Orange Sector - Reworx

Orange Sector - Reworx

Remix-Alben haben in der elektronischen Szene ja ungefähr den Ruf von Kabelbindern im Serverraum: irgendwie notwendig, selten aufregend und meistens schneller vergessen als man „Extended Version“ sagen kann. Doch jetzt kommt 'Orange Sector' mit 'Reworx' um die Ecke – und schafft es tatsächlich, dieses totgerittene Konzept wieder interessant zu machen. Ein kleines Wunder? Oder einfach nur verdammt gut gemach?  Seit den frühen 90ern schon stehen 'Orange Sector' für genau das, was EBM ausmacht: Druck, Haltung und diesen unnachgiebigen Vorwärtsdrang, der irgendwo zwischen kalter Maschine und verschwitztem Clubfloor pulsiert. Mit Klassikern wie 'Faith' oder 'Flashback' haben sie nicht nur früh ihren Platz gefunden, sondern den deutschen EBM-Sound dieser Zeit aktiv mitgeprägt. Nach einer etwas ruhigeren Phase und einem bemerkenswerten Comeback ab Mitte der 2000er haben sie sich spätestens mit 'Feuer & Flamme' und der starken Single 'Farben' wieder fest im Hier und Jetzt verankert. Keine Nostalgie-Veranstaltung, sondern eine Band, die weiterhin Relevanz besitzt.

Mit 'Reworx', das am 27. März 2026 über 'Infacted Recordings' veröffentlicht werden wird, folgt nun ein Release, das auf dem Papier zunächst nach Standardkost klingt: ein Remix-Album. Doch wer hier an die übliche Ansammlung halbgarer Clubversionen denkt, liegt ziemlich daneben. 'Reworx' ist kein Lückenfüller, sondern ein bewusst angelegtes Gemeinschaftsprojekt – eine kreative Spielwiese, auf der befreundete Acts den Sound von 'Orange Sector' auseinandernehmen, neu zusammensetzen und dabei teilweise überraschend weit gehen.

Was 'Reworx' dabei von der breiten Masse abhebt, ist der klare Wille zur Neuinterpretation. Hier wird nicht einfach ein Beat verstärkt und der Rest dekorativ aufgeblasen. Stattdessen greifen die beteiligten Künstler – darunter 'Nz', 'Funker Vogt', 'Emmon', 'Rob Dust', 'Zweite Jugend', 'Aircrash Bureau', 'Rotoskop', 'Elm', 'Tension Control' und 'Lis Van Den Akker' – aktiv in die Struktur der Songs ein. Sie zerlegen, verschieben, verdichten oder öffnen das Material und schaffen damit eigenständige Versionen, die oft mehr Transformation als Variation sind. Das Ergebnis bewegt sich souverän zwischen klassischer EBM-Kante und modernem Electro-Sounddesign. Die DNA von 'Orange Sector' bleibt dabei durchgehend spürbar: klare Sequenzen, druckvolle Rhythmen, diese stoische Direktheit, die ohne Umwege funktioniert. Gleichzeitig werden die Stücke in ein zeitgemäßes Klangbild überführt, das deutlich stärker auf heutige Clubrealitäten einzahlt. Und ja – das ist ein entscheidender Punkt: Ein Großteil der Tracks hat genau diesen Drive, der auch 2026 problemlos auf die Tanzfläche passt. Das hier ist kein museales Aufarbeiten alter Ideen, sondern ein aktiver Transfer in die Gegenwart. Genau darin liegt die eigentliche Stärke von 'Reworx'.

