The Moon And The Nightspirit - Seed Of The Formless

The Moon And The Nightspirit...

Ich habe 'The Moon And The Nightspirit' immer vertraut. Wirklich. Diese Band war für mich musikalisch so etwas wie ein sicherer Ort: einschalten, abtauchen, nichts hinterfragen müssen. Und dann kommt 'Seed Of The Formless' und macht genau das alles kaputt. Nicht komplett – aber doch genug, um mich beim Hören mehrfach denken zu lassen: „Moment… das war so nicht abgesprochen.“ Aber genau das macht dieses Album plötzlich verdammt interessant. Und ja – ich hatte ziemlich viel Spaß dabei, dieser kleinen musikalischen Selbstsabotage zuzuhören.

Was mich dann auch beim ersten Durchlauf beeindruckt hat: Dieses Album macht keine Anstalten, mir entgegenzukommen. Kein „Hier entlang, lieber Hörer“, keine freundlichen Wegweiser. Ich muss mir meinen Zugang selbst erarbeiten. Und genau das ist der Moment, in dem ich merke: Entweder ich steige jetzt ein – oder ich bin raus. Die vertrauten Elemente sind noch da – dieser fragile, fast körperlose Gesang von 'Ágnes Tóth', diese verträumte, leicht entrückte Grundstimmung. Aber darüber liegen Gitarren, die nicht mehr nur dekorieren, sondern Gewicht reinbringen. Und plötzlich kippt das Ganze weg vom gemütlichen Wegträumen hin zu etwas, das sich deutlich größer und auch ein Stück weit ungemütlicher anfühlt. Ich sitze da und denke mir ernsthaft: „Seit wann können die das eigentlich?“

Mehrfach erwische ich mich dabei, wie ich innerlich auf den Moment warte, an dem alles auseinanderfliegt. An dem sich die Spannung entlädt, der große Ausbruch kommt. Und dann… passiert genau das nicht. Oder zumindest nicht so, wie ich es erwarten würde. Das kann nerven. Hat es bei mir auch. Aber genau dieses ständige Andeuten ohne den ganz großen Knall sorgt gleichzeitig dafür, dass ich dranbleibe. Weil ich wissen will, ob da noch was kommt. Und während ich warte, merke ich: Ich bin längst tiefer drin, als ich eigentlich vorhatte. Das Album spielt meiner Meinung nach nicht mit offenen Karten – und genau deshalb schaue ich die ganze Zeit genauer hin, als ich wollte. Was mich wirklich mitnimmt, ist diese seltsame emotionale Schieflage. Die Musik klingt schön – aber nicht beruhigend. Warm – aber nicht einladend. Eher so, als würde sie mir kurz zeigen, wie gut sich alles anfühlen könnte, um sich im nächsten Moment wieder zu entziehen. Und genau da wird’s dann doch spannend. Wenn nämlich die ruhigeren Passagen laufen, verliere ich mich fast darin. Und wenn die schwereren Elemente dazukommen, wirken sie nicht wie ein Ausbruch, sondern eher wie ein Reminder: Hier gibt’s keinen sicheren Boden. Alles wirkt weiter, größer, distanzierter.

Dieses Gefühl von Weite und unterschwelliger Einsamkeit zieht sich durch das komplette Album. Und ich merke beim Hören: Ich suche gar nicht mehr nach einzelnen Momenten. Ich hänge irgendwo in dieser Stimmung fest. Und überraschenderweise gefällt mir das. Trotzdem: Es fehlt an Dingen, die sofort hängen bleiben. Zu wenig, was sich festkrallt. Zu wenig, was mich direkt wieder zurückzieht. Ich verstehe jeden, der hier sagt: „Schön, aber irgendwie flüchtig.“ Der Punkt ist absolut valide. Und trotzdem bleibe ich dran. Nicht, weil mich das Album sofort überzeugt – sondern weil es mich nicht loslässt. Weil ich merke, dass ich reagiere. Dass ich mich damit beschäftige. Dass ich mich an Stellen sogar ein bisschen ärgere – aber genau das ist mir tausendmal lieber als völlige Gleichgültigkeit. Das hier ist ganz sicher kein perfektes Album – aber wenigstens mal wieder eins, bei dem ich nicht nach drei Minuten innerlich schon abgeschaltet habe.

'Seed Of The Formless' fordert Aufmerksamkeit – oder es funktioniert vermutlich nicht. Wer von 'The Moon And The Nightspirit' einfach nur mehr vom Bekannten erwartet, wird hier vermutlich früher oder später aussteigen. Wer dagegen bereit ist, sich einmal auf etwas einzulassen, das nicht sofort funktioniert, könnte hier möglicherweise hängen bleiben. Ich jedenfalls höre hier eine Band, die bewusst einen Schritt raus aus der eigenen Komfortzone macht – und dabei nicht alles perfekt trifft. Aber genau das macht es interessant und spannend. Mehr Schwere, mehr Weite, mehr Risiko. Und eben auch mehr Momente, die nicht komplett zünden. Und ganz ehrlich: Ich hatte beim Schreiben dieses Reviews fast genauso viel Spaß wie beim Hören selbst. Weil genau solche Alben mir wieder zeigen, warum ich das hier überhaupt mache – nicht wegen der perfekten Releases, sondern wegen der spannenden. Am Ende bleibt bei mir kein klarer Hit, kein einzelner Moment, den ich sofort wieder abrufen kann. Sondern vielmehr ein Eindruck, der sich festgesetzt hat. Und der geht nicht so schnell weg.

The Moon And The Nightspirit - Seed Of The Formless
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