Rund 100 Menschen, ein Raum, keine große Show – und mittendrin 'Peter Gabriel'. 'In The Big Room' dokumentiert ein exklusives Konzert für Mitglieder seines 'Full Moon Club', die er liebevoll „Lunatics“ nannte. Ein Name, der passt: Denn wer sich auf dieses Album einlässt, merkt schnell, dass hier nichts auf maximale Wirkung getrimmt ist. Stattdessen entsteht eine fast schon private Atmosphäre – irgendwo zwischen Wohnzimmerkonzert und musikalischem Experiment.
Was 'In The Big Room' für mich so besonders macht, ist diese konsequente Reduktion. Dieses Konzert entstand in einer Übergangsphase zwischen der 'Growing Up Live'-Tour und der späteren 'Still Growing Up Live'-Ära – also genau in dem Moment, in dem sich Routinen auflösen und neue Ideen noch nicht vollständig gefestigt sind. Übersetzt heißt das: weniger Perfektion, mehr Bewegung. Und genau das hört man. Die Band – mit 'Tony Levin', 'David Rhodes', 'Ged Lynch', 'Richard Evans', 'Rachel Z' und 'Melanie Gabriel' – agiert nicht wie eine durchgetaktete Maschine, sondern wie ein lebendiger Organismus. Hier wird nicht abgespult, hier wird gespielt. Levin legt diese tiefen, fast körperlich spürbaren Basslinien unter alles, während Rhodes’ Gitarren eher fließen als dominieren. Der Rest der Band sorgt für jene typische Gabriel-Klangarchitektur, in der sich Rhythmus, Atmosphäre und Melodie organisch ineinander verzahnen.
Musikalisch bleibt alles klar im Gabriel-Kosmos verankert: komplexe, oft verschobene Rhythmen, warme, dichte Klangflächen und eine permanente Spannung zwischen Kontrolle und Loslassen. Was hier aber anders ist: Die Songs wirken unmittelbarer, weniger inszeniert. Man hört nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Weg dorthin – und genau das macht den Reiz aus. Und genau hier beginnt auch das eigentliche Erlebnis dieses Albums. 'In The Big Room' funktioniert nicht wie ein typisches Livealbum, das man nebenbei laufen lässt. Es zieht Aufmerksamkeit. Leise, aber konsequent. Beim Hören entsteht dieses Gefühl, als würde man selbst irgendwo am Rand dieses Raums stehen – nicht mittendrin im Jubel, sondern ein paar Meter entfernt, nah genug, um jedes Detail zu hören. Man nimmt plötzlich Dinge wahr, die sonst untergehen: kleine rhythmische Verschiebungen, das Zusammenspiel der Instrumente, die Art, wie sich Spannung langsam aufbaut, statt sofort zu explodieren.
Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, wie ich eigentlich nur „kurz reinhören“ wollte – und dann doch hängen geblieben bin. Dieses Album zieht dich aus dem Nebenbei-Modus heraus. Es ist kein Soundtrack für die U-Bahn oder nebenbei beim Scrollen. Es ist eher eines für den Moment, in dem man bewusst auf „Play“ drückt und dann merkt, dass man plötzlich nichts anderes mehr nebenbei machen will. Die Setlist unterstreicht diesen Zwischenzustand. Sie ist weder ein klassisches „Best Of“ noch eine radikale Neuinterpretation, sondern eine eigenwillige Mischung aus Bekanntem und Übergangsmaterial. Dass das Publikum am Ende Teile des Sets mitbestimmen durfte, ist ein nettes Detail – führt aber auch zu einer gewissen Ironie: Selbst eingefleischte „Lunatics“ greifen am Ende lieber zu den vertrauten Favoriten. Ein wenig mehr Mut zur Abseitigkeit hätte dem Abend gutgetan.
Und genau hier liegt auch einer der wenigen Kritikpunkte: So intensiv und nah dieses Konzert ist – die ganz große Überraschung bleibt stellenweise aus. Es fehlt dieser eine Moment, der alles kippen lässt. Stattdessen bewegt sich vieles auf einem konstant hohen, aber selten wirklich ausbrechenden Niveau. Das ist keineswegs schlecht – aber eben auch nicht durchgehend elektrisierend. Klanglich überzeugt das Album dafür umso mehr. Die Aufnahme ist klar, direkt und angenehm ungeschönt. Keine sterile Hochglanzproduktion, sondern ein Sound, der Raum lässt und Details hörbar macht. Gerade in dieser reduzierten Umgebung entfaltet sich die Musik fast körperlich – als würde man selbst nicht nur im Raum stehen, sondern Teil dieses stillen, konzentrierten Moments werden.
Was mich persönlich besonders gepackt hat: Dieses Album wirkt weniger wie ein klassisches Live-Release und mehr wie ein Blick hinter die Kulissen. Kein „Seid ihr gut drauf?!“, kein kalkulierter Applaus – sondern eine konzentrierte, fast schon intime Spannung, die sich langsam aufbaut und sich erst nach und nach entfaltet. Dieses Album zeigt nicht, wie groß 'Peter Gabriel' ist – sondern wie gut er ohne Größe funktioniert.
'In The Big Room' ist kein spektakuläres Livealbum. Es will es auch gar nicht sein. Stattdessen präsentiert es 'Peter Gabriel' in einem reduzierten, fokussierten Setting, das seine Musik auf das Wesentliche herunterbricht – mit all ihren Stärken, aber auch mit kleinen Schwächen. Im Vergleich zu den großen Live-Dokumenten seiner Karriere wirkt dieses Release weniger monumental, weniger durchinszeniert – aber genau dadurch auch persönlicher und greifbarer. Es ist ein Album, das nicht überwältigt, sondern langsam wirkt. Geeignet ist dieses Release für alle, die 'Peter Gabriel' nicht nur hören, sondern erleben wollen. Für Hörer, die Atmosphäre über Effekt stellen und die bereit sind, sich Zeit zu nehmen. Für Menschen, die Musik nicht nur konsumieren, sondern sich bewusst auf sie einlassen. Für mich ist das kein klassisches „Must-have“ – aber eines dieser Alben, die sich leise festsetzen, sich immer wieder einschleichen und genau deshalb länger bleiben, als man es zunächst erwartet hätte.
Peter Gabriel - In The Big Room
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