Quizfrage: Was haben Otto Dix und Klaus Nomi gemeinsam? Gar nichts, mag jeder denken, war ersterer doch ein berühmter deutscher Maler in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, zweitgenannter dagegen ein hierzulande leider wenig bekannter Sänger, welcher im New York der späten 70er/frühen 80er bereits New Wave machte, als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab. Trotzdem besteht seit 2008 eine Verbindung zwischen den beiden in Form einer kleine Silberscheibe namens „Starost“, die im fernen Rußland entstand und jetzt ihren Weg über das Label Danse Macabre zu uns gefunden hat. Otto Dix heißt das dafür verantwortliche Duo aus St. Petersburg und deren Name ist nicht zufällig gewählt,... ...denn wie der Maler Otto Dix (1892-1969) im Zenith seines Schaffens Glanz und Elend der jungen Weimarer Republik mit den Mitteln der bildenden Kunst darstellte, drücken seine Bewunderer aus Rußland genau das selbe durch die Musik aus. Reichtum und Armut, Aufbegehren und Resignation, nirgendwo liegt dies so dicht beisammen, wie in dem zerfallenen Riesenreich. Vielleicht der fruchtbarste Nährboden für außergewöhnliche Ausdrucksformen, in diesem Falle für 12 wahrhaft herausragende Lieder, die sich zwischen Darkwave und Neoklassik einordnen lassen und sich gleichzeitig jeder Kategorisierung entziehen. Jeder westlichen zumindest, denn slawischen Ohren ist diese ganz spezielle Melancholie, die sich durch „Starost“ zieht, aus ihrer eigenen Volksmusik vertraut, wenngleich jene Stimmung hier nicht mit traditionellem russischen Instrumentarium erzeugt wird, sondern mit moderner Elektronik. Diese bildet mal düster-schleppend, mal eingängig-treibend das Grundgerüst der Tracks, in die gekonnt elegante Klavierlinien, synthetische Tonsprengsel oder weiche Violinenparts, gespielt von Peter Voronoff, eingewoben werden. Dennoch verfällt man weder bodenloser Depression, noch süßlichem Kitsch, dazu sind die Arrangements bei weitem zu ausgefeilt und bisweilen bewegt man sich sogar in härteren Gefilden, wie z.B. bei „Fatigue Of Metal“, welches vom Songwriting her entfernt an Das Ich erinnert, oder „Virtual Love“, das mit seinem schnellen Rhythmus beinahe tanzbar ist. Gänzlich aus dem Rahmen fällt der letzte Titel „Birds“, in dem unerwartet Rockgitarren aufflammen und einen ausgefallenen Kontrast zur Stimme des Frontmannes Michael Draw bilden. Damit wären wir schon beim zweiten Teil des Rätsels – Klaus Nomi. Seine Besonderheit war nämlich, daß er ausgebildeter Countertenor war, d.h. seine Stimme durch bestimmte Techniken in Höhen schrauben konnte, die sonst weiblichen Opernsängerinnen vorbehalten ist. Auch Otto Dix-Sänger Michael Draw beherrscht diese schwierige Tonlage und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die den Hörer tatsächlich eine Altistin am Mikrophon vermuten läßt. Aber es ist wirklich ein Mann, der mit seinen glockenklaren Vocals über den Kompositionen des Keyboarders Marie Slip dahinschwebt und diesen zusätzlich durch die in Russisch gehaltenen Lyrics eine exotische Atmosphäre verleiht (für Textinteressierte gibt’s übrigens eine englische Übesetzung im Booklet). Dabei sind die beiden Musiker, darf man der Labelinfo glauben, in ihrer Heimat alles andere als Exoten, haben in 4 Jahren Bandgeschichte 3 Alben veröffentlicht („Ego“, „City“ und „Nuclear Winter“), über 300 Konzerte dies- und jenseits des Urals gegeben und es sogar zu Auftritten im dortigen Staatsfernsehen gebracht. Die Quintessenz der genannten Veröffentlichungen befindet sich nun auf „Starost“, das durchaus das Zeug dazu hat, auch die Herzen der westeuropäischen Gothics im Handstreich zu erobern, zumal mit dem Eisenfunk-Remix von „Ego“ noch ein tanzflächentauglicher Bonustrack mitgeliefert wird, der hoffentlich in schwarzen Clubs seine verdiente Chance erhält. 6 Sterne für diese opulente Klangkunst, ein kleiner Punktabzug für das Bonus-Video von „White Dust“, das im Gegensatz zur Musik doch ein bißchen zu klischeehaft daherkommt. Anmerkung: Wer des Russischen mächtig ist, kann auch direkt die Homepage der Band besuchen.