'Unify Separate' haben etwas ausgesprochen Unverschämtes an sich: Man möchte einfach ein gutes elektronisches Album hören, und plötzlich stehen sämtliche Gefühle im Zimmer. Unangemeldet natürlich. 'Andrew Montgomery', ehemals bei 'Geneva', und der von 'Lowe' und 'Statemachine' bekannte 'Leo Josefsson' verstehen sich darauf, dunklen Synthesizern erstaunlich persönliche Dinge zu entlocken. Auf 'The God Particle' klingt das kraftvoll, sehnsüchtig und stellenweise angenehm nach 'Iamx'. Besonders die ruhigeren Songs erwischen mich mit Melodien, die zunächst ganz harmlos erscheinen. Bis man merkt, dass sie längst einen empfindlichen Punkt gefunden haben. Da hilft auch kein demonstrativ sachlicher Blick auf die Trackliste.
Mit ihrem am 6. November 2026 in Eigenregie veröffentlichten dritten Studioalbum führen die beiden den Weg nach 'First Contact' und 'Music Since Tomorrow' weiter. Der Klang fällt meiner Meinung nach etwas dunkler und kraftvoller aus als auf den Vorgängern, die Melodien bleiben dabei zentral. Inhaltlich beschäftigen sich 'Unify Separate' mit Verlust, Angst, Nähe und der Frage, woran man sich in unsicheren Zeiten halten kann. Das passt zu einer Musik, deren schwere Gedanken erstaunlich leicht im Ohr bleiben. Mich begeistert, wie unmittelbar zugänglich dieses Album trotz seiner nachdenklichen Stimmung ist.
Einen erheblichen Anteil daran hat 'Andrew Montgomery'. Seine Stimme trägt Sehnsucht und Verletzlichkeit in die elektronischen Arrangements, kann sich aber ebenso kraftvoll über ihnen erheben. Auch den ruhigeren Passagen verleiht er damit Spannung. Besonders gut gefällt mir, wie persönlich seine großen Melodiebögen wirken. Die Nähe zu 'Iamx' empfinde ich vor allem in dieser emotionalen Dramatik, im Zusammenspiel aus dunkler Elektronik und einem Gesang, der sich weit vorwagt. Einen besonderen Reiz entwickelt das Zusammenwirken mit 'Leo Josefsson': Wenn beide Stimmen einander ergänzen oder zusammenkommen, gewinnt die Melancholie zusätzliche Färbungen. Der Wechsel zwischen ihnen belebt die Songs und gehört für mich zu den großen Stärken des Albums.
Musikalisch verbinden 'Unify Separate' dunklen Wave mit druckvollem Electropop. Die Rhythmen stehen kräftig im Klangbild, die Synthesizer sorgen für Gewicht und eine bisweilen bedrückende Färbung. Darüber entfalten sich weite Flächen und klare melodische Linien. Mir gefällt, wie gut sich der elektronische Druck mit dieser Weite verträgt. Die Arrangements geben dem Gesang Platz; selbst wenn die Synthesizer kräftiger zupacken, kann ich seiner Melodie gut folgen. Gerade die ruhigeren Stücke haben es mir angetan. Ihr gemäßigtes Tempo lässt den Melodien Zeit, sich zu entfalten, und verstärkt die sehnsüchtige Atmosphäre. Sie gehen schnell ins Ohr und bleiben dort bemerkenswert hartnäckig. Mich begeistert, wie viel diese Songs mit einer getragenen Melodie und ausdrucksstarkem Gesang erreichen. Beim nächsten Durchlauf freue ich mich bereits auf diese Momente. Ihre Ruhe trägt erheblich dazu bei, dass mir das Album so nahekommt.
'Kill The Machine' bringt als etwas flotterer Song einen willkommenen Schub in den Ablauf. Ein tiefer, satt pochender Bass hält den Druck aufrecht, während die Synthesizer energisch nach vorne ziehen. Die Echoeffekte lassen einzelne Klänge im Raum stehen und verleihen dem Song zusätzliche Tiefe. Wer durchgehend hohes Tempo erwartet, wird sich allerdings auf die vielen getragenen Passagen einstellen müssen. Für mich gibt der zusätzliche Druck den ruhigeren Momenten einen wirkungsvollen Gegenpol.
Meine beiden Anspieltipps sind 'Slow Armageddon' und 'Fear Is The Hunter'. 'Slow Armageddon' empfiehlt sich mit seiner eingängigen Melodie und der Verbindung aus dunkler Stimmung und unmittelbar zugänglichem Songwriting als Einstieg. 'Fear Is The Hunter' schiebt mit einem energischen Beat nach vorn und verbindet diesen Bewegungsdrang mit einer Melodie, die sich hartnäckig festsetzt. Ein feiner Electrotrack, bei dem ich sofort an eine gut gefüllte Tanzfläche denke. Beide zeigen auf ihre Weise, wie gut 'Unify Separate' Atmosphäre und Eingängigkeit zusammenbringen.
Mit 'Forever Chemicals' klingt das Album schließlich sphärischer, nachdenklicher und ruhiger aus. Die weiten Klänge geben den Eindrücken Zeit nachzuwirken. Für mich ein wunderschöner Abschluss, der genau zu diesem besonderen Album passt. Nach dem letzten Ton möchte ich gern noch kurz sitzen bleiben. 'The God Particle' überzeugt mich mit dunklem Klang, großartigen Stimmen und einem ausgesprochen guten Gespür für Melodien. Die kraftvollere Ausrichtung steht 'Unify Separate' hervorragend, besonders ans Herz wachsen mir jedoch die ruhigeren Songs. Wer Wave und melodischen Electropop mag und sich von ausdrucksstarkem Gesang berühren lässt, sollte hier unbedingt reinhören. Bei mir darf dieses Album bleiben. Die unangemeldeten Gefühle übrigens auch.
Anhören & einordnen
Details zum Beitrag
- Artikeldatum
- Autor
- Elec
- Kategorien
- Electronic / Industrial / NoiseReviews
Kurz & knapp
Dein Urteil