Der Käpt’n ist zurück mit einem weiteren Album, dem Maat Asbach, Häusi Eisenkumpel, ein paar Gastmusikern und vielen neuen Stücken. Und es ist für mich wie der Besuch eines guten Freundes nach viel zu langer Zeit – ich freue mich darauf, hoffe, dass man an alte Zeiten anschließen kann und vielleicht Neues dazugekommen ist. Und zunächst ist die ‚Äquatortaufe‘ auch genau das, was ich erwartet und erhofft habe: 16 Titel voller Seemannsromantik, Arbeiterhuldigung und proteinreicher Muskelästhetik. Die in der Zeit der Pandemie herausgebrachten Singles deuteten leichte Kurskorrekturen im Songwriting und den Texten an und ich gebe zu, ich war nicht voll euphorisch, hatte mir nicht jeder dieser Titel wirklich gefallen, doch wir schauen doch mal ganz genau hin:

Rummelsnuff, beziehungsweise Roger Bapist, eroberte mein Herz vor einigen Jahren und auch wenn ich vielleicht nicht zur eigentlich gedachten Zielgruppe gehöre, haben die Beteiligten bei mir ein Stein im Brett. Denn auch wenn ich das Treiben und die Ausschweifungen der muskelbepackten Groupies, die ich bei fast jedem Konzert bisher antraf, nicht immer angenehm empfinde (Ich erinnere mich an Brechattacken in die Monitorboxen und einen angedeuteten und nicht ganz einvernehmlich wirkenden Akt zwischen zwei Fans auf der Bühne mit selbst etwas betreten danebenstehenden Musikern) und mir manches Video in seiner Symbolik und Machart etwas zu trashig ist, so bin ich bis jetzt ungebrochen Fan des Gesamtpakets. Nein, ich pumpe nicht und kann auch nichts mit der Ästhetik anfangen. Und als verkopfter Pädagoge ist mir handwerkliches Geschick genauso fern wie ein Leben auf See. Und dennoch höre ich die Musik auf Platte oder live und fühle mich gut, habe die Hoffnung, dass sich alles einrenken wird und kann danach auch etwas entspannter an den Alltag und die Politik denken. Rummelsnuff sorgen (bei mir) vor allem für ein Gefühl: „Hey, es ist okay. Atme durch.“ Und das liegt bei aller äußerlichen Plumpheit in den Themen und der Instrumentierung an dem genial durchdachten und schlüssig umgesetzten Konzept: Derbe Strommusik eben. Die trashige Elektronik simpel reduziert, Dank Akkordeon und seltenem Gitarreneinsatz noch etwas volkstümlicher wirkend, dazu Rummelsnuffs brummeliger und (im positiven) nicht immer zielsicherer Erzählsprechgesang und Asbachs wundervoller Tenorbariton, plus Texte, die einfach sind, aber nicht hirnbefreit – es ist eine geniale Melange, die im ersten Moment wahnsinnig simpel und trashig wirkt, aber mit jedem Durchlauf deutlicher macht, dass da viel Vorabüberlegung, Mühe und ein klares Ziel dahinterstecken. Ich verwende den Vergleich mit Vorsicht, in dem Wissen, dass die Brücke weit erscheinen mag, aber Rummelsnuff erinnern mich an Kraftwerk: Ein Konzept, dass radikal umgesetzt wird und ich würde zu gerne mit dem Käpt’n bei einem Getränk zusammensitzen und herausfinden, ob mein Gefühl passt.

