Über Jahre, eher Jahrzehnte, lebte Henric de la Cour mit dem Wissen, dass seine Zeit endlicher ist als die gesunder Mitmenschen – er hat Mukoviszidose, eine stetige Verschleimung der Atemwege und Lunge und in den meisten Fällen deutlich lebensverkürzend. Und dennoch, oder gerade deswegen machte er über Jahre und immer erfolgreicher Musik und verarbeitete in den melancholisch-düsteren Popsongs und intensiven Texten all das, was ihn eich im Kontext der Krankheit umtrieb. Zunächst mit der Band Yvonne, dann Strip Music und schließlich solo wurde und ist Henric eine feste Größe in der schwedischen Musikszene und glücklicherweise auch immer mehr in anderen Ländern.

‚Gimme Daggers‘ ist nun sein drittes Soