The Dresden Dolls - Yes, Virginia…(Tailor’s Version)

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Taylor Swift hat vorgemacht wie man alte Platten neu aufnimmt, die Rechtefrage elegant mit einem Karriereschritt verbindet und dabei trotzdem so wirkt, als sei alles ein persönlicher Befreiungsschlag. Nun ziehen 'The Dresden Dolls' nach – selbstverständlich nicht mit einer 'Taylor’s Version', sondern mit einer 'Tailor’s Version'. Dahinter steckt mehr als ein cleverer Wortwitz: 'Amanda Palmer' und 'Brian Viglione' haben ihr 2006 erschienenes Album 'Yes, Virginia…' vollständig neu eingespielt. Das Ergebnis klingt gereifter, klarer und stellenweise kontrollierter. Aber genau da beginnt das Problem: War dieses Album nicht gerade deshalb so großartig, weil es manchmal klang, als könnte es jeden Moment die Kontrolle verlieren?

Die Geschichte von 'The Dresden Dolls' begann im Jahr 2000 in Boston nach einer Begegnung bei einer Halloween-Party. 'Amanda Palmer' am Klavier und 'Brian Viglione' am Schlagzeug: mehr brauchte es zunächst nicht, um eine Mischung aus Punk, Theater, dunklem Cabaret und schrägem Pop zu entfesseln. Mit dem selbstbetitelten Debüt von 2003 entwickelte das Duo einen Stil, der sich nicht sauber in vorhandene Schubladen einsortieren ließ. 'Punk Cabaret' nannte 'Amanda Palmer' diese Musik – eine treffende Beschreibung für Klänge, die gleichzeitig nach Kellerclub, Kleinkunstbühne und emotionalem Ausnahmezustand klingen.

Der Support für 'Nine Inch Nails' im Jahr 2005 verhalf der Band zu größerer Aufmerksamkeit. Aus der eigenwilligen Underground-Attraktion wurde eine international wahrgenommene Gruppe, die mit nur zwei Instrumenten mehr Druck erzeugte als manche ausgewachsene Rockband mit zusätzlichem Gitarristen, Bassisten und vermutlich einem kleinen Fuhrpark an Verstärkern. 'Yes, Virginia…' erschien 2006 als zweites Studioalbum und wurde zu einer der wichtigsten Veröffentlichungen der Band. Musikalisch öffnete sich das Duo stärker für eingängigere Strukturen und größere Melodien, ohne die scharfkantige Theatralik aufzugeben. Auch der Albumtitel besitzt mehr Hintergrund, als man zunächst vermuten könnte. 'Yes, Virginia, There Is A Santa Claus' geht auf eine berühmte Antwort aus der Zeitung 'The New York Sun' von 1897 zurück. Die achtjährige 'Virginia O’Hanlon' hatte gefragt, ob es den Weihnachtsmann wirklich gebe. Der Redakteur 'Francis Pharcellus Church' antwortete, dass der Weihnachtsmann ebenso sicher existiere wie Liebe, Großzügigkeit und Hingabe. Für ein Album der 'The Dresden Dolls' ist das eine wunderbar irritierende Vorlage: Hier trifft kindlicher Glaube auf erwachsene Desillusionierung, Weihnachten auf Alkohol, Hoffnung auf emotionale Kernschmelze. Der Bonus-Track der physischen Ausgabe greift diesen Ursprung erneut auf.

Zwanzig Jahre später kehren 'Amanda Palmer' und 'Brian Viglione' nun zu diesem Werk zurück. Nach dem Ende ihres 20-jährigen Vertrags mit 'Roadrunner Records' konnten 'The Dresden Dolls' die ursprünglich dort veröffentlichten Songs selbst neu aufnehmen. Die Aufnahmen entstanden Ende 2025 in Boston, größtenteils live, mit 'Benny Grotto' als Produzent und 'Paul Kolderie' am Mischpult – jenem Toningenieur, der bereits am ursprünglichen Album beteiligt war. Unterstützt wird das Duo außerdem von 'Veronica Swift' und 'Jinkx Monsoon'. Die Ausgangslage ist also ungewöhnlich: Hier wurde nicht einfach ein altes Album neu gemastert und mit einem frischen Cover in die Jubiläumsabteilung geschoben. Die Songs wurden vollständig neu eingespielt. Gleichzeitig bleibt die Titelliste nahezu unverändert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Braucht ein Album, das bereits vor zwei Jahrzehnten so eigenwillig und wirkungsvoll war, überhaupt eine neue Version? Die kurze Antwort: vermutlich nicht. Die längere Antwort: Trotzdem ist diese Neuaufnahme interessant.

