Mit 'Kurittaa Ja Rangaista' veröffentlicht 'Puppe Magnetik' ein Album, das ungefähr so viel Wert auf Komfort legt wie ein mittelalterlicher Folterkeller auf ergonomische Sitzmöbel. Wer das Projekt von Aina Virtanen kennt, weiß allerdings, dass genau das Teil des Reizes ist. Seit Jahren bewegt sich 'Puppe Magnetik' schon mit bemerkenswerter Konsequenz durch die dunkleren Randzonen der experimentellen Musik: Dark Ambient, Noise und industrielle Klangkunst. Während andere Projekte gelegentlich versuchen, ihre Extreme ein wenig zu glätten, geht Aina Virtanen hier den entgegengesetzten Weg – und dreht die Schrauben noch einmal deutlich weiter hinein. Das Resultat ist ein Death-Industrial-Album, das weniger wie eine Sammlung einzelner Stücke wirkt, sondern eher wie ein geschlossener Raum aus Lärm, Druck und psychologischer Unruhe.
Der Titel 'Kurittaa Ja Rangaista' – auf Deutsch etwa „Disziplinieren Und Bestrafen“ – ist dabei mehr als nur ein provokanter Albumname. Er wirkt wie ein Programm, eine Art musikalisches Leitmotiv. Die Platte fühlt sich tatsächlich an wie eine akustische Disziplinarmaßnahme: roh, absolut kompromisslos und mit einer Hartnäckigkeit durchgezogen, die jeden Versuch von musikalischem Komfort zuverlässig im Keim erstickt. Wer dieses Album hört, betritt freiwillig eine Klangkammer aus Maschinen, Verzerrung und industrieller Kälte – und kommt so schnell auch nicht wieder heraus. Musikalisch bedeutet das: Von Anfang bis Ende wird hier Industrial und Noise mit einer solchen Wucht auf den Hörer losgelassen, dass man stellenweise glaubt, jemand hätte eine komplette Fabrikhalle durch einen Verzerrer gejagt. Metallische Impulse klirren, Klangflächen schleifen wie schwere Stahlplatten über Beton, während sich verzerrte Texturen ineinander verhaken und ein akustisches Geflecht bilden, das gleichzeitig brutal und hypnotisch wirkt.
Dabei wirkt das Album nie chaotisch oder zufällig. Hinter der aggressiven Oberfläche steckt eine erstaunlich präzise Dramaturgie. Die Sounds türmen sich auf, verdichten sich, kollabieren kurz – und bauen dann erneut Druck auf. Diese Dynamik erzeugt eine klaustrophobische Atmosphäre, die erstaunlich fesselnd ist. 'Puppe Magnetik' versteht es hervorragend, Spannung zu erzeugen, ohne auf klassische Songstrukturen angewiesen zu sein. Stattdessen entsteht ein Sog aus Geräusch, Dichte und Energie. An dieser Stelle muss ich allerdings auch eine kleine Beobachtung loswerden: Es gibt auf dem Release natürlich auch 'Gesang'. Allerdings muss man bei eingen Tracks schon sagen: erkennen kann man ihn nicht unbedingt. Aber das meine ich absolut positiv. Die Stimme von 'Aina' ist hier so tief in die industrielle Geräuschkulisse eingebettet, dass sie eher wie ein weiteres Instrument wirkt. Mal taucht sie als geisterhaftes Flüstern auf, mal als verzerrter Ausbruch irgendwo zwischen menschlicher Stimme und kaputter Maschine. Man hat manchmal das Gefühl, jemand würde in einem Nebenzimmer verzweifelt in ein Megafon schreien, während gleichzeitig ein Betonmischer läuft. Textverständlichkeit? Nun ja… sagen wir so: Wer hier versucht mitzusingen, hat vermutlich ohnehin ganz andere Probleme. Aber genau diese Verschmelzung von Stimme und Geräusch macht den Reiz aus. Der „Gesang“ wird Teil der Klangarchitektur – und genau dadurch funktioniert er so gut.