Stilistisch zeigt sich das Album erfreulich vielseitig. Mal dominieren kalte, mechanische Strukturen, die fast schon klinisch wirken. Dann wieder öffnen sich die Arrangements, werden dichter, atmosphärischer oder sogar leicht melancholisch. An anderer Stelle blitzt eine fast unerwartete Verspieltheit durch, die den oft sehr strengen EBM-Rahmen bewusst auflockert. Diese Wechsel sorgen dafür, dass die 16 Tracks nicht zur monotonen Dauerbeschallung verkommen, sondern durchgehend in Bewegung bleiben. Besonders gelungen ist dabei die Rolle des Albums als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. 'Orange Sector' stammen aus einer Phase, in der EBM bewusst reduziert, kantig und kompromisslos war. 'Reworx' zeigt, wie tragfähig dieses Fundament bis heute ist – und wie gut es sich mit moderner Produktion und neuen Einflüssen verbinden lässt, ohne an Charakter zu verlieren. Mit 'Treat Of Life' (feat. 'Lis Van Den Akker') bekommt das Album zudem einen zentralen Ankerpunkt, der bereits im Vorfeld angedeutet hat, wohin die Reise geht. Auch hier zeigt sich exemplarisch, wie gut die Verbindung aus klassischem Songwriting und moderner Interpretation funktioniert.

Natürlich ist nicht jede Version ein Volltreffer. Einige Tracks zünden sofort, andere entwickeln ihren Reiz erst nach mehreren Durchläufen – und wieder andere bleiben eher interessante Ideen als zwingende Highlights. Aber genau das gehört zu einem Projekt dieser Größenordnung dazu. Entscheidend ist: Es gibt aber kaum echte Ausfälle. Und das ist bei 16 Tracks alles andere als selbstverständlich. Was mir persönlich besonders gefällt: 'Reworx' fühlt sich nicht nach Pflichtprogramm an. Es wirkt nicht wie ein hastig zusammengestelltes Fanprodukt, sondern wie ein Release mit echtem Anspruch. Als jemand, der bei Remix-Alben normalerweise spätestens nach dem dritten Track gedanklich schon die Einkaufsliste für den nächsten Tag durchgeht, hat mich dieses Album tatsächlich bei der Stange gehalten. Und das passiert selten. Gleichzeitig transportiert die Platte ein starkes Gefühl von Szene-Zusammenhalt. Die beteiligten Acts wirken nicht wie beliebig zusammengewürfelte Namen, sondern wie Teil eines funktionierenden Netzwerks, das eine gemeinsame musikalische Sprache spricht – wenn auch mit unterschiedlichen Dialekten. Hier wird nicht einfach abgearbeitet, hier wird interpretiert. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Die Songs von 'Orange Sector' sind stark genug, um unterschiedlichste Herangehensweisen auszuhalten. Schlechte Songs zerfallen im Remix – gute Songs gewinnen neue Facetten. 'Reworx' liefert dafür mehr als genug Belege.

'Reworx' ist damit dann eben auch deutlich mehr als 'nur' ein Remix-Album. Es ist ein kreatives Gemeinschaftsprojekt, das den Sound von 'Orange Sector' nicht nur feiert, sondern sinnvoll weiterdenkt und in die Gegenwart überführt. Für Fans ist das ohnehin Pflichtprogramm – für alle anderen eine überraschend zugängliche Möglichkeit, sich diesem Kosmos zu nähern. Besonders empfehlenswert ist das Album für Hörer von EBM, Electro und Industrial-naher Clubmusik, die offen für Neuinterpretationen sind und Spaß daran haben, vertraute Strukturen in neuem Gewand zu erleben. Auch für Szene-Kenner bietet 'Reworx' genug Tiefe, um mehr als nur nebenbei zu laufen. Ich persönlich bin nicht nur positiv überrascht – ich habe das Album tatsächlich öfter gehört, als ich es bei einem Remix-Release jemals erwartet hätte. Nicht jeder Moment sitzt perfekt, aber das Gesamtbild überzeugt klar. 'Reworx' bleibt in Bewegung, fordert Aufmerksamkeit und belohnt sie auch. Oder anders gesagt: 'Reworx' ist eines dieser seltenen Remix-Alben, die man nicht einfach nur einmal durchhört – sondern bei denen man tatsächlich wieder auf „Play“ drückt.

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