Synapscape - The Future

Synapscape - The Future

Die Zukunft hat ja selten gutes Timing. Während uns die Gegenwart noch mit kaputten Akkus, undurchsichtigen Software-Updates und Geräten nervt, die unbedingt mit dem WLAN sprechen wollen, schicken 'Synapscape' bereits ihre musikalische Erkundung voraus. 'The Future' klingt allerdings nicht nach einer glänzenden Utopie, sondern eher nach einem verlassenen Forschungskomplex in dem die Maschinen weiterarbeiten, obwohl die Menschheit längst verschwunden ist. Hinter 'Synapscape' stehen - klar - 'Philipp Münch' und 'Tim Kniep'. Das deutsche Duo wurde schon 1994 in Bielefeld gegründet und gehört seit den 1990er-Jahren zum festen Inventar des Labels 'Ant-Zen'. Ausgehend von Power Noise und Industrial hat sich der Sound im Laufe der Jahre immer stärker in Richtung technoider, glitchiger und atmosphärischer Elektronik entwickelt. 'The Future' führt diese Entwicklung konsequent weiter, ohne die ursprünglichen Wurzeln einfach abzuschütteln.

Das Album umfasst elf Stücke und bringt es auf knapp 53½ Minuten. Inhaltlich erzählen die Titel meinem Verständnis nach eine kleine Science-Fiction-Geschichte: Ein Tal, schmelzender Winter, der Aufbruch ins All, eine bedrohliche Allianz und die Entscheidung, ob die Menschheit sich von ihrer Angst bremsen lässt oder den nächsten Schritt wagt. Das könnte schnell nach einem überambitionierten Konzeptalbum klingen. 'Synapscape' lösen diese Aufgabe jedoch angenehm unaufdringlich. Die Geschichte wird nicht mit einem dicken Zeigefinger vorgetragen, sondern bleibt als atmosphärischer Überbau im Hintergrund.

Musikalisch ist 'The Future' erstmal deutlich abwechslungsreicher, als es die Zuordnung zu Industrial oder Power Noise zunächst vermuten lässt. Die Grundlage bilden weiterhin schwere elektronische Rhythmen, doch diese marschieren nur selten einfach geradeaus. Stattdessen verschieben sich die Schwerpunkte, überlagern sich verschiedene rhythmische Ebenen und lassen die Musik gelegentlich leicht aus dem Takt kippen. Nicht wirklich chaotisch, aber so, als hätte die Maschine beschlossen, ihren eigenen Taktplan zu schreiben. Dabei setzen 'Synapscape' nicht ausschließlich auf Härte. Neben trockenen Bassimpulsen, metallischer Percussion und scharfkantigen elektronischen Geräuschen gibt es immer wieder flächige, beinahe ambientartige Momente. Diese Passagen nehmen den Stücken nicht die Spannung, sondern halten sie zurück. Die Musik kann kurz auf Abstand gehen, bevor sie sich wieder verdichtet und mit neuer Wucht in Bewegung setzt. Entspannung ist das allerdings nicht – eher das kurze Aussetzen einer Warnsirene.

Besonders überzeugend ist die Verbindung von mechanischer Präzision und organischer Unruhe. Die Sounds wirken sorgfältig programmiert, behalten aber stets eine gewisse Reibung. Glitches, Verzerrungen und klangliche Brüche sind keine dekorativen Effekte, sondern gehören zur musikalischen Grammatik des Albums. Chaos und Ordnung stehen sich nicht gegenüber, sondern arbeiten gemeinsam an einer eigenwilligen Form von Harmonie. Die Stimme von 'Tim Kniep' wird dabei nicht bloß mit ein paar Effekten verziert, sondern regelrecht durch die elektronische Maschinerie gejagt. Sie klingt stark verzerrt, übersteuert, rau und teilweise brüchig – mal wie ein menschlicher Ausruf, mal wie ein weiteres beschädigtes Gerät im Maschinenpark. Ein klassischer Sänger steht hier nicht im Mittelpunkt. Die Stimme wird vielmehr in die Musik hineingepresst, zerfasert und als zusätzliches Rhythmus- und Geräuschelement eingesetzt. Gerade diese aggressive Bearbeitung verleiht 'The Future' einen erheblichen Teil seiner Unruhe und Eigenständigkeit.

