Linea Aspera - Linea Aspera

Linea Aspera - Linea Aspera

Es gibt Alben, die man übersieht, weil sie schlecht beworben wurden. Andere erscheinen im falschen Moment oder gehen zwischen hundert Neuveröffentlichungen unter. Und dann gibt es das 'Linea Aspera' Release, bei dem ich mich knapp vierzehn Jahre später fragen muss, wie mir dieses frostige Meisterwerk derart gründlich durch die Finger rutschen konnte. Die ehrliche Antwort lautet: Ich war 2012 verheiratet! Und zwar mit meiner ersten Frau! Das allein wäre als Erklärung natürlich etwas dünn. Erschwerend kam jedoch hinzu, dass ihre musikalische Komfortzone ungefähr dort begann, wo am Ballermann jemand einen Eimer Sangria auf den Boden stellte und „Hände hoch!“ brüllte – und sie wenig Interesse daran zeigte, dieses sichere Gebiet jemals zu verlassen. Das ist nicht böse gemeint. Für sie war Musik vor allem dann gelungen, wenn man spätestens nach dem zweiten Refrain wusste, wann geklatscht, getrunken oder ein Kleidungsstück über dem Kopf geschwenkt werden musste. Minimal Wave, Cold Wave und Darkwave lagen außerhalb dieses Konzepts. Vermutlich hätte sie 'Linea Aspera' für eine seltene Hautkrankheit gehalten und vorsorglich den Hausarzt verständigt.

Liebe macht dann ja auch bekanntlich blind. Bei mir machte sie offenbar zusätzlich taub. Ich ließ mich allmählich aus der schwarzen Szene herausziehen und musikalisch in eine Gegend verschleppen, in der Synthesizer nur dann geduldet wurden, wenn anschließend jemand „Olé!“ rief. Dabei möchte ich fair bleiben: Niemand zwang mich. Ich ging freiwillig ins musikalische Zeugenschutzprogramm, legte Teile meiner Plattensammlung innerlich zu den Akten und lebte eine Weile unter falscher Identität. Andere Männer verlieren in einer Ehe ihre Freunde, ihre Haare oder den Zugang zum gemeinsamen Konto. Ich verlor vorübergehend den Anschluss an die musikalische Unterwelt. Während ich also meine musikalische Selbstaufgabe verwaltete, gründeten 'Alison Lewis' und 'Ryan Ambridge' im November 2011 in London das Duo 'Linea Aspera'. Nicht einmal ein Jahr später, am 25. September 2012, erschien über 'No Emb Blanc' das selbstbetitelte Debüt. Ganz unbemerkt blieb es damals keineswegs. Schon zeitgenössische Rezensionen erkannten, dass hier etwas Besonderes entstanden war. Durchgerutscht ist 'Linea Aspera LP' also weniger der Welt als vielmehr mir. Die Ehe hinterließ neben Erinnerungen und vermutlich einigen verschollenen Haushaltsgegenständen damit auch eine knapp vierzehn Jahre große Lücke in meiner Plattensammlung. Naja, man muss halt dankbar sein für die kleinen Dinge im Leben.

Für Komposition, Programmierung, Aufnahme und Mischung war 'Ryan Ambridge' verantwortlich, während 'Alison Lewis' – später vor allem unter dem Namen 'Zanias' bekannt – Stimme und Texte beisteuerte. Zum Einsatz kam eine überschaubare Auswahl analoger Synthesizer und Drumcomputer. Ein Gerätepark mit eigener Postleitzahl war nicht nötig. Im Gegensatz zu meiner damaligen Ehe benötigte dieses Album nur wenige Mittel, um dauerhaft zu funktionieren. Musikalisch bewegt sich 'Linea Aspera LP' zwischen Minimal Wave, Cold Wave, früher EBM, Synthpop sowie dezenten Industrial- und Noise-Einflüssen. Das klingt zunächst wie eine sorgfältig beschriftete Schubladenwand für Menschen, die ihre schwarzen Hemden nach dem jeweiligen Grad der Hoffnungslosigkeit sortieren. Tatsächlich besitzt das Album jedoch eine ausgesprochen geschlossene und eigenständige Atmosphäre. Es erinnert an die Achtziger, ohne sich als historische Themenparty zu verkleiden. Die Musik klingt vertraut, aber nicht altmodisch, reduziert, aber nicht leer und kühl, ohne emotional abgestorben zu sein. Die Arrangements beschränken sich konsequent auf das Wesentliche. Stoische elektronische Rhythmen, dunkle Basssequenzen, flirrende Synthesizerflächen und kurze melodische Motive greifen mit beinahe chirurgischer Präzision ineinander. Nichts steht zufällig herum, nichts wurde bloß zur Dekoration in den Klangraum geschoben. 'Ryan Ambridge' konstruiert die Musik mit der Gründlichkeit eines Menschen, der vermutlich auch seine Küchenschubladen nach Wellenformen sortiert.

