Und was kommt jetzt? Wird jetzt erneut ein neues Kapitel aus der Serie „Cover dich tot mit Depeche Mode“ aufgeschlagen? Bis jetzt sind derer ja inflationär viele geschrieben bzw. musiziert und ins Pop-Weltall hinaus geschossen worden. Traurige Tatsache ist wohl, dass die Qualität der (elektronischen) Bands, die sich bisher an die Kreationen „unserer Lieblinge für die Ewigkeit“ gewagt hatten, einfach viel zu oft zu Wünschen übrig gelassen hat. Sehr positiv in Erinnerung ist mir in dieser Hinsicht lediglich der mittlerweile wohl auch fast schon wieder zehn Jahre alte Beitrag „Artists for the Masses“ geblieben. Der wurde seinerzeit aber zum größten Teil von der Gitarren-Fraktion abgeliefert. Indie-Gitarren-Größen wie The Cure, Smashing Pumpkins und Monster Magnet gaben sich hier gekonnt die Klinken in die Gore/Gahan/Fletcher-Hand. Schon seinerzeit zeigte dieses gelungene Projekt aber gleichzeitig, welchen Stellenwert die ehemals als Synthie-Popper belächelten Jungs aus Basildon auch an der anspruchsvollen Indie-Front schon inne hatten. In der Sphäre der Elektronika sind Depeche Mode ja eh mittlerweile seit fast dreißig Jahren die Ausnahme-Band schlechthin. Und sehr elektronisch geht es auch auf dem vorliegenden Sampler-Beitrag des belgischen Labels „Alfa Matrix“ zu Werke. Freuen wird es vor allem die alten Fans, die mit dem neuen Electro-Blues-Sound des Trios nicht mehr sooo viel anfangen können. Wie es zuletzt ausschaute (Stichwort „Sounds of the Universe“) scheinen dies ja nicht gerade wenige der sonst sehr eingeschworenen DM-Fans zu sein. Vor diesem Hintergrund wird der Stellenwert des „Tributes to Depeche Mode“ noch zusätzlich durch die Songauswahl der insgesamt 31 verschiedenen Bands vergrößert. Denn zu ca. 90 Prozent sind die Songs den sehr kühlen, elektronisch-melancholischen, oftmals mit bitter-süßen Singalong-Melodien bestückten Alben der Jahre 1981- 1990 entnommen. Zahlreiche Stücke dieser Zeit waren darüber hinaus für viele Musikfreunde sicher die „Einflugschneise“ für härteren elektronischen Stoff bzw. schwärzere, gothigere Kost. Dies steht wohl sozusagen musiksoziologisch außer Frage und so habichs z.B. auch am eigenen Leib erfahren. Also: “Erst Depeche Mode und dann Leather Strip“, sozusagen… Sicher werden viele Fans der ersten Stunden bei Songtiteln wie „Blasphemous Rumours“, „People are People“, „Black Celebration“ „Stripped“ und z.B. auch „Personal Jesus“ - wenn sie deren Namen nur auf dem CD-Cover erblicken - schnell anfangen, mit der Zunge zu schnalzen bzw. wohlig mit den Ohrläppchen zu wackeln. Nach Hören zahlreicher Cover-Versionen auf dem vorliegenden Doppel-Album wird dieses Schnalzen und Wackeln aber hoffentlich nicht gleich in gelangweiltes, oder sogar rhythmisches Göbeln übergehen. Ich denke aber sicherlich nicht! Denn was bei diesem groß angelegten Cover-Projekt einfach sehr positiv zu vermerken ist, ist einfach die wirklich gute Qualität der Neuinterpretationen und vor allem die Tatsache, dass die durch Alfa-Matrix gesignten Bands nicht einfach nur versuchen, zu 100% in die Fußstapfen („Walking in my shoes?“) der großen Depeche Mode zu treten. Denn die sind a) für die meisten eh zu groß und b) ist es grundsätzlich bei Covern, meiner Meinung nach, einfach nur langweilig, eine (versuchte) 1:1-Kopie vorgesetzt zu bekommen. Nein, frische Neuinterpretationen und alte musikalische Songideen, die in neue musikalische Kontexte transferiert wurden, machen eine Coverversion meines Erachtens doch erst beachtenswert und interessant. Gehen wird an dieser Stelle jetzt mal ab in die Einzelanalyse und fangen mit einem recht bekannten EBM-Act an. Der uns von seinem Hauptprojekt Leather Strip bekannte Claus Larsen (und hier schließt sich der oben genannte „soziologische Musik-Kreis“ quasi wieder…), ist auf dem Doppel-Sampler z.B. gleich dreimal vertreten. Zweimal mit den genannten