Ja ja. Wir wissen es! ‘Sang d’Encre’ ist bereits am 10. Oktober 2025 erschienen. Und ja – wir kommen jetzt erst mit dem Review um die Ecke. Bevor hier also jemand mit erhobenem Zeigefinger in Richtung Redaktionsplan wedelt: Wir haben das Album selbstverständlich sofort gehört. Mehrfach. Sehr konzentriert. Mit Notizblock. Und nochmal. Und dann dachten wir: „Das muss noch sacken.“ Und dann noch ein bisschen mehr sacken. Irgendwann war es kein Sacken mehr, sondern ein kontrolliertes Reifen wie ein guter Rotwein im dunklen Keller unserer redaktionellen Selbstüberschätzung. Nun ja - kurz gesagt: Wir waren nicht zu spät – wir waren nur extrem gründlich. Wissenschaftlich quasi.
Viereinhalb Jahre haben sich ‘Potochkine’ ja schließlich auch Zeit gelassen für das Release. In einer Szene, in der EPs schneller erscheinen als man „Bandcamp-Notification“ sagen kann, ist das fast schon radikal entschleunigt. Sieben Tracks stehen auf ‘Sang d’Encre’. Kein überladenes 14-Song-Konstrukt, kein „Wir packen noch drei Remixe drauf“-Reflex. Sondern ein konzentriertes Werk. Und genau das ist vielleicht eine seiner größten Stärken. Das französische Duo um Pauline Alcaïde und Hugo Sempé bewegt sich seit jeher souverän zwischen Dark Wave, EBM, Minimal Synth und einer subtil lasziven Electro-Ästhetik. Live eine Wucht, auf Platte stets stilbewusst – doch mit ‘Sang d’Encre’ wirkt jetzt für mich alles sogar noch ein bisschen mehr fokussierter. Erwachsener. Selbstbewusster. Hier klingt nichts mehr nach Kompromiss, nichts nach „Hauptsache noch ein Hit“.
Schon der Titel hat es in sich. ‘Sang d’Encre’ bedeutet wörtlich „Tinte aus Blut“. Und im Französischen steht die Redewendung „se faire un sang d’encre“ für das Sich-Zerreiben vor Sorge oder innerer Unruhe. Dramatisch? Absolut. Und genau dieses Spannungsfeld aus Emotion und künstlerischer Verarbeitung durchzieht das gesamte Album. Hier werden Gefühle nicht dekorativ angerissen – sie werden in Klang gegossen.
Musikalisch setzt das Duo auf kontrollierte Intensität. Druckvolle Basslinien, stoische Beats, präzise Synthflächen – alles sitzt. Der Sound ist kühl, aber nicht unterkühlt. Elegant, aber nicht geschniegelt. Und vor allem: tanzbar, ohne banal zu sein. Man hört förmlich die Nebelmaschine anlaufen, sieht schwarze Silhouetten im Stroboskoplicht – und merkt gleichzeitig, dass hier mehr passiert als bloße Club-Beschallung. Im Zentrum steht natürlich Pauline Alcaïdes Stimme. Sie flüstert, sie säuselt, sie fordert – und manchmal klingt es, als würde sie einen gleichzeitig umarmen und auf Abstand halten. Diese Mischung aus Verführung und latenter Aggression macht ‘Sang d’Encre’ so spannend. Liebe und Wut tanzen hier eng beieinander. Und das fühlt sich nicht konstruiert an, sondern erstaunlich echt. Klanglich schimmern Einflüsse französischer Electro-Traditionen durch – ohne dass es je nach Retro-Party klingt. Das hier ist kein nostalgischer 2003-Revival-Abend, sondern eine zeitgemäße Weiterentwicklung. ‘Potochkine’ wirken nicht trendgetrieben, sondern selbstbewusst. Und genau das verleiht dem Album diese angenehme Zeitlosigkeit.
Besonders stark ist die Dramaturgie. Die Energie baut sich auf, verdichtet sich – und dann kommt dieser Moment, in dem das Album plötzlich den Raum wechselt. Mit ‘La Source’ setzen ‘Potochkine’ einen 16 Minuten und 30 Sekunden langen Schlusspunkt. Und nein, das ist kein versteckter Remix. Das ist ein Statement. ‘La Source’ klingt sphärisch, beinahe wie aus einer anderen Welt. Leise, schwebend, stellenweise unheimlich still. Nach all dem Druck fühlt sich dieser Track wie ein bewusstes Ausatmen an. Wie das Licht, das nach einer langen Clubnacht angeht – nur deutlich stilvoller und ohne klebrigen Boden. Beim ersten Hören dachte ich kurz: „Das zieht sich jetzt aber.“ Beim zweiten Hören wollte ich genau dieses Ziehen. Dieses Finale verleiht dem Album Tiefe und Weite – und macht es als Gesamtwerk spürbar stärker.
Auch produktionstechnisch überzeugt mich ‘Sang d’Encre’ durch perfekte Klarheit und Präzision. Keine Effekthascherei, keine überflüssigen Spielereien. Stattdessen Struktur, Spannung und Sogwirkung. Veröffentlicht wurde das Album unter anderem über ‘Young And Cold Records’ – inklusive limitierter Vinyl-Edition. Und ja, das ist so ein Release, das man sich gerne ins Regal stellt, statt es nur durchzuswipen. Im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen wie ‘Sortilèges’ wirkt dieses Album viel entschlossener. Weniger verspielt, dafür stringenter. Es ist keine radikale Neuerfindung – sondern eine beeindruckende Weiterentwicklung.
Für mich persönlich ist ‘Sang d’Encre’ damit im Rückblick sogar eines der stärksten elektronischen Releases des Jahres 2025. Es verbindet Atmosphäre, Kühle mit Emotion und Club-Energie mit künstlerischem Anspruch. Und falls wir mit dem Review ein paar Monate zu spät sind – dann lag das schlicht daran, dass wir es mehrfach hören mussten. Rein wissenschaftlich natürlich. Kurz gesagt: ‘Potochkine’ haben hier abgeliefert. Und zwar so gut, dass sich das Warten – sowohl auf das Album als auch auf diesen Review – absolut gelohnt hat.
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Potochkine - Sang d'Encre
Körper als Interface: ‘Tension Control’ und die Stimme von ‘Skinfields’
Was passiert, wenn der Körper zur Oberfläche wird und Gefühle nicht mehr gefühlt, sondern programmiert werden? Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue digitale Veröffentlichung „Kaltes Licht (skinfields | Tension Control Rework)“ an. Seit dem 13. Februar 2026 ist das Zwei-Track-Release auf Bandcamp erhältlich und zeigt eindrucksvoll, wie konzentriert und reduziert moderne Elektro-Produktionen heute klingen können, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen.Hinter Tension Control steht natürlich immer noch Michael Schrader, der seit 2016 für kompromisslosen Oldschool-EBM mit zeitgemäßer Produktion st...