Wer nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte die eigenen Klassiker noch einmal anfasst, braucht gute Ideen. Sonst steht am Ende bloß dieselbe Ritterrüstung im Wohnzimmer, diesmal mit Filzgleitern unter den Füßen. ‘In Extremo’ haben für ‘Tranquilo II’ glücklicherweise deutlich mehr vor. Die Berliner, die historische Instrumente und harte Gitarren seit den Neunzigern zusammenbringen, gönnen ihrem Repertoire einen ausgesprochen unterhaltsamen Tapetenwechsel. Dabei zeigt sich, wie viel Bewegungsfreiheit in Songs steckt, die man längst auf eine bestimmte Gangart festgelegt hatte.

Ausgangspunkt war die Idee, das Akustikprogramm ‘Tranquilo’ von 2009/2010 wieder auf die Bühne zu bringen. Aus der Beschäftigung mit dem inzwischen beträchtlich gewachsenen Repertoire entstand schließlich ein ganzes Album mit 17 Stücken. Aufgenommen wurde in einem kleinen Studio im österreichischen Dornbirn, mit unmittelbarer Liveatmosphäre und Raum für gemeinsames Spielen und spontane Ideen. Diese Arbeitsweise passt hervorragend zum Ergebnis: Die Musik lebt vom Austausch, von unterschiedlichen Klangfarben und der hörbaren Freude daran, vertraute Abläufe aufzubrechen.

Swing, Ska, Reggae und Rockabilly bringen Bewegung in den bekannten Bandsound. Federnde Rhythmen lösen den schweren Rockschritt ab, jazzige Wendungen lockern die Strukturen, und osteuropäische Einflüsse verleihen den Melodien zusätzliche Farben. Dabei bedeutet akustisch keineswegs automatisch besinnlich. Die Musik kann auch ohne elektrische Breitseite frech, ausgelassen und temperamentvoll auftreten. Der Dudelsack hat schließlich keinen Antrag auf Vorruhestand gestellt.

Besonders gut gefällt mir, dass diese stilistischen Ausflüge den Zusammenhang des Albums erhalten. Die vertrauten Melodien geben Orientierung, während sich Begleitung und Rhythmik neue Freiheiten nehmen. In den ruhigeren Passagen entsteht dadurch mehr Nähe: Einzelne Instrumente lassen sich deutlicher verfolgen, Streicher können Stimmungen behutsam vertiefen oder selbst die Führung übernehmen. Der Klang wirkt offen und organisch. Man bekommt mehr vom Zusammenspiel mit, von den kleinen Akzenten ebenso wie vom gemeinsamen Schwung.

Wesentlichen Anteil daran haben ‘Oliver „Satyr“ Pade’ und ‘Niel Mitra’ von ‘Faun’ sowie Geiger ‘Justin Ciuche’, die auch die anschließende Akustiktour begleiten. Über dieser erweiterten Besetzung bleibt die markante Stimme von ‘Michael Rhein’ ein verlässlicher Anker. Sie hält die Verbindung zum gewohnten Bandcharakter und bekommt in der luftigeren Umgebung zusätzlichen Raum.

Die Gesangsgäste setzen dazu reizvolle Kontraste. ‘Laura Fellas’ sanftere Stimme, ‘Doro Peschs’ kraftvoller Ausdruck und das raue Temperament von ‘Monchi’ verändern die Wirkung der Stücke spürbar. ‘Max Bobzin’ von ‘Feine Sahne Fischfilet’ ergänzt das Geschehen an der Trompete. Gerade diese Begegnungen machen neugierig: Wie reagiert ein vertrauter Song auf eine andere Stimme, einen ungewohnten Akzent? Hier entstehen spannende neue Perspektiven, die dem bekannten Material ausgesprochen gut stehen.

Dass das Konzept auch frische Kompositionen trägt, zeigt mein erster Anspieltipp ‘Heute Wird Der Himmel Brennen’. Die nachdenkliche Stimmung und der große, zugängliche Refrain ergänzen sich wirkungsvoll. Das Stück hat emotionales Gewicht, lässt aber zugleich genügend Platz für jenes gemeinschaftliche Mitsingen, das zur Band gehört. Der Titel bestellt schon einmal die Feuerwehr, die Musik beschäftigt sich erfreulicherweise auch mit dem Gefühl dahinter.

Mein zweiter Anspieltipp ist ‘Quid Pro Quo’, das hier als Reggae-Fassung mit kräftigem Bläsereinsatz auftaucht. Auf dem Papier könnte man bei dieser Idee kurz die Augenbraue heben. Für mich ist gerade dieser unverhoffte Richtungswechsel ein Volltreffer. Der entspannte rhythmische Schwung gibt dem vertrauten Stück eine andere Haltung und macht ausgerechnet den Überraschungsmoment zum Vergnügen. Dass andere mit dieser Fassung fremdeln, kann ich kaum nachvollziehen. Da nimmt die Band schon einmal die spannende Abzweigung, und vom Beifahrersitz wird nach der gewohnten Strecke verlangt.

Natürlich wird stellenweise Gitarrendruck vermissen, wer vor allem die Wucht der elektrischen Fassungen liebt. Für mich überwiegt jedoch deutlich, was die Songs an Beweglichkeit, Atmosphäre und neuen Details gewinnen. Die Bearbeitungen laden dazu ein, genauer hinzuhören, ohne darüber den unmittelbaren Spaß an der Musik zu verlieren.

Das am 23. Oktober 2026 erschienene ‘Tranquilo II’ ist auf CD und Vinyl erhältlich; der Deluxe-CD und dem limitierten Vinyl-Bundle liegt zusätzlich die dreiteilige EP ‘Sternhagelvoller’ bei. Vor allem aber bietet das Album gute Gründe, ‘In Extremo’ neu zu entdecken. Fans können alte Begleiter aus einer anderen Perspektive erleben, neugierige Einsteiger finden einen vielseitigen Zugang zur Band. Mich überzeugt diese Mischung aus musikalischem Können, Neugier und guter Laune ausgesprochen. Die Ritterrüstung bleibt heute im Schrank – man möchte schließlich tanzen können.