Leather Strip, einmal mit seinem Crossover-Projekt Klutae. Seine getroffene Songauswahl war dabei wohl sehr weise, denn die DM-Titel wurden klangtechnisch hervorragend in den eigenen Sound-Kosmos übertragen. „Blasphemous Rumours“ (von der ersten CD) sowie „Black Celebration“ (von der zweiten) sind beide wohl mit die düstersten Stücke, die die fantastischen Drei in ihrer Karriere kreiert haben. Larsen hat sie zusätzlich mit metallerischen Elektronik-Sounds angereichert, seine Stimme verzerrend drüber gelegt und noch eine Extra-Portion Düsternis beim Einspielen gekonnt eingestreut. Die anderen Beiträge dieses extensiven Samplers sollen an dieser Stelle zwar nicht geschmäht werden, den Leather Strip-Tracks merkt man aber schon die Erfahrung ihres Machers bzw. dessen großes, über die Jahre angehäuftes und verwandtes Equipment deutlich an. Mit seinem Neben-Projekt Klutae zweigt der Däne mit gesampelten Gitarren dort ab, wo Al Jourgensensens Revolting Cocks mit handgespielten auch sehr gerne einbiegen: in das Crossover-Land. „New Dress“ vom „Black Celebration“-Album, in dem Songwriter Martin L. Gore seinerzeit einen recht unverhohlenen Aufruf zum Gang an die Wahlurne textlich verarbeitete („And when you chance a vote, you may change the world…“) kommt knackig-zackig, neuartig und einfach richtig frisch rüber – vor allem beim lauten Lauschen. Auch viele andere Cover machen anständig Laune. Spaßig wirds vor allem bei der „Master and Servant“-Version von Krystal System. Die hat mit dem Original zwar nicht mehr das Allermeiste gemein, wurde jedoch witzigerweise in eine Art Electro-Punk-Kontext samt verzerrter Damen-Stimme gepuscht. Mann/Frau muss schon genauer hinhören, um das Original zu identifizieren. Ist der Zustand dann aber eingetreten, kommt akute Freude auf. In ähnlich punkig anmutenden, doch immer noch überwiegend elektronischen Gewässern fischen Komor Kommando. Die haben sich für ihren „John the Revelator“-Beitrag (dieser repräsentiert zusammen mit dem gecoverten „Precious“ und „Nothing Impossible“ auch die neuesten Kreationen aus der DM-Schmiede) auch gleich Prominenz ans Mikrofon geholt. J.-L. Meyer, Sänger der EBM-Heroen von Front 242, stellte im Studio seine Stimmbänder vibrierenderweise zur Verfügung. Das Experiment ist gelungen, denn Komor Kommandos-Beitrag ist denn auch zu einem der absoluten Höhepunkte der zwei „Re:covered“-Scheiben avanciert. Das unverwechselbare Organ des Front-Sängers verleiht dem von Dave Gahan geschriebenem Stück die Extra-Portion aggressiver Düsternis, die von einer durchgehend simplen, aber anständig sägenden Gitarre im knalligen Arrangement vorbereitet wird. Starkes Teil, das. Kant Kino machen ähnlich wie z.B. Agonoize – vielleicht nicht ganz so hart und aggressiv –keinerlei Gefangenen in der Hell-Electro-Abteilung. „A question of Time“, bei dem sozusagen das lyrische Ich versucht, seine angebetete 15-Jährige(!) vor den Fängen abgestumpfter Geschlechtsgenossen zu schützen, kommt ordentlich evil. Die böse Distortion der Vocals, das harsch-peitschende Tempo und alle übrigen Ingredienzen haben das Potenzial, einen hübschen Club-Stomper heranwachsen zu lassen. Technoir lieben es naturgemäß ja ein bisschen ruhiger. Das extrem talentierte Mastermind Steffen Gehring hat sich hierzu „Lie to me“ vom 84er-Album „Some Great Reward“ ausgesucht und macht seine Sache gut. Auf den so oft eingesetzten weiblichen Gesang müssen wir hier aber leider verzichten. Weniger ruhig, sondern eher sehr rockig kommen indes Star Industry um die Musik-Ecke. Der Harcore-Ohrwurm „Enjoy Silence“ hat auch den flotten Fünfer dermaßen zum Covern gereizt, dass sie es sich nicht nehmen ließen, ihn mit einer wohltuenden, warmen Rock-Sauce zu übergießen und dem Hörer hier recht nahrhaft zu servieren. Dieses Gericht stellt nicht unbedingt eine Aufwertung der ursprünglichen Speise dar, sondern eher die