Wer meinte, sein Soundsystem hätte schon alles erlebt, bekommt jetzt einen kleinen Realitätscheck: 'Kraftwerk' schicken 'Radio-Activity' als Dolby-Atmos-Blu-ray zurück ins Wohnzimmer – und plötzlich merkt man, dass die eigene Anlage vielleicht doch noch ein paar ungenutzte Dimensionen hat. Erscheinungstermin ist der 8. Mai 2026. Und ja, dieses Release ist mehr als nur ein weiteres Jubiläumsprodukt im ohnehin gut gefüllten Reissue-Regal. Denn hier kommt der eigentliche Clou: 'Radio-Activity' erscheint erstmals überhaupt als Blu-ray (hoffentlich habe ich korrekt rechrchiert, sonst hagelt es wieder böse E-Mails) – und gleichzeitig auch zum ersten Mal in einem Dolby-Atmos-Mix. Kein verstecktes Archiv-Release, kein „gab’s schon mal irgendwo in Japan“-Exot, sondern tatsächlich ein echtes Format-Debüt für dieses Album. Fünfzig Jahre nach der Originalveröffentlichung im Jahr 1975 funkt dieses Stück Elektronikgeschichte also plötzlich in dreidimensionalem Raumklang durch die heimischen vier Wände. Wenn das keine verspätete Zukunft ist, was dann?
Für diese Jubiläumsausgabe haben sich Ralf Hütter und Toningenieur Fritz Hilpert die originalen 16-Spur-Masterbänder vorgenommen und daraus einen komplett neuen Dolby-Atmos-Mix gebaut. Die Versprechen klingen – wie sollte es bei 'Kraftwerk' anders sein – angenehm technisch und gleichzeitig ziemlich verlockend: mehr Details, neue klangliche Schattierungen und eine fast schon filmische Tiefe. Also genau das, was man sich immer erhofft, wenn ein Klassiker plötzlich „neu gedacht“ wird – und gleichzeitig genau das, was man mit einer gewissen gesunden Skepsis betrachten darf. Die Blu-ray selbst fährt dabei das volle Programm: Neben dem Dolby-Atmos-Mix gibt es auch einen daraus abgeleiteten 5.1-Mix (48/24) sowie die Stereo-Version (48/24) auf Basis des 2009er Remasters. Heißt: Egal ob Surround-Fetischist oder konservativer Stereo-Hörer – hier wird niemand ohne Signal nach Hause geschickt.
Und das Ausgangsmaterial? Immer noch ein Meilenstein. 'Radio-Activity' war 1975 das erste vollständig elektronische Album von 'Kraftwerk' und zugleich ein Konzeptwerk über Funkwellen, Radiokommunikation und radioaktiven Zerfall. Tracks wie „Radioactivity“ oder „Ohm Sweet Ohm“ wirken bis heute wie Botschaften aus einer Zeit, in der Zukunft noch nach Oszillator und Experiment klang – und nicht nach Algorithmus. Erste Eindrücke von einem Playback-Event in London deuten zwar an, dass der neue Mix ziemlich gelungen sein könnte. Aber Hand aufs Herz: Wirklich beurteilen lässt sich das Ganze erst, wenn die Blu-ray am 8. Mai 2026 (International kursiert auch 15. Mai 2026 - keine Ahnung was nun stimmt) tatsächlich im Player rotiert. Bis dahin bleibt eine Mischung aus Vorfreude, Technik-Neugier und der leisen Frage, ob man für dieses Album nicht vielleicht doch noch zwei Lautsprecher mehr braucht.
Fest steht: 'Kraftwerk' haben es mal wieder geschafft, ein halbes Jahrhundert alte Musik wie ein Zukunftsversprechen wirken zu lassen. Und wenn am Ende selbst der Geigerzähler plötzlich von oben piept – dann hat sich das Upgrade vermutlich gelohnt.