Trotz der vielen Details bleibt das Album erstaunlich geschlossen. Die einzelnen Stücke wirken nicht wie lose Experimente, sondern wie unterschiedliche Räume innerhalb derselben düsteren Klangwelt. Mal wird der Rhythmus nach vorne getrieben, mal entsteht mehr Weite, mal verdichtet sich alles bis zur fast körperlichen Bedrohlichkeit. Die wechselnden Tempi und Intensitäten verhindern, dass die Platte über die gesamte Laufzeit in einem einzigen monotonen Stompmuster stecken bleibt. Ganz ohne Einschränkungen ist das Ergebnis allerdings nicht. 'The Future' verlangt schon einiges an Geduld und Aufmerksamkeit. Eingängige Melodien, große Refrains oder offensichtliche Club-Höhepunkte sind ganz sicher nicht das eigentliche Ziel. Die Musik bleibt sperrig und verweigert sich dem schnellen Zugriff. Wer nach zwei Minuten bereits mitsingen möchte, wird sich hier vermutlich zunächst mit dem rhythmischen Mitwippen einer defekten Leuchtstoffröhre begnügen müssen. Außerdem ähneln sich manche Klangfarben und rhythmischen Grundideen stärker, als es der abwechslungsreiche Aufbau zunächst vermuten lässt. Nicht jeder Abschnitt entwickelt dieselbe Sogwirkung. Einige Passagen funktionieren eher als Teil der Gesamtarchitektur denn als eigenständiger Höhepunkt. Die Konsequenz ist ein Album, das als geschlossenes Ganzes überzeugt, dessen einzelne Momente aber nicht immer gleich stark im Gedächtnis bleiben.

Als Einstieg empfehle ich 'Melting', weil dort die rhythmische Verschachtelung und die markant bearbeitete Stimme besonders deutlich hervortreten. Der Titel zeigt sehr gut, wie 'Synapscape' vertraute Power-Noise-Elemente nehmen und in eine komplexere, weniger vorhersehbare Struktur überführen. Ebenfalls hörenswert ist das etwas ruhigere 'Dark Alliance', das mit seiner düsteren Atmosphäre einen ungewöhnlichen Farbtupfer setzt. 'The Future' richtet sich an Hörer, die Industrial nicht nur als möglichst lautes Dauerfeuer verstehen. Fans von 'Ant-Zen', Power Noise, experimenteller EBM, IDM und technoider Elektronik werden hier zahlreiche Details entdecken. Wer dagegen eingängige Songs, klar erkennbare Refrains oder eine möglichst unkomplizierte Tanzflächenplatte sucht, sollte sich auf eine gewisse Einarbeitungszeit einstellen.

Mein Fazit: Für mich ist 'The Future' ein starkes und eigenständiges Album. 'Synapscape' erfinden ihren Sound nicht neu, aber sie führen ihn mit großer Sicherheit weiter. Die Platte ist rhythmisch anspruchsvoll, atmosphärisch dicht und deutlich individueller als vieles, was sich derzeit mit den Etiketten Industrial oder EBM schmückt. Ein uneingeschränktes Meisterwerk ist sie nicht, dafür fehlen an einigen Stellen die ganz großen dramaturgischen Momente. Aber sie besitzt aber Charakter, Haltung und genügend klangliche Widerhaken, um auch nach mehreren Durchläufen interessant zu bleiben. Die Zukunft klingt bei 'Synapscape' somit also weder glänzend noch besonders gemütlich. Dafür klingt sie erfreulich eigenwillig. Und das ist, angesichts dessen, was uns sonst so als Fortschritt verkauft wird, bereits eine ganze Menge.

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