Die Welt ist groß, der Mensch ist klein, das Leben gleicht einem Irrgarten, einem Spiegelkabinett, einer außer Rand und Band geratenen Großstadt ohne Straßennamen und Schilder, und weil der Mensch ganz wirr wird, wenn er den Weg nicht weiß, rennt er oft zu jenen, die ihm die Richtung zeigen, Antworten geben und eine Aufgabe, zu den Rattenfängern und Lügenbaronen, zu Hirten und Herrschern – und zack steckt er im Sumpf der Sinnstiftung, in der Beruhigungshölle, im Dünnschiss der demagogischen Denkungsart oder einfach nur: in der Sackgasse der Selbstaufgabe.

Das war jetzt tatsächlich die Einleitung für den Infotext zum neuen, dritten Album der Hamburger Musikgruppe Herrenmagazin. Schuld daran ist das neue, dritte Album der Hamburger Musikgruppe Herrenmagazin, das den schönen Titel trägt 'Das Ergebnis wäre Stille'. Das Ergebnis wovon? Und warum Stille? Das sind so Fragen, auf die es auch hier keine Antworten geben wird und schon gar nicht auf besagtem Album. Zumindest sind die Antworten nicht offensichtlich.

Hier darf der Mensch noch selber denken. Er kann, wenn er will, zehn drängende, hochmelodische und euphorisierende Gitarrenpop-Songs hören und dabei im Takt die Faust in die Luft rammen, durchs Zimmer springen oder (zuweilen hilft auch das) den Kopf auf die Tischplatte knallen. Und er kann, so er der Sprache Erich Mühsams und Peter Heins mächtig ist, den Texten lauschen, welche auf erhebend kluge, unaufdringliche und poetische Art und Weise den Zustand unserer Welt verhandeln. Unserer Zeit. Und unseres Lebens. Die um Haltung ringen, um einen Ansatz zum Verstehen, Wachbleiben und Weitermachen. Herrenmagazin wurden in den vier Jahren seit ihrem Debüt 'Atzelgift' immer ein bisschen verkannt. Als am Punk, DIY und Indie geschulte Sauf- und Raufrabauken nämlich, die auf ihren Konzerten mit ihrer ungestümen Energie schon mal den ein oder anderen Kellerclub in Brand setzten und mit ihren Songs einer rasant wachsenden Anhängerschar das Gefühl vermittelten, dass da draußen jemand versteht, was sie bewegt. Das war soweit alles richtig, aber auf die handwerkliche Qualität ihrer Musik und der Texte wurde bisher nur am Rande eingegangen, was sich mit 'Das Ergebnis wäre Stille' ändern dürfte. Zuerst die Musik: Alles ist reduzierter, konzentrierter, die Instrumente haben mehr Platz, es wird nicht mehr geschrammelt, und die Energie kommt öfter aus der Ruhe, nicht aus dem Lärm. Das wirkt souverän, international und geht saugut rein. Produziert hat das Album Torsten Otto (Kante, Tomte, Sport), dem die Band im Booklet gleich drei Mal dankt. Gemischt hat Pelle Gunnerfeldt (The Hives, Refused, Disco Ensemble). Und das Namedropping in den Klammern ist gar keins, das ist jetzt musikalische Nachbarschaft für Deniz Jaspersen (Gitarre, Gesang), Rasmus Engler (Drums), Paul Konopacka (Bass) und König Wilhelmsburg (Gitarre). Selber Schuld! Jetzt die Texte. Sechseinhalb stammen von Deniz, dreieinhalb von Rasmus. Es geht, grob gesagt, um das unangenehme Grundgefühl beim Leben in einer Welt, die Anpassung fordert, immer weniger Handlungsspielraum zulässt und in der man irgendwie zurechtkommen muss. Es geht um Ohnmacht, Sterben, Lügen, Vergeblichkeit und die Lächerlichkeit des Daseins, aus der einen oft nur das Lachen rettet. Natürlich wird das so nicht gesagt oder gesungen. Gesagt oder gesungen geht das so: „Der Ausweg, den Du wählst ist, voll Geröll / Doch das siehst Du nicht / Die Träume, die Du sammelst, sind nur Müll / Doch das merkst Du nicht“. Oder so: „Ich will das nicht ansehen / Aber so sieht's aus“. Die erste Single heißt 'Frösche', handelt (zwischen den Zeilen) von der Wirtschaftskrise, und die Erkenntnis lautet: „Von einem Berg wär' das überschaubar / Doch es ist kein Berg zu sehen / Es rettet uns kein Zauber / Und das gilt es zu verstehen“. Ja ja, das hört der Mensch nicht gern, aber es bringt ihn wenigstens weiter, und zudem wird er hier nicht verarscht. Die Musik hebt ihn wieder auf. In den zehn neuen Liedern von Herrenmagazin ist Angriffslust und Lebenswut, das geht nach vorn, das will was, das will sich vor allem nicht verdummen lassen, denn was würde wohl passieren, wenn man aufgäbe? Das Ergebnis wäre Stille.

Quelle: Community Promotion