Bis dahin aber will die ‚Äquatortaufe‘ besprochen werden und gleich vorweg: Es ist nicht mein Lieblingsalbum geworden und ich würde all denjenigen, die neu angeheuert haben auch nicht dieses Werk als Einstieg empfehlen. Das liegt daran, dass sich in meinen Ohren einige Gurken und mittelmäßige Lieder auf dem Album zu finden sind, dass melodisch und textlich zum Teil die Leichtigkeit/Einfachheit abhandengekommen ist und dass sich für mich nur ein wirklicher Knaller auf dem Silberling befindet. Wie das gemeint ist? Die „Eiorschägge“ gab es bereits als B-Seite einer Single und sie ist keine zweite Bratwurstzange, sondern eher eine „Polonaise Blankenese“ mit dem angedeuteten Schwanzreim – gruselig und als Tiefpunkt zusammen mit der uninspirierten Nullnummer „Berliner Forsten“ ausgerechnet die Albummitte blockierend. Auch „Wolf und Einhorn“ gab es im Voraus und zündete bei mir so gar nicht – nein, lieber Maat, es liegt nicht daran, dass nur du singst, aber es ist einfach kein wirklich gutes Lied, es ist in Ordnung. Und der „Gelbe Drache“, „Zeppelin“ oder das eigentlich schön schräge „Vater“ sind da ganz ähnlich, genau wie der Filler „Sauerkraut“. Auf jedem Rummelsnuff Album fanden sich Titel, die mir nicht 100% schmeckten, vor allem bei den frühen Werken, aber nach dem letzten Album ‚Rummelsnuff & Asbach‘ war ich wohl zu verwöhnt – ein Werk ganz ohne Ausfälle. Die verlorene Leichtigkeit/Einfachheit möchte ich exemplarisch am Titeltrack und den beiden Arbeitertiteln „Müllabfuhr“ und „Feuerwehr“ benennen: Ich habe das Gefühl, dass der Käpt’n und seine Jungs versuchten, ein klein wenig progressiver in der Melodik und den Texten zu Werke zu gehen, aber gerade das machte Lieder wie meinetwegen „Gerüstbauer“ oder „Der Käpt’n nimmt dich mit“ zu etwas Besonderem: Klar, geradlinig und genial. Und das mit den Hits? Naja, Programmierung und Melodien sind 100% Rummelsnuff und auch die Texte sind gewohnt ehrlich und sympathisch, aber tränentreibende Melodien wie bei „Salutare“, „Stille im Maschinenraum“ oder „Straßenbau“ finde ich hier (fast) nicht. Es gibt haufenweise tolle Melodien, der Titeltrack, „Bootsmann“, „Berlinverbot“ oder die beiden angesprochenen Arbeiterlieder, aber all diese Songs sind eben nur sehr gut, aber sie berühren mich nicht so, wie es Songs in der Vergangenheit konnten. Man vergleiche nur das wirklich gute „Kreuzheben“ mit dem genialen „Eisengott“ vom letzten Album: beide sehr amüsante Pumperlieder, beide klasse umgesetzt, aber Letzteres hatte einfach noch etwas mehr Gewicht auf der Stange. Oder „Landmann“ mit einem Refrain, der prädestiniert dazu ist, dass man sich am Ende eines Live-Sets in den Armen liegt und schunkelt: Etwas mehr Produktion und vielleicht nur Asbach beim Refrain und der Song wäre mein Lieblingssong auf dem Album. Nun ist er mir ein wenig zu schief und beendet zusammen mit dem nur guten „Vacances“ das Album ein wenig fad. Einzig eine der schrillsten Nummern, das vorab erschienene „Interkosmos“, kann in meinen Ohren diesen Olymp der schrägen Musik erklimmen. In Erinnerung an die Erfolge ostdeutscher Allerforschung ist der Song eine treibende Nummer zwischen Neuer Deutscher Welle und EBM. Großartig.

Erwähnenswert ist natürlich noch, dass die Musik im Positiven vielschichtiger ist, man arbeitet noch mehr mit einer verspielten Produktion, klingt mal simpel und ungefiltert und dann wieder etwas opulenter, die verwendeten Sounds hört man sicherlich nicht bei vielen Projekten, was aber eben auch den trashigen Reiz ausmacht und optisch ist das Cover etwas weniger irre als beim Vorgänger, dafür aber etwas künstlerisch wertvoller – schade, dass das Booklet da bis auf ein weiteres Bild wenig Augenschmaus bietet und auf die gedruckten Texte reduziert ist.

Diese Zeilen stammen von einem großen Fan von Rummelsnuff, meine Liebe zu dem Projekt bleibt ungebremst und ich freue mich sehr, denn es sieht so aus, als ob ich die Herren bald live in Bremen erleben darf. Vielleicht ist diese Liebe auch mein Problem – ich habe hohe Ansprüche an Rummelsnuff, weil ich, wie oben beschrieben, das Konzept so genial durchdacht finde und mich deswegen einige Entscheidungen auf dem Album verwirren. An einigen Stellen vor allem textlich zu „kompliziert“ (also im Sinne des Konzeptes), manchmal viel zu Bierbank-plump und melodisch nicht ganz so feinfühlig agierend wie auf dem Vorgänger: Die ‚Äquatortaufe‘ ist eine gute Erweiterung der Diskografie, die Fans sowieso kaufen sollen und müssen und genießen werden, aber allen Neuen empfehle ich, zunächst ‚Rummelsnuff & Asbach‘ und dann ‚Kraftgewinn‘, bevor man sich (nach automatisch einsetzender Liebe) an dieses Werk und die frühen Alben heranwagt.

 

Rummelsnuff & Asbach

Äquatortaufe

 

30.08.2021

Out Of Line / Rough Trade

 

https://rummelsnuff.com/

 

01. Gelber Drachen
02. Äquatortaufe
03. Bootsmann
04. Berlinverbot
05. Interkosmos
06. Kreuzheben
07. Eiorschägge
08. Berliner Forsten
09. Müllabfuhr
10. Wolf und Einhorn
11. Zeppelin
12. Feuerwehr
13. Vater
14. Sauerkraut
15. Landmann
16. Vacances