Haare - Submagic

Haare - Submagic

Manchmal hat man als Rezensent ja diesen einen Moment: Man entdeckt ein Release… und merkt dann, dass es schon seit Monaten (oder sagen wir: gefühlt aus einer anderen Realität) existiert. Genau so ging es mir mit 'Submagic' von 'Haare', dem Projekt von 'Ilkka Vekka' aus Finnland, schon erschienen am 30. September 2023. Und ja – wir schieben das hier ganz bewusst nach. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieses Ding zu 'besonders' ist, um im Archiv-Nirwana zu verschwinden. Außerdem: Wer sich im Kosmos von Drone, Noise und bewusstseinserweiternden Klangexperimenten bewegt, weiß ohnehin – Zeit ist hier eher ein Vorschlag als eine Regel.

'Haare' ist seit Jahren einer dieser Namen, die man mit einem leicht geheimen Nicken weiterempfiehlt: „Kennst du? Solltest du.“ Was als Geheimtipp auf Labels wie Freak Animal oder Terror begann, ist längst zu einer definierten Größe geworden. Und das ohne sich anzubiedern oder Trends hinterherzulaufen. 'Ilkka Vekka' macht einfach – und genau dieses stoische „Ich zieh das jetzt durch“ ist es, was 'Submagic' so stark macht. Übrigens beschreibt das Projekt seinen Sound selbst als „Psychedelic Noise“ – und das trifft den Nagel hier deutlich besser als die etwas grobschlächtige Discogs-Schublade „Power Industrial Noise“. Denn: Power Industrial lebt von Druck, Rhythmus, körperlicher Wucht. 'Submagic' interessiert das alles ungefähr so sehr wie ein Mönch im Schweigegelübde. Hier gibt es keinen treibenden Beat, keine aggressive Vorwärtsbewegung – stattdessen entfaltet sich ein zäher, schleichender Geräuschstrom, der sich langsam in dein Bewusstsein fräst. Das ist Noise, ja – aber nicht der „alles auf Anschlag“-Krawall, sondern ein bewusst gesetzter, fast schon hypnotischer Klangzustand.

Die Stücke wirken weniger wie klassische Kompositionen, sondern wie Prozesse. Etwas beginnt, verändert sich, wächst, kippt – oft so subtil, dass man es erst bemerkt, wenn man längst mittendrin steckt. Es ist ein bisschen so, als würde jemand im Nebenraum Möbel verrücken. Sehr langsam. Sehr bewusst. Und du bist dir nicht sicher, ob du nachsehen willst. Was ich daran wirklich liebe: Diese unfassbare Geduld. 'Haare' zwingt dich zu nichts – er wartet. Und genau dadurch zieht es dich rein. Kleine Verschiebungen im Klangbild, kaum wahrnehmbare Störungen, plötzlich auftauchende Verzerrungen – und zack, ist die Atmosphäre eine komplett andere. Kein großes Drama, kein Effektgewitter. Eher dieses leise „…Moment mal“. Und genau das ist der Punkt, an dem 'Submagic' anfängt, richtig zu wirken.

Am besten funktioniert das übrigens nicht nebenbei, nicht auf halber Lautstärke und ganz sicher nicht zwischen zwei WhatsApp-Nachrichten. Wenn du es richtig machst: Kopfhörer auf, Lautstärke hoch genug, dass du dich leicht unwohl fühlst – und dann einfach laufen lassen. Idealerweise in einem Raum, in dem du dir nicht ganz sicher bist, ob er wirklich leer ist. Willkommen im Erlebnis. Atmosphärisch ist das Ganze tief im okkulten Nebel verankert. Thelema, 70er-Okkultästhetik, dieses leicht vergilbte Gefühl von „hier passiert gleich etwas, das wir nicht ganz erklären können“ – all das ist nicht nur Konzept, sondern tatsächlich hörbar. 'Submagic' klingt wie ein Ritual, das sich selbst ernst nimmt. Kein ironisches Augenzwinkern, kein „wir spielen mal ein bisschen mystisch“. Das hier meint das ernst. Und genau deshalb funktioniert es.

Das Artwork bringt dann diese Stimmung auch perfekt auf den Punkt: irgendwie eine entrückte, fast gefesselte Figur vor einer kargen, beinahe apokalyptischen Landschaft, darüber schwebend das 'Haare Submagic'-Symbol wie ein okkultes Siegel. Minimalistisch, roh, schwarzweiß – und genau so klingt auch die Musik. Kein Schnickschnack, kein Ablenkungsmanöver. Nur du, der Sound – und dieses leise Gefühl, dass du vielleicht besser nicht zu tief eintauchen solltest.

Meine persönliche Meinung? Irgendwie feiere ich das Ding. Nicht halb, nicht vorsichtig – sondern so richtig. 'Submagic' ist eines dieser Alben, die dich nicht um Erlaubnis fragen. Es passiert einfach. Und irgendwann merkst du, dass du längst Teil davon bist. Gleichzeitig – und das gehört zur Ehrlichkeit dazu – ist das hier alles andere als zugänglich. Es fordert Geduld, Konzentration und eine gewisse Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Ein kleiner Bruch, ein unerwarteter Moment der Eskalation hätte dem Ganzen vielleicht noch eine zusätzliche Spitze gegeben. Aber vielleicht wäre genau das schon zu viel Kompromiss gewesen. Mein Fazit also: Dieses Release ist wie gemacht für Liebhaber von tiefem Drone, strukturiertem Noise und okkulter Klangästhetik. Für Menschen, die Musik nicht nebenbei konsumieren, sondern sich bewusst darin verlieren wollen. Wer Beats, Struktur oder schnelle Belohnung sucht, wird hier wahrscheinlich schneller aussteigen als ihm lieb ist. Wer sich aber auf „Psychedelic Noise“ im besten Sinne einlassen kann, bekommt ein intensives, konsequentes und stellenweise fast schon erschreckend schönes Erlebnis.

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