Trotzdem klingt das Ergebnis keineswegs steril. Unter der glatten Oberfläche pocht und arbeitet es. Die Maschinen wirken nicht wie kaltes Mobiliar, sondern wie ein künstliches Kreislaufsystem. Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Albums: Es ist minimalistisch und dennoch erstaunlich körperlich. Die Beats sind streng und sparsam, entwickeln aber einen enormen Sog. Die Basslinien bewegen sich mit jener finsteren Selbstverständlichkeit vorwärts, die keinen großen Knall benötigt, um eine Tanzfläche in Besitz zu nehmen. 'Linea Aspera LP' bittet nicht um Aufmerksamkeit. Es stellt sich in eine dunkle Ecke, wartet geduldig und übernimmt von dort aus langsam das Nervensystem. Das entscheidende Element ist jedoch die Stimme von 'Alison Lewis'. Sie klingt klar, kontrolliert und distanziert, trägt unter dieser scheinbaren Ruhe aber eine gewaltige emotionale Spannung. Das ist kein Gesang, der sich dramatisch auf den Boden wirft, den Kronleuchter herunterreißt und nach dem Notarzt verlangt. Häufig genügen eine gedehnte Silbe, ein kaum wahrnehmbares Zittern oder eine besonders nüchterne Betonung, um tiefe Unruhe auszulösen. Andere benötigen dafür drei Oktaven, einen Kirchenchor und einen brennenden Flügel.

Ihre Stimme schwebt nicht einfach über der Elektronik, sondern scheint in den Maschinen eingeschlossen zu sein. Gefühle werden dabei nicht romantisch ausgebreitet, sondern untersucht, vermessen und seziert. Liebe, Begehren, Abhängigkeit, Verlust und Gewalt erscheinen als körperliche Vorgänge – als elektrische Reaktion, Krankheit, Infektion, Verletzung oder schleichender Zerfall. In die Texte fließen Osteologie, Neurowissenschaften und Anthropologie ein. 'Alison Lewis' verwendet die Sprache der Medizin und Anatomie, um sehr menschliche Abgründe zu beschreiben. Das Album klingt dadurch stellenweise wie der pathologische Befund einer gescheiterten Beziehung: emotional verheerend, anatomisch erstaunlich präzise und leider ohne Aussicht auf Krankschreibung. Gerade hier holte mich 'Linea Aspera LP' bei der verspäteten Begegnung persönlich ab. Während 'Alison Lewis' 2012 Beziehungen mit wissenschaftlicher Genauigkeit zerlegte, führte ich offenbar zeitgleich die dazugehörige Langzeitstudie am lebenden Objekt durch. Wir arbeiteten also am selben Thema, nur mit unterschiedlichen Methoden. Sie hatte analoge Synthesizer, medizinische Metaphern und ein großartiges Album. Ich hatte einen Ehering, schlechte Partyhits und später einiges zu verarbeiten. Künstlerisch betrachtet ging dieser Vergleich ziemlich eindeutig an sie. Trotz der wissenschaftlichen Bildsprache wirkt das Album nie akademisch oder künstlich verkopft. Hinter all den Nervenbahnen, Knochen, Parasiten und körperlichen Schäden steckt eine sehr einfache Erkenntnis: Menschen wollen einander nahe sein und richten dabei gelegentlich Verwüstungen an, für die keine Krankenkasse aufkommt. Dadurch bleibt die Musik emotional verständlich, selbst wenn man bei „Osteologie“ zunächst an eine besonders traurige italienische Vorspeise denkt.