'The Dresden Dolls' waren nämlich nie einfach nur eine Sängerin am Klavier und ein Schlagzeuger dahinter. 'Amanda Palmer' bearbeitet ihr Instrument mit einer beinahe körperlichen Aggressivität. Ihr Klavier ist Melodieinstrument, Rhythmusmaschine, Sägeblatt und emotionaler Boxring zugleich. 'Brian Viglione' wiederum trommelt nicht einfach im klassischen Sinn. Sein Spiel ist orchestral, dramatisch und permanent in Bewegung. Es explodiert, stolpert, treibt voran und zieht sich im nächsten Moment wieder zurück. Aus dieser ungewöhnlichen Besetzung entstand jener eigenwillige Punk-Cabaret-Sound, der zwischen Rock, Theater, schwarzem Humor und emotionaler Selbstzerlegung bis heute ziemlich allein auf weiter Flur steht. Auf der neuen Version ist dieses Grundprinzip vollständig erhalten geblieben. Die Songs wurden nicht elektronisch aufgepeppt, in zeitgemäße Produktionsuniformen gesteckt oder mit einem digitalen Hochglanzlack überzogen. 'Yes, Virginia… (Tailor’s Version)' klingt weiterhin nach Klavier, Schlagzeug, Stimme und maximaler innerer Unruhe. Die Musik besitzt nach wie vor diese Mischung aus Kellerbühne und großer dramatischer Geste. Das Album will nicht elegant sein. Es möchte lieber mit verschmiertem Make-up auf die Bühne stürmen und dem Publikum erklären, dass emotionale Stabilität ohnehin überschätzt wird.

Gleichzeitig ist die neue Fassung irgendwie kontrollierter und räumlicher produziert. 'Palmer' und 'Viglione' spielen nicht mehr wie zwei Menschen, die sich gerade erst gegenseitig herausfordern. Sie wissen inzwischen genau, wann der andere explodieren wird – und wann man ihm besser noch ein paar Sekunden Raum lässt. Zwischen Klavier und Schlagzeug entsteht dadurch mehr Luft. Die Dynamik wird deutlicher, und auch leisere Momente erhalten mehr Gewicht. Das ist eine klare Stärke der Neuaufnahme. Die Songs wirken nicht verstaubt, sondern körperlich präsent. Man hört ihnen an, dass 'Palmer' und 'Viglione' dieses Material über viele Jahre hinweg auf Bühnen gespielt und dabei immer weiter verinnerlicht haben. Die neue Version besitzt weniger jugendliche Panik, dafür mehr Erfahrung, Präzision und emotionale Kontrolle. Aus dem damaligen Aufschrei ist eine abgeklärtere, aber keineswegs zahmere Form der Wut geworden. Genau darin liegt allerdings auch das Problem. Das ursprüngliche 'Yes, Virginia…' lebte nicht nur von seinen Songs, sondern auch von einer gewissen Unberechenbarkeit. Es war ein Album, das jederzeit aus der Kurve fliegen konnte. Die neue Aufnahme weiß sehr genau, was sie tut. Sie ist klanglich offener und in vielen Momenten überzeugender, wirkt dadurch aber gelegentlich weniger gefährlich. Wo das Original den Eindruck erweckte, als würden die Musiker gerade an ihren eigenen Gefühlen ersticken, klingt die Neuaufnahme eher wie die kontrollierte Erinnerung an diesen Zustand. Für mich ist das der entscheidende Unterschied zwischen beiden Versionen. Die neue Fassung ist nicht schlechter, aber sie ist weniger dringlich. Sie zeigt, was zwei Jahrzehnte Erfahrung aus diesen Songs gemacht haben. Sie zeigt aber auch, dass sich die ursprüngliche Spannung nicht vollständig zurückholen lässt. Das Original war ein unmittelbarer Aufschrei. 'Tailor’s Version' ist die reflektierte Rückkehr an den Ort dieses Aufschreis.

