Der Skorpion auf dem Cover hat seinen Dienst offenbar gründlich missverstanden. Statt Lähmungserscheinungen verursacht er hier eher Bewegungsdrang, statt schlechter Laune erstaunlich viel Vergnügen. Dabei sehen 'Priest' mit ihren Masken nun wirklich nicht nach einer Band aus, die einem freundlich den Tag retten möchte. Auf 'Altered State Police' gelingt den Schweden nämlich genau das: Sie verpacken berührende Songs in dunkle Elektronik und geben ihnen genug Schwung mit, um auch einen ziemlich festgefahrenen Alltag in Bewegung zu bringen.

Hinter dem Trio stehen Sänger 'Mercury', Keyboarder 'Salt' und 'Sulfur', zuständig für Programmierung und Keyboards. 'Mercury' heißt meiner Recherche nach bürgerlich 'Linton Rubino' und spielte früher wohl Bass bei 'Ghost'; auch 'Salt' hat eine Vergangenheit bei der maskierten Rockformation. Seit dem Debüt 'New Flesh' von 2017 haben sich 'Priest' allerdings ihre eigene elektronische Welt aufgebaut. Das am 23. Oktober 2026 über 'Blue Nine' erschienene 'Altered State Police' ist so auch schon ihr fünftes Studioalbum. 'Rubino' schrieb Texte und Musik und übernahm gemeinsam mit 'Leo Josefsson' die Produktion.

Zwei Jahre Arbeit stecken darin. Inhaltlich beschäftigen sich 'Priest' dabei mit Überwachung, technologischer Kontrolle und Identität, aber auch mit persönlichen Erfahrungen und dem Wiedergewinnen von Selbstvertrauen. Im Interview mit Synth.nu beschreibt die Band außerdem ihre Begeisterung für 'The Prodigy' als Einfluss auf das neue Material. Das erklärt einen Teil des rhythmischen Vorwärtsdrangs, der hier durch die futuristischen Kulissen fegt. Synthpop, Industrial, Big Beat und Futurepop greifen auf diesem Album dann auch ausgesprochen schlüssig ineinander. Kräftige Beats und präsente Basslinien sorgen für Bewegung, während sich darüber Melodien entfalten, die schnell vertraut wirken. Räumliche Effekte öffnen das Klangbild, gelegentlich entsteht eine beinahe schwebende Atmosphäre. Diese Wechsel geben der Musik Luft: Auf energische Passagen folgen ruhigere Momente, in denen der Gesang stärker in den Mittelpunkt rückt.

Gerade die Stimme macht für mich hier einen wesentlichen Teil der Anziehungskraft aus. 'Mercury' erinnert mich stellenweise deutlich an 'Stephan Groth' von 'Apoptygma Berzerk'. Es ist diese leicht sehnsüchtige Art zu singen, durch die auch eine unmittelbar eingängige Melodie emotionales Gewicht bekommt. Die Stimme kann aber auch dunkler und rauer werden, ohne ihre melodische Linie zu verlieren. Dadurch besitzen die Songs Gefühl und gleichzeitig genug Biss, um sich gegen das rhythmische Geschehen zu behaupten. Die Produktion hält das alles erfreulich übersichtlich. Stimme, Bass und Schlagzeug sind klar voneinander zu unterscheiden. Auch wenn die Musik zupackt, behalten die einzelnen Elemente ihren Platz. Die Details im Hintergrund bereichern die Atmosphäre, während die Refrains vorn ihre Wirkung entfalten. Einige davon setzen sich derart mühelos fest, dass man sie innerlich weiterhört, obwohl längst wieder ganz andere Dinge Aufmerksamkeit verlangen.

Für den Einstieg bieten sich 'Sentimental' und 'Jeopardize' an. Ersterer ist ruhig, wunderbar melodiös und eingängig – ein Song, der mit seiner zurückgenommenen Art besonders berührt. 'Jeopardize' liefert den flotteren, etwas aggressiveren Gegenpol. Die dunklere Stimme passt hier hervorragend zu seiner motivierenden Energie. Im letzten Albumdrittel verdient außerdem 'The Savior's Blade' Aufmerksamkeit: ein weiterer schöner Ruhepunkt, der zeigt, wie sicher 'Priest' auch mit weniger Vorwärtsdruck ihre Wirkung erzielen. Überhaupt überzeugt mich der Aufbau. 'Altered State Police' lässt sich vollständig durchhören, ohne dass die Aufmerksamkeit nachlässt. Die unterschiedlichen Gangarten halten das Album lebendig und gehören hörbar zusammen. Mit 'Stargate' bekommt es schließlich einen ausgesprochen gelungenen Abschluss: ein Ende, das sich richtig anfühlt und einen zufrieden aus dieser Klangwelt entlässt.

Dazu passt eben auch das markante Skorpion-Artwork von 'Snep', dessen Coverdesign 'Linton Rubino' übernahm. Das Motiv sieht cool aus und gibt der Platte eine bedrohliche Präsenz. Musikalisch darf man sich allerdings auf reichlich Popnähe einstellen. Wer vor allem kompromisslose Industrial-Härte sucht, bekommt hier deutlich mehr Melodie und Gefühl serviert. Für mich liegt genau darin die Stärke; Fans von 'Apoptygma Berzerk' und melodischer dunkler Elektronik sollten unbedingt hineinhören. 'Altered State Police' berührt, motiviert und macht mir schlicht gute Laune. Die Songs tragen über die gesamte Spielzeit, die ruhigeren Stücke gehören zu den Höhepunkten, und die Produktion gibt dieser Mischung den passenden Raum. Ein tolles Album, bei dem nach dem schönen Ende nur ein kleines Problem bleibt: Man möchte wieder von vorn anfangen. Der Skorpion gehört deshalb dringend neu beschriftet. „Vorsicht, giftig“ führt hier in die Irre. „Kann Ihren Feierabend verlängern“ trifft es besser.