Bemerkenswert ist außerdem, wie wenig 'Linea Aspera LP' seit 2012 gealtert ist. Vieles von dem, was in den folgenden Jahren im modernen Darkwave populär wurde – reduzierte Produktionen, körperliche Beats, distanzierte Intimität und die Verbindung aus Clubtauglichkeit und emotionaler Unterkühlung –, findet sich hier bereits in außerordentlich konzentrierter Form. Das Album war nicht allein für diese Entwicklung verantwortlich, wirkt rückblickend aber wie ein wichtiger Bezugspunkt. Seine Bedeutung lässt sich heute wahrscheinlich deutlicher erkennen als zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung. Acht Stücke, gerade einmal gut 32 Minuten, keine unnötigen Umwege: Das Album kommt herein, legt das Nervensystem fachgerecht frei und verschwindet wieder. Es gibt kein überflüssiges Zwischenspiel und keine zwölfminütige Ambientpassage, während im Hintergrund jemand einen Kühlschrank abtaut. Diese Konzentration tut der Musik ausgesprochen gut. Ihre klangliche Konsequenz ist allerdings Stärke und Begrenzung zugleich. Wer nicht schon nach wenigen Minuten von den stoischen Rhythmen, frostigen Flächen und der kontrollierten Stimme erfasst wird, dürfte auch im weiteren Verlauf kaum noch bekehrt werden. Große stilistische Sprünge, üppige Arrangements oder rhythmische Überraschungen sucht man vergeblich. Für mich kippt diese Geschlossenheit nie in Monotonie. Dafür sind die Melodien zu prägnant, die Texte zu eigenständig und die Atmosphäre zu dicht. Aber 'Linea Aspera LP' öffnet seine Tür nur einen Spalt. Wer dort nicht freiwillig hindurchgeht, wird nicht mit einer Blaskapelle abgeholt.

Bereits Anfang 2013 trennten sich 'Linea Aspera' wieder. Erst 2019 kam das Duo überraschend zurück, 2020 folgte mit 'Linea Aspera LP II' ein Nachfolger. Dass das Debüt die lange Abwesenheit nahezu unbeschadet überstand, spricht für seine Qualität. Manche Alben benötigen Jubiläumsboxen, sieben farbige Vinylvarianten und eine limitierte Kaffeetasse, um im Gedächtnis zu bleiben. 'Linea Aspera LP' benötigte im Grunde nur seine Musik. Im Rückblick ist dieses Debüt für mich eines der stärksten elektronischen Darkwave-Alben der frühen 2010er-Jahre. Es ist kompakt, melodisch, tanzbar und emotional sehr viel tiefer, als seine spröde Oberfläche zunächst vermuten lässt. Vor allem besitzt es eine unverwechselbare Persönlichkeit. Schon nach wenigen Augenblicken erkennt man diese Verbindung aus präziser Elektronik, körperlicher Spannung, anatomischen Bildern und der eindringlichen Stimme von 'Alison Lewis'. Es ist Musik für eine Tanzfläche, die verdächtig nach einem schlecht beleuchteten Seziersaal aussieht.

Wer 'Lebanon Hanover', 'Xeno & Oaklander', 'Boy Harsher', 'Hante.' oder reduzierten elektronischen Darkwave schätzt, sollte 'Linea Aspera' bestimmt längst kennen. Und ich? Ich muss akzeptieren, dass mir dieses Album 2012 nicht deshalb entging, weil es zu unbekannt oder seiner Zeit zu weit voraus war. Ich war schlicht musikalisch verhindert. Das Leben hatte mich vorübergehend aus dem schwarzen Club entfernt und neben einen Sangria-Eimer gestellt. Knapp vierzehn Jahre später ist die Ehe längst geschieden, der Ballermann wieder in sicherer Entfernung und 'Linea Aspera LP' endlich dort angekommen, wo es hingehört: in meiner Plattensammlung und in diesem Rückblick. Falls jemand fragt, warum das so lange gedauert hat, behaupte ich einfach, es sei Teil eines sorgfältig geplanten redaktionellen Langzeitkonzepts gewesen. Ein großartiges Album bleibt schließlich ein großartiges Album – auch wenn man erst eine Ehe überleben muss, um endlich darüber zu schreiben.

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