Ein weiterer Blickfang ist das Artwork, das die Atmosphäre des Albums mit herrlich verstörender Konsequenz einfängt. Das Cover zeigt eine düstere, vermummte Gestalt mit einer Axt in der Hand, die vor einer Herde Kühe steht. Aha! Im Hintergrund ein Stall, alles in rauem Schwarz-Weiß gehalten. Das Bild wirkt wie eine Mischung aus nordischem Bauernhof, mittelalterlicher Hinrichtungsszene und einem sehr seltsamen Albtraum nach zu viel Industrial auf nüchternen Magen. Je länger man das Bild betrachtet, desto mehr Fragen stellen sich: Sind die Kühe hier Zuschauer? Opfer? Eine Art stille Jury? Oder stehen sie vielleicht symbolisch für Gehorsam und Disziplin – genau das also, was der Albumtitel thematisiert? So oder so: Das Cover ist gleichzeitig absurd, unheimlich und erstaunlich passend. Und genau diese leicht verstörende Mischung spiegelt die Musik perfekt wider.
Der eigentliche Gänsehautmoment kommt allerdings ganz am Ende des Albums. Nachdem sich über die gesamte Laufzeit hinweg Industrial-Strukturen und Noise-Wellen aufgebaut haben, geschieht im letzten Stück etwas völlig Unerwartetes. Ab etwa 3:14 Minuten fällt die Klangwand plötzlich in sich zusammen. Der Lärm verschwindet. Die Maschinen schweigen. Und dann tauchen sie auf: ruhige, melancholische Geigenklänge. Plötzlich öffnet sich der zuvor so klaustrophobische Raum und wird von einer beinahe traurigen, atmosphärischen Ruhe erfüllt. Die Streicher wirken zerbrechlich, fast meditativ, und ziehen den Hörer sofort in ihren Bann. Dieser Moment fühlt sich an wie ein emotionaler Nachhall nach der zuvor erlebten Klanggewalt – als würde das Album nach all der Disziplinierung und Bestrafung plötzlich innehalten und dem Hörer eine kurze, beinahe poetische Atempause schenken. Gerade dieser dramaturgische Kniff macht 'Kurittaa Ja Rangaista' zu einem wirklich außergewöhnlichen Erlebnis. Die extreme Härte bekommt dadurch eine unerwartete Tiefe. Man merkt plötzlich, dass hinter der brutalen Geräuschwand ein sehr bewusst gestaltetes Konzept steckt. Und auch deshalb muss ich sagen: Ich bin von diesem Album wirklich begeistert.
'Puppe Magnetik' schafft es hier, extreme Industrial-Musik nicht nur aggressiv, sondern auch atmosphärisch und dramaturgisch spannend zu gestalten. Die Platte wirkt kompromisslos, eigenständig und erstaunlich geschlossen. Sie ist laut, unbequem, hypnotisch und gleichzeitig faszinierend kunstvoll. Na klar, 'Kurittaa Ja Rangaista' ist kein Album für nebenbei als Hintergrundmusik beim Geburtstag von Oma und Opa. Es ist eine intensive, fast körperliche Erfahrung. Wer Death-Industrial, Noise und extreme Klangexperimente liebt, wird hier ein Werk entdecken, das konsequent, atmosphärisch und beeindruckend durchdacht ist. Wer dagegen melodische Strukturen, verständlichen Gesang oder musikalische Behaglichkeit sucht, sollte sich vielleicht lieber etwas anderes auflegen – oder zumindest vorher einen Helm aufsetzen. Für Fans extremer Industrial-Klangkunst ist dieses Release jedoch ein echtes Highlight: kompromisslos, verstörend, faszinierend – und am Ende überraschend berührend. Fein fein!
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Puppe Magnetik - Kurittaa Ja Rangaista
The Ruins Of Beverast - Tempelschlaf
Wer den Namen ‘The Ruins Of Beverast’ hört, weiß eigentlich schon, dass hier nichts Leichtes passiert. Seit 2003 erschafft ‘Alexander Von Meilenwald’ unter diesem Banner Musik, die sich anfühlt wie der Soundtrack zu einer langsam zerfallenden Welt. Monumentale Doom-Passagen, eruptive Black-Metal-Momente und unheimliche Ambientflächen gehören dabei längst zur DNA der Band. Mit ‘Tempelschlaf’ erscheint nun Album Nummer sieben – ein Werk, das vertraute Elemente enthält, sie aber in einer überraschend freien und teilweise herrlich verschrobenen Form neu zusammenstellt.Wer die Diskografie der Band ...