Bei 'Muslimgauze' geht es natürlich nicht mehr um Legendenbildung. Auch nicht um Tragik, nicht um Kultstatus. Es geht um Konsequenz. Hinter dem Projekt stand Bryn Jones, der 1999 verstarb, dessen Werk jedoch bis heute weiterlebt. Jones machte Musik aus Überzeugung, nicht aus Kalkül. Veröffentlichung um Veröffentlichung, ohne Rücksicht auf Markt, Szene oder Erwartungshaltungen. 'Muslimlahore' ist ein weiteres Dokument dieser Haltung. Wichtig ist dabei: Es handelt sich nicht um ein zu Lebzeiten fertiggestelltes Album, sondern um eine posthum zusammengestellte Sammlung bislang unveröffentlichten Materials aus dem umfangreichen Archiv von 'Muslimgauze'. Wie viele Veröffentlichungen nach Jones’ Tod versteht sich auch dieses Release weniger als geschlossenes Werk, sondern als weiteres Fragment eines Projekts, das nie auf Ordnung oder Vollständigkeit angelegt war. Genau das macht seinen Reiz aus – bringt aber auch besondere Eigenheiten mit sich.
Musikalisch bewegt sich 'Muslimlahore' tief im eh schon bekannten Kosmos von 'Muslimgauze'. Auch hier ist klar hörbar, wie elektronische Musik mit orientalischen und arabischen Elementen verbunden wird. Diese Mischung war und ist kein schmückendes Stilmittel, sondern Grundprinzip der Projekts: Rhythmus, Klangfarbe und Struktur greifen ineinander und bilden eine ganz eigene Sprache, die sich konsequent von westlicher Elektronikästhetik absetzt. Im Zentrum steht erneut die Perkussion. Trocken, hart, stoisch. Die Rhythmen treiben nicht voran, sie verharren. Sie erzeugen keinen klassischen Spannungsbogen, sondern halten Zustände. Das kann faszinieren, manchmal sogar hypnotisieren – verlangt aber Geduld. Veränderungen passieren langsam, oft nur in Nuancen. Kleine rhythmische Verschiebungen oder neue klangliche Ebenen reichen aus, um Bewegung zu erzeugen.
Elektronische Elemente bleiben rau und ungeschönt. Flächen sind körnig, Sounds wirken auf mich bewusst unfertig. Immer wieder tauchen Fragmente auf, die an Radiosignale, entfernte Gesänge oder Feldaufnahmen erinnern. Diese Elemente werden nicht erklärt oder eingeordnet, sondern rhythmisch integriert, wiederholt und fragmentiert. Dadurch entsteht diese typische, leicht staubige 'Muslimgauze'-Atmosphäre, die gleichzeitig tranceartig und sperrig wirkt. Gerade hier zeigt sich jedoch auch eine Eigenheit dieses Releases: Die Verbindung all dieser Elemente war schon immer nicht jedermanns Sache. Durch die Tatsache, dass es sich nun um nachträglich zusammengestelltes, unveröffentlichtes Material handelt, fehlt 'Muslimlahore' meinem Gefühl nach stellenweise ein klarer roter Faden. Die Stücke wirken weniger wie Teile eines bewusst geplanten Albums, sondern eher wie Momentaufnahmen aus unterschiedlichen Phasen und Ansätzen. Das ist keineswegs negativ gemeint – es passt zur Arbeitsweise von 'Muslimgauze' –, sorgt aber dafür, dass das Album als Ganzes weniger geschlossen wirkt als andere Veröffentlichungen.
Klanglich bleibt alles klar analog geprägt. Pegel schwanken, Lautstärken ändern sich abrupt, Sounds kratzen und reiben. Nichts ist geglättet oder modernisiert. Diese Rohheit fühlt sich authentisch an, kann aber auch fordern. Man merkt: Hier wird nichts erklärt, nichts zusammengeführt, nichts nachträglich harmonisiert. Das Release-Format verstärkt diesen Eindruck. Die limitierte CD wirkt wie eine bewusste Archivveröffentlichung. Kein Produkt für schnelle Durchläufe, sondern etwas, das man in Ruhe hört, vielleicht auch mehrfach, um die einzelnen Ebenen für sich zu entdecken. Das schwere Material, das reduzierte Design und die Limitierung unterstreichen diesen dokumentarischen Charakter sehr stimmig.
'Muslimlahore' ist damit ein anspruchsvolles Release. Die Verbindung aus elektronischer Musik und orientalisch-arabischen Elementen war bei 'Muslimgauze' nie einfach – und wird hier durch die posthume Zusammenstellung unreleasten Materials noch einmal eigenwilliger. Wer einen klaren dramaturgischen Bogen oder ein in sich geschlossenes Album erwartet, könnte sich an der fehlenden Stringenz stoßen. Für Fans von 'Muslimgauze' ist diese Veröffentlichung dennoch hochinteressant: als Einblick in den kreativen Fundus eines Künstlers, dessen Werk auch Jahrzehnte nach seinem Tod nichts von seiner Radikalität verloren hat. Für Neugierige ist es ein fordernder, aber ehrlicher Zugang zu einem Projekt, das sich nie erklären wollte.
Muslimgauze - Muslimlahore
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