Bereicherung um eine schmackhafte Nuance. Das hier Gebotene ist allerdings gar nicht so unähnlich von dem Menü, dass der Linkin Park-Keyboarder vor ca. zwei Jahren - als Remix deklariert - in die Top Ten der Charts hieven konnte. Die deutschen Plastic Noise Experience geben sich auf der zweiten CD die voll-elektrische Ehre. Da sie (bzw. Bandkopf Claus Kruse) mittlerweile auch beim exquisiten belgischen Label Alfa Matrix gelandet sind, steuern mit sie „World in my Eyes“ ebenfalls ein Cover, hier vom legendären „Violator“-Album, bei. Relativ minimalistisch gehalten, kommt es sehr dem Sound des letzten überaus starken Albums „Reiz und Reaktion“ nahe. Jedoch eine Spur krachiger und experimenteller aufgrund eines industrialisierten, durchlaufenden Dauer-Loops. Nicht schlecht, das Ganze – gehört aber sicher nicht zu den Höhepunkten des Doppel-Albums bzw. auch nicht zu denen des zweiten Silberlings. Seize können in dieser Richtung und ihrer Version vom herzzereißenden „Shake the Disease“ erheblich erfolgreicher punkten. Der mit „Dirty house Bitch Mix“ unterbetitelte Track trifft vom Namen her die Sache ganz gut. Im weitesten Sinne könnte man das, was hier geglückt abgeliefert wird, als lasziv-perfümierten, sehr tanzbaren Dancefloor (eben kein Electro-EBM- Tanzboden-Sound) bezeichnen. Und dabei intoniert von einer Sängerin, die man gerne mal nach 23.00 Uhr irgendwo in einer schlecht beleuchteten Bar treffen möchte, mit der Option auf spätere Präsentation seiner aktuellen Briefmarkensammlung. Ganz stark geben sich hier auf der zweiten Silberscheibe die schon erwähnten Leather Strip. Das offensichtlich ebenfalls mit großem Bedacht ausgewählte „Black Celebration“ wurde mehr als adäquat in den eigenen Band Sound integriert und lässt einem die Nackenhaare unterm Kopfhörer - und wahrscheinlich auch im Club beim nächtlichen Tanz zur (satanistenfreien) „schwarzen Messe“ - ordentlich zu Berge stehen. Eine sehr atmosphärische Version wurde hier gebastelt, die es auch an der nötigen Tightness und dem scharfen Biss nicht vermissen lässt. Bei dem sehr alten Titel „Get the Balance right“ (von 1983) treffen wir dann noch einmal auf den alten Bekannten J.-L. de Meyer von Front 242. Hier ruft er sich mit seinem neuen Projekt 32 Crash erneut ins Gedächtnis Auch diese Combo wartet mit sägenden, recht vordergründigen Riffs und einem ordentlichen Punk-Appeal auf, der jedoch abermals von einem angenehm harten, aber auch dunklen elektronischen Unter- und Überbau dominiert wird. „Get the Balance right“ stellt so neben vielen weiteren gelungenen Versionen einen weiteren Höhepunkt des groß angelegten Cover-Projektes dar. Aus Platzgründen müssen die restlichen Tracks aber auf weitergehende Besprechungen an dieser Stelle vergeblich warten. Was aber noch zusätzlich interessant an „Re:covered“ sein dürfte, ist die Tatsache, dass – wenn man das Album direkt beim Label über den Postversand bestellt – noch eine 19 Stücke umfassende Label-Compilation gratis mit ins Haus kommt. Freilich sollen auf dieser Kompilation natürlich die hauseigenen Bands noch weiter beworben werden. Doch bei deren Qualität lässt man sich diesen kostenlosen Bonus gerne gefallen. Zusätzlich wird noch eine (ebenfalls kostenlose) 7 Track E.P. versandt. Diese beinhaltet u.a. weitere Remixe der auf dem Doppel-Album vorgestellten Songs, ist allerdings nur in der Erstauflage erhältlich. Ob letztere derzeit schon vergeben ist, entzieht sich jedoch leider meiner Kenntnis. Sorry. Die eingangs erwähnte Befürchtung, dass Depeche Mode jetzt wohl endgültig tot gecovert wurden, hat sich – dem Pop-Teufel sei Dank – also überhaupt nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Angesichts der großen Innovationskraft der meisten Beiträge und der fast durchgängig gegebenen Tanzbarkeit lässt sich abschließend eher folgende Parole ausgeben: „Tanz dich tot mit Depeche Mode!“