Philippe Mouratoglou - Arcane 17

Philippe Mouratoglou - Arcane 17

Der Briefkasten der Redaktion hatte offenbar beschlossen, unseren musikalischen Horizont zu erweitern. Zwischen Rechnungen und dem üblichen Papierkram lag plötzlich das Promoexemplar von 'Arcane 17' von 'Philippe Mouratoglou' bei. Für eine Webseite auf der sich sonst eher Synthesizer, düstere Elektronik und härtere Gitarren tummeln, zunächst ein kleiner Überraschungsgast. Ungefähr so, als würde beim schwarzen Szeneabend jemand einen Stuhl auf die Tanzfläche stellen und fragen, ob kurz Ruhe für ein Gitarrenrezital wäre. Der erste Gedanke: Hat sich da jemand im Briefkasten geirrt? Der zweite: Egal, ein Blick über den Tellerrand lohnt sich allemal. Also durfte die Scheibe ins Abspielgerät. Die Rechnungen mussten warten. Endlich einmal eine vernünftige Prioritätensetzung.

'Philippe Mouratoglou' bringt für diesen Ausflug meiner ersten Recherche nach reichlich Erfahrung mit. Der französische Gitarrist lernte bei 'Wim Hooggewerf', 'Roland Dyens' und 'Pablo Márquez', erkundete neben der Klassik aber auch andere musikalische Welten und gründete 2012 gemeinsam mit 'Jean-Marc Foltz' und 'Philippe Ghielmetti' das Label Vision Fugitive. Seine klassische Ausbildung versteht er offenbar als Ausgangspunkt für Entdeckungen. Und mit 'Arcane 17' zeigt sich schnell, weshalb dieser unerwartete Gast einen Platz in unserer musikalischen Runde verdient.

Nach 'La Bellezza', einer Reise durch fünf Jahrhunderte Lauten- und Gitarrenmusik, richtet sich sein Blick diesmal auf das 20. Jahrhundert und die Gegenwart. Das Doppelalbum verbindet Werke, mir bisher weitgehendst unbeannter Künstler, wie 'Leo Brouwer', 'Heitor Villa-Lobos', 'Frank Martin', 'Tōru Takemitsu', 'Arthur Kampela' und 'Manuel De Falla' mit eigenen Improvisationen. 24 Stücke und knapp 76 Minuten ergeben dabei einen wirklich ausgedehnten musikalischen Weg. Der Titel bezieht sich auf die Tarotkarte „Der Stern“ und auf den gleichnamigen Text von 'André Breton'. Man braucht allerdings weder ein Kartenlegerdiplom noch einen Einführungskurs in Surrealismus, um Zugang zu dieser Musik zu finden.

Ruhig, entspannend, erdend: Diese Eigenschaften beschreiben meinen ersten Eindruck von 'Arcane 17' ziemlich gut. Einzelne Töne dürfen nachklingen, Melodien entfalten sich mit Geduld, und die Pausen gehören hörbar dazu. Das kann wohltuend sein und den Kopf ein wenig vom Alltagsbetrieb entkoppeln. Gleichzeitig muss ich ehrlich sagen: Diese Art von Gitarrenmusik trifft meinen persönlichen Geschmack nur bedingt. Ich kann ihre Ruhe genießen und ihre Feinheiten würdigen, fühle mich aber nicht durchgehend emotional hineingezogen. Zwischen Anerkennung und Begeisterung bleibt für mich ein Stück Abstand. Die Besetzung bleibt überschaubar, die Klangwelt ist es deutlich weniger. Nylon- und Stahlsaiten eröffnen unterschiedliche Farben: weiche, rund gezeichnete Linien stehen neben helleren, metallischen Resonanzen. Dazu kommen dunkle, gleitende Klänge, rhythmisch bewegte Figuren und Passagen, in denen die Gitarre überraschend perkussiv arbeitet. Zwischen lyrischer Wärme und abstrakteren Gesten verändert sich die Atmosphäre immer wieder. Die Ruhe hat also durchaus Ecken. Gelegentlich stolpert ein Gedanke darüber – und genau das hält die Musik lebendig.

Bemerkenswert ist meiner Meinung nach auch, wie die unterschiedlichen Stücke miteinander ins Gespräch kommen. 'Philippe Mouratoglou' ordnet das Programm nicht durchgehend in säuberliche Komponistenblöcke, sondern verschränkt Repertoire und eigene Beiträge. Verwandte Stimmungen treffen aufeinander, an anderer Stelle sorgt ein deutlicher Kontrast für neue Aufmerksamkeit. Die Improvisationen wirken innerhalb dieses Ablaufs wie persönliche Antworten auf das Gehörte. So bekommt die große stilistische Spannweite einen Zusammenhang, ohne dass alle Unterschiede verschwinden.

Wer einen Einstieg sucht, dem würde ich als erstes mal das Stück mit dem langen Titel 'La Fuite Des Amants Par La Vallée Des Échos' empfehlen. Seine dramatische Bewegung und virtuosen Figuren zeigen, dass dieses Album neben der Entspannung auch Spannung zu bieten hat. Damit lässt sich gut erahnen, wie viel Ausdruck in dieser Solobesetzung steckt. Die klare Aufnahme unterstützt das: Anschlag, Phrasierung und Resonanz bleiben nachvollziehbar, auch wenn das Spiel dichter wird.

Die Grenzen liegen für mich vor allem im Zugang zu diesem ausgedehnten Programm. Manche harmonischen Wendungen und freien Passagen bleiben mir emotional ferner als die lyrischen Momente - sorry. Auch die verschlungene Reihenfolge verlangt Orientierung, und knapp 76 Minuten sind für einen solchen Ausflug eine echt stattliche Strecke. Mir fehlt dabei stellenweise etwas, das mich unmittelbarer packt und zum nächsten Stück zieht. Das macht die Musik nicht schlechter, beschreibt aber meine persönliche Reaktion darauf. Wer Freude an feinen Veränderungen von Klang und Phrasierung hat, dürfte gerade dort viel entdecken, wo meine Aufmerksamkeit gelegentlich weiterwandert.

Meine musikalische Heimat wird 'Arcane 17' also ganz sicher nicht werden. Dafür ist mein persönlicher Draht zu diesem Repertoire zu begrenzt, und die Begeisterung bleibt eher punktuell. Trotzdem verdient 'Philippe Mouratoglou' Respekt für sein differenziertes Spiel, die Vielfalt der Klangfarben und ein Programm, das seiner Gitarre viel Ausdrucksraum gibt. Wer klassische Gitarre, zeitgenössische Musik und freie Improvisation schätzt, findet hier ganz sicher einen sorgfältig gestalteten, häufig wohltuend ruhigen Hörraum. Ich nehme aus diesem unerwarteten Besuch vor allem eine Erinnerung mit: Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich auch dann, wenn man dort nicht gleich einziehen möchte. Die Rechnungen hätten jedenfalls nochmals deutlich weniger zu bieten gehabt.

Philippe Mouratoglou - Arcane 17
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