Nach der Veröffentlichung von 'Yes, Virginia…' gingen 'Palmer' und 'Viglione' zunehmend eigene Wege. 2008 erschien mit 'No, Virginia…' noch eine Sammlung aus B-Seiten, Raritäten und bislang unveröffentlichtem Material, doch als reguläre Band verschwanden 'The Dresden Dolls' weitgehend aus dem Zentrum. 'Palmer' arbeitete solo, schrieb, spielte Theater und entwickelte ihre eigene künstlerische Laufbahn weiter. 'Viglione' war unter anderem mit 'Nine Inch Nails' und den 'Violent Femmes' aktiv. Die Neuaufnahme ist deshalb auch das Ergebnis einer langen Unterbrechung der regulären Bandarbeit. Hier treffen nicht mehr zwei Musiker aufeinander, die gerade versuchen, sich und der Welt etwas zu beweisen. Hier treffen zwei Menschen auf ihr jüngeres Ich – und stellen fest, dass es immer noch ziemlich laut ist. Auch inhaltlich hat das Album nichts von seiner Aktualität verloren. Sexualität, Identität, Abtreibung, gesellschaftliche Kontrolle, Isolation, Abhängigkeit und der Kampf gegen persönliche wie politische Zumutungen sind keineswegs Themen aus einer abgeschlossenen Vergangenheit. Manche Texte wirken heute sogar unangenehm zeitgemäß. Das ist einerseits ein Erfolg der Songs, andererseits aber auch ein ziemlich deprimierendes Zeugnis dafür, wie wenig sich die Welt in manchen Fragen weiterbewegt hat. 'The Dresden Dolls' müssen ihre alten Texte nicht künstlich aktualisieren. Die Gegenwart erledigt diese Arbeit bereits selbst.

Die Gastbeiträge fügen sich in dieses Konzept ein, ohne das Album in eine nostalgische Promi-Veranstaltung zu verwandeln. Sie erweitern den emotionalen Raum, bleiben aber Ergänzung und nicht Mittelpunkt. Eine Neuaufnahme zum 20. Geburtstag hätte leicht in Richtung Jubiläumsspektakel kippen können: ein paar prominente Gäste, ein glänzendes neues Kleid – und darunter nur noch die alte Puppe. So weit kommt es glücklicherweise nicht. Trotzdem bleibt die grundsätzliche Frage bestehen, ob man diese Version wirklich braucht. Wer das Original liebt, wird nicht automatisch überzeugt sein. Die ursprüngliche Aufnahme besitzt eine Rohheit, die sich nicht einfach rekonstruieren lässt. Sie klingt nach einer bestimmten Zeit, nach einer bestimmten Energie und nach einem Duo, das seine eigene Form erst noch erfinden musste. Der eigentliche Mehrwert der Neuaufnahme liegt deshalb nicht in neuen Songs oder einer grundlegend neuen künstlerischen Aussage. Er liegt in Klang, Reife und Interpretation. Das ist interessant, aber nicht zwingend. 'Yes, Virginia… (Tailor’s Version)' erweitert das Original, ersetzt es aber nicht. Wer nur eine Version besitzen möchte, sollte sich fragen, was er von diesem Album erwartet: unmittelbare Nervosität oder gereifte Klarheit.

Für einen ersten Eindruck eignen sich 'Sex Changes', 'Backstabber' und 'My Alcoholic Friends', weil sie die Mischung aus Wucht, schwarzem Humor, Melodie und kontrolliertem musikalischem Nervenzusammenbruch gut abbilden. Wer 'The Dresden Dolls' bisher nicht kennt, bekommt mit der neuen Fassung einen zugänglichen Einstieg in den Punk-Cabaret-Kosmos der Band. Fans des ursprünglichen Albums werden hingegen vermutlich je nach Stimmung zu einer anderen Version greifen: zum Original, wenn es schmutzig, nervös und unberechenbar sein soll; zur 'Tailor’s Version', wenn man die Songs mit etwas mehr Abstand, Klarheit und klanglicher Tiefe hören möchte. Wer allerdings ein völlig neues Album erwartet, wird enttäuscht sein. Neue Songs, neue stilistische Richtungen oder eine grundsätzliche Neubewertung des Materials gibt es nicht. Die neue Version ist kein Aufbruch, sondern eine Rückkehr – mit inzwischen grauen Haaren, besseren Schuhen und immer noch erstaunlich viel Benzin im Blut.

'Yes, Virginia… (Tailor’s Version)' ist damit ein gutes, oft sehr überzeugendes und in vielen Momenten berührendes Album. Ein echtes Highlight ist es für mich trotzdem nicht. Dafür steht das Original zu mächtig im Raum, dafür fehlt der Neuaufnahme an einigen Stellen das Risiko des ersten Aufschlags. Aber sie ist weit mehr als eine bloße Kopie oder ein nostalgischer Nachdruck. 'The Dresden Dolls' zeigen, dass ihre alten Songs noch leben – auch wenn sie heute etwas anders atmen.

The Dresden Dolls - Yes, Virginia…(Tailor’s Version)
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