Spät gehört, sofort verliebt: ‘Sōon’ und das Album aus dem Zeitloch

Spät gehört, sofort verliebt ‘Sōon’...

Wer bei neuer Elektronik sofort an Plug-ins, Presets und Streaming-Algorithmen denkt, sollte hier kurz innehalten. ‘Sōon’ fühlt sich eher an wie ein bewusst herbeigeführter Kurzschluss zwischen Hirn, Maschine und Magnetband. Kein klassisches Album, sondern ein akustischer Zustand, der sich langsam entfaltet und dabei charmant ignoriert, wie moderne Hörgewohnheiten eigentlich funktionieren sollen. Und bevor jetzt allerdings jemand hektisch den Kalender zückt: Ja, ‘Actions Made Audible’ ist bereits am 25. April 2025 erschienen. Und nein, das ist kein Tippfehler. Sagen wir es so: Irgendwo zwischen Release-Flut, mentalem Archiv-Chaos und dem festen Vorsatz, „später nochmal reinzuhören“, ist dieses Album offenbar in eine parallele Realität gerutscht – und dort sehr gut gealtert, während wir noch dachten, es käme erst. Manchmal braucht Avantgarde eben ein bisschen Anlauf, bis sie auch im eigenen Posteingang ankommt.

Hinter ‘Sōon’ stehen zwei Namen, die man nicht erklären muss – und trotzdem ehrfürchtig nochmal ausspricht: Adi Newton, Gründungsfigur von ‘Clock DVA’, und Jack Dangers, das kreative Mastermind hinter ‘Meat Beat Manifesto’. Gemeinsam widmen sie sich einer Form von Elektronik, die weniger unterhält als vielmehr erforscht. ‘Actions Made Audible’ ist das Ergebnis dieser Zusammenarbeit und klingt wie eine klingende Fußnote zur Geschichte experimenteller elektronischer Musik – nur deutlich spannender als jede Fußnote es je sein dürfte.

Das Album bewegt sich tief im Feld der Radiophonik, gespeist aus Tape-Archiven, reiner Elektronik und theoretischen Gedankengebäuden psychedelischer Vordenker wie Aldous Huxley. Man hört dieser Musik an, dass sie sich auf eine post-war-Ära bezieht, in der westliche Avantgarde begann, Bewusstsein neu zu denken und den Blick Richtung kosmischer Zusammenhänge zu öffnen. Klanglich fühlt sich das an wie ein auditiver Pilztrip mit Zwischenstopps in nordlondoner Wohnzimmern, wo einst Klangabenteurer mit Tonbandmaschinen geisterhafte Interferenzen aus dem Äther fischten. Sounddesign und Beats sind dabei von einer Detailverliebtheit, die nie ins Selbstzweckhafte kippt. Alles schwebt, pulsiert und atmet, mal unheimlich, mal fast meditativ. Ein besonderer Moment ist ‘Seratiam’, ein gut sechsminütiger Höhepunkt aus schimmernden Arpeggios, geisterhafter Berlin-School-Ästhetik und Mellotron-Tapes, die Maschinen plötzlich erstaunlich menschlich wirken lassen.

Erschienen ist ‘Actions Made Audible’ als CD im Digipak – eine passende Hülle für ein Album, das sich wie ein akustisches Archivstück aus einer alternativen Realität anfühlt. Spät entdeckt, aber umso nachhaltiger: ‘Sōon’ liefern hier kein nostalgisches Rückblicksprojekt, sondern ein zeitloses Experiment für offene Ohren, neugierige Köpfe und alle, die elektronische Musik lieber entdecken, wenn sie sie eigentlich schon längst hätten hören sollen. Und wer das Ganze nicht nur hören, sondern auch in wunderschönem Blau besitzen möchte: Die limitierte blaue Vinyl-Edition (Auflage 500, Bandcamp-inklusivem Download) ist noch erhältlich – ein Fall von besser jetzt zugreifen, bevor auch sie leise in einer parallelen Realität verschwindet.

Spät gehört, sofort verliebt: ‘Sōon’ und das Album aus dem Zeitloch
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video/Bild/etc. zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen. Weitere Informationen zu den verwendeten Diensten und deren Datenschutzpraktiken findest du in unserer Datenschutzerklärung. Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).