mirko kennzulernen (Viele Grüße an dich und deine Süsse). Er brachte mich in eine Chatgruppe. Wie das so ist, der eine kennt den, der andere kennt den. Ja, es wird Diverses stattfinden. Leipzig wird 2021 wieder schwärzer als 2020. Durch diese Gruppe kamen wir zu einer Party, mitten im Nirgendwo. Es gab ein Lagerfeuer, einen Live-Stream. Aber, was das Wichtigste ist: Es gab Gespräche, es gab Kontakte. Man tauschte sich aus. „He, ich komm aus Süddeutschland.“ Cool, da hab ich mal gewohnt, kennst du den und den Club noch…“, „Klar, das war geil!“…

Es war zwar arschkalt und ich hab mir eine Erkältung gefangen, aber es war ein geiler Abend! Dann haben wir Geschäfte abgeklappert. Gefragt, wie ist es so, in Leipzig, ohne WGT? Die meisten vermissen es. Die Leute, und auch den Umsatz, der in die Stadt kommt. Auf die Frage, ob man denn normaler Weise einen Stand in der AGRA hat, wird mit „Nein“ geantwortet. Denn 400,- Euro Standmiete pro qm kann sich kein normaler Ladenbetreiber leisten. Das erklärt auch, warum der sog. „Treffenmarkt“ von Jahr zu Jahr leerer und einfallsloser wird. Zwischendurch immer wieder Besuche im heidnischen Dorf. Da gibt es Zeit für einen lustigen Plausch an der Bar, mit der Bedienung. Dann haben wir die Decke ausgepackt und uns mit den Hunden auf die Wiese gesetzt. Und plötzlich eine Nachricht: „Dirk, seid ihr das da drüben, mit den Labradoren?“ „Klar, kommt her, wir schwatzen!“. Aus einer Stunde werden dann doch zwei, aber egal, wir haben nichts weiter vor. Erst am Sonntag, da ist ein Festival, im Hellraiser. „Schon gehört, die haben es hinbekommen!“ „Die Karten gibt es personalisiert nur per Mail, soll ja ausverkauft sein…“ Am nächsten Morgen geht es zum Gothic-Second-Hand-Store. Antje macht einen Stand vor dem Laden, nur für die Leute, die es trotzdem nach Leipzig geschafft haben. Ob sie es darf, dass weiß sie nicht. Die Polizei ist schon vorbeigefahren, hat aber nichts gesagt. Nach einer Cola fahren wir zum viktorianischen Picknick, da waren wir noch nie, wir haben ja Zeit. Also schauen wir mal. Hunderte Leute treffen sich und haben einen schönen Nachmittag.

Und so geht es weiter in den nächsten Tagen. Wir treffen viele Menschen, manche mehrmals. Und ganz fest geben wir uns das Versprechen uns wiederzusehen, im nächsten Jahr, wenn alles wieder normal ist. Hoffentlich… Und genau dieses „Hoffentlich“ lässt mich grübeln, und genau darum fällt es mir auch schwer diese Zeilen zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich es gut finden würde, wenn alles wieder so wird wie vorher. Wenn das „Treffen“ in „Wave-Gotik-Treffen“ wieder durch „Schaulaufen im neuesten EMP-Billig-Fummel vor der AGRA“ ersetzt wird. Wenn man sich gar nicht die Zeit nimmt, wirklich mit Menschen zu reden, Kontakte zu knüpfen. Sondern stattdessen zwischen Kostümwechseln und Fotomodell spielen nur damit beschäftigt ist von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu jagen! Vielleicht ist weniger oft mehr. Ich weiß, einer meiner ersten Wege im nächsten Jahr führt zu Antje in ihren Laden, dann freue ich mich darauf mit ihr anzustoßen, zu schwatzen und sie vielleicht doch noch vom EBM zu überzeugen. 😉

Dann treffe ich mich mit Jaqui und ihrem Mann und mit Mirko und seiner Frau, mit Frank und all den anderen, die dieses Jahr so eine schöne informelle Gemeinschaft gebildet haben. Ich hoffe, wir bleiben zusammen in der Chatgruppe. Was bleibt vom WGT 2021? Auf jeden Fall eine besondere Erinnerung, ein Treffen, dass ich auch in 20 Jahren noch in einem Artikel erwähnen werde, weil es wirklich eines der drei besonderen Treffen war, die ich erleben durfte und die mir gezeigt haben, dass die Szene eben nicht tot ist, obwohl sie so gern mit dem Tod flirtet. Am Sonntag, beim Festival im „Hellraiser“ habe ich dann Stefan Ackermann im Publikum gesehen. Es ist schon witzig, dass die Band „Das Ich“ irgendwie immer mit im Spiel ist, wenn es so besonders wird. Kurz habe ich überlegt ihn anzusprechen, habe es dann aber sein lassen, denn ich denke, er wollte genau wie ich einfach nur einen normalen Tag und gute Laune erleben. Trotzdem möchte ich ihn hiermit grüßen, und ich möchte der Band danken, dass sie immer noch da sind, wie damals, bei meinem ersten WGT.