Wer 'Depeche Mode' zum Date einlädt, sollte auf große Gefühle und eine gewisse Neigung zur Schwermut vorbereitet sein. 'Nouvelle Vague' haben vorsorglich Akustikgitarren, federnde Rhythmen und ein paar ausgesprochen verführerische Stimmen organisiert. Das französische Projekt um 'Marc Collin' widmet auf 'A Date With Depeche Mode' erstmals ein ganzes Album dem Repertoire einer einzigen Band. Mich überzeugt vor allem, wie gut diese Begegnung funktioniert: Die Musik lehnt sich entspannt zurück, während der Gesang einem ziemlich nahekommt.
Seit ihrem Debüt von 2004 bringen 'Nouvelle Vague' New Wave und Post-Punk mit brasilianischer Leichtigkeit zusammen. Für das am 30. Oktober 2026 bei Kwaidan Records/[PIAS] veröffentlichte Album wurden dreizehn Songs von 'Depeche Mode' in Rio de Janeiro und Paris neu eingespielt. Mit dabei sind unter anderem 'Skye Edwards' von 'Morcheeba', 'Beth Hirsch', 'Flavia Coelho' sowie die langjährigen 'Nouvelle Vague'-Stimmen 'Mélanie Pain' und 'Phoebe Killdeer'. Die Auswahl verbindet große Hits mit weniger allgegenwärtigem Material.
Die Entschleunigung bekommt der Musik ausgesprochen gut. Fein verwobene Bossa-Nova- und Jazz-Arrangements geben den vertrauten Melodien eine neue Wärme. Akustische Gitarren, zurückhaltende Percussion, Akkordeon und Bläser öffnen den Klang, ohne ihn mit Dekoration zu überladen. Weichere rhythmische Akzente und eine luftige Begleitung lassen die Musik federn und die Melodien freier atmen. Vor allem klingt das Album herrlich nach früher. Nach den Sechzigerjahren, nach elegant arrangiertem Easy Listening und dem Soundtrack eines Films, in dem selbst ein enttäuschter Blick noch hervorragend ausgeleuchtet wird. Mich überzeugt, wie selbstverständlich sich die vertrauten Melodien in dieser Umgebung bewegen. Auch ohne die gewohnte elektronische Inszenierung behalten sie ihren Wiedererkennungswert.
Besonders überzeugen mich die Gesangsleistungen. Hauchig bis lasziv, gelegentlich fast geflüstert, dann wieder klarer und mit souligem Nachdruck: Die wechselnden Stimmen bringen eine emotionale Nähe hinein. Wo die Begleitung zurücktritt, bekommen die Worte mehr Gewicht. Die Musik wirkt gelöst, während in den Stimmen die Sehnsucht weiterarbeitet. Gerade diese Spannung gefällt mir: Der lässige musikalische Vortrag lässt die Melancholie der Songs umso deutlicher hervortreten.
'Enjoy The Silence' bietet sich als Anspieltipp an: Sanft gezupfte Gitarre, dezente Percussion und Akkordeon bilden den Rahmen für das Duett von 'Skye Edwards' und 'Larry Love' von 'Alabama 3'. Ihre unterschiedlichen Stimmfarben geben der vertrauten Melodie einen eigenen Reiz und machen den Perspektivwechsel sofort hörbar. 'Ice Machine' wiederum würde bestens zu den letzten Gästen einer kleinen Bar in Rio passen: Draußen wird es langsam hell, drinnen bestellt jemand noch ein Glas. Dem frühen Stück, das 1981 auf der B-Seite von 'Dreaming Of Me' erschien, steht diese warme, nächtliche Atmosphäre ausgesprochen gut.
Wer vor allem den elektronischen Druck und die scharfen Konturen von 'Depeche Mode' sucht, wird sich an diese Bearbeitungen gewöhnen müssen. Der überwiegend weiche Zugriff rückt die Songs klanglich näher zusammen, als man es von den unterschiedlichen Originalaufnahmen kennt. Ein paar stärkere Brüche könnten manchen Hörern fehlen; für mich tragen die unterschiedlichen Stimmen das Album auch durch seine ruhigeren Momente.
'A Date With Depeche Mode' ist deshalb für mich eine gelungene Einladung, bekannte Musik einmal mit anderem Puls zu hören. Besonders die emotionalen Stimmen, der Sechzigerjahre-Charme und die wohltuende Entschleunigung machen den Reiz aus. Wer Bossa Nova, stilvolles Easy Listening und melancholischen Pop mag, dürfte an dieser Begegnung Freude haben. Ein zweites Date ist bei mir jedenfalls fest eingeplant.
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