Ich frage mich ja ernsthaft, ob der Begriff „Supergroup“ nicht eigentlich verboten gehört. Er klingt ein bisschen nach Marvel, ein bisschen nach Casting-Show-Finale – und vor allem nach riesigen Erwartungen. Aber im Fall von 'Universum25' kommt man schlicht nicht drum herum. Denn wenn sich Musiker von 'In Extremo', 'Eisbrecher', 'Dritte Wahl', 'Fiddlers Green' und 'Slime' zusammenschließen, dann reden wir hier eben nicht von einer Garagenband mit Proberaum im Hinterhof. Dann reden wir von einer Supergroup. Punkt. Eine Supergroup ist damit dann auch kein Genre, sondern ein Zusammenschluss etablierter Musiker, die in ihren Hauptbands längst bewiesen haben, dass sie große Bühnen füllen können. Das bringt Erfahrung und Qualität – aber eben auch Erwartungsdruck. Das Debüt von 2023 hatte diesen Druck mit erstaunlicher Leichtigkeit weggewischt. Es war geschlossen, überraschend, eigenständig. Kein Nebenprojekt, sondern eine Band mit klarer Identität.
Mit 'Die Maschinen Wollen Leben' folgt nun der zweite Akt. Und der ist thematisch noch dichter, noch dystopischer, noch näher an der Realität. Maschinen, die träumen. Künstliche Intelligenzen, die denken. Sicherheit, die Kontrolle meint. Fortschritt, der möglicherweise Entfremdung bedeutet. Das Album wirkt weniger wie Zukunftsvision, sondern eher wie Gegenwartsanalyse mit Hochspannung. Musikalisch bleibt 'Universum25' im - sagen wir mal - Industrial Rock verankert, mit deutlichen NDH-Elementen. Stampfende, maschinenhafte Beats treiben die Songs voran, Synthie-Flächen legen sich kühl über wuchtige Gitarrenriffs. Der Sound wirkt wie ein mechanisches System unter Dauerlast – kontrolliert, präzise, selten ausbrechend. Das passt hervorragend zum Konzept. Hier knirscht nichts zufällig, hier läuft alles mit kalkulierter Wucht.
Michael Robert Rhein bleibt die prägende Stimme des Projekts. Seine markante Rauheit sorgt für Wiedererkennungswert und emotionale Erdung. Gerade in ruhigeren Passagen zeigt sich, wie viel Gewicht und Substanz in seinem Vortrag liegt. Er transportiert die Texte mit einer Mischung aus Nachdruck und Ernsthaftigkeit, die dem dystopischen Rahmen glaubwürdig Tiefe verleiht. Textlich ist das Album stark, teilweise sogar stärker als das Debüt wie ich finde. Die Lyrics sind präzise, gesellschaftskritisch, unbequem aktuell. Das Songwriting hingegen erreicht meiner Meinung nach nicht durchgehend die Überraschungskraft des Erstlings. Während das Debüt noch dieses Moment des Unberechenbaren hatte, wirkt der Nachfolger gefestigter – aber eben auch kalkulierter. Im letzten Drittel schleichen sich Wiederholungen ein, und nicht jeder Song setzt ein nachhaltiges Ausrufezeichen.
Und dann ist da das Artwork! Ein Roboter, der einen menschlichen Schädel betrachtet. Retro-Farben, geometrische Hochhauskulisse, plakative Symbolik. Die Referenz ist offensichtlich – fast schon lehrbuchhaft. Und genau das ist das Problem. Das Motiv wirkt erstaunlich generisch. Als hätte man die erste visuelle Idee gewählt, die beim Thema „Mensch vs. Maschine“ in den Sinn kommt – und sie nicht weiter hinterfragt. In meinen Augen wird hier eine Chance verschenkt. Die Musik ist differenziert, die Texte sind vielschichtig, das Konzept ist durchdacht – das Cover hingegen wirkt wie ein stilisiertes Stockmotiv mit Retrofilter. Es transportiert das Thema, ja. Aber es interpretiert es nicht. Für eine Band mit diesem Anspruch ist das schlicht zu wenig. Gerade bei einem Album, das sich so intensiv mit Identität und Zukunft auseinandersetzt, hätte ich mir visuell mehr Mut, mehr Ambivalenz, mehr Eigenständigkeit gewünscht.
Kommt 'Die Maschinen Wollen Leben' an die Qualität des Debüts heran? Meiner Meinung nach nicht ganz. Ist es dennoch ein starkes, relevantes Album? Ohne Zweifel. Vielleicht ist dies weniger der große Umbruch als vielmehr die bewusste Konsolidierung einer musikalischen Idee. Weniger Paukenschlag, mehr Kontur. 'Universum25' bestätigen ihre Identität – auch wenn sie sie nicht neu definieren.
Fazit: 'Die Maschinen Wollen Leben' ist ein kraftvolles, thematisch hochaktuelles Industrial-Rock-Album mit klarer Haltung. Besonders geeignet für Hörerinnen und Hörer, die deutschsprachigen Rock mit NDH- und Industrial-Einschlag schätzen und sich auch inhaltlich fordern lassen wollen. Wer hingegen Innovation im Songwriting oder visuelle Raffinesse erwartet, wird hier leider nicht vollständig abgeholt. Für mich bleibt es aber ein überzeugendes Werk mit Substanz – musikalisch stark, textlich sehr stark, vom Artwork her leider aber doch deutlich unter Wert präsentiert.
Universum25 - Die Maschinen wollen leben
Moby - Future Quiet
Manchmal reicht ein Blick auf das Cover, um zu wissen, wohin die Reise geht. Auf dem Artwork von 'Future Quiet' sitzt Moby selbst am Flügel. Man sieht ihn nur als dunkle Silhouette. Hinter ihm ein großes Fenster, draußen sattes Grün, weiches Tageslicht. Drinnen ist es schattig, fast still. Unten rechts steht klein und unscheinbar „moby – future quiet“. Kein großes Logo. Keine grellen Farben. Kein Spektakel. Auf den ersten Blick wirkt das Cover fast etwas langweilig. Aber je länger man es anschaut, desto stimmiger wird es. Die Dunkelheit im Raum steht für Rückzug. Das Licht draußen für Hoffnung...
Till Lindemann - Alles ändert sich
Natürlich. Pünktlich, unscheinbar, fast harmlos wirkt der Umschlag der heute im Briefkasten lag. Und doch weiß man sofort: Das kann nichts Harmloses sein. Drinnen wartet ‚Alles Ändert Sich‘ (Limited Minimax Picture CD) – offiziell eine Maxi CD, faktisch eine Zwei-Track-Single, exklusiv im Out Of Line Shop zu haben und damit genau jene Art von Sammlerstück, die man entweder sofort bestellt oder hinterher teuer bereut. Zwei Songs nur – aber bei 'Till Lindemann' weiß man ja: Quantität war noch nie sein Maßstab. Und streng genommen ist auch das hier musikalisch kein Neuland mehr. Die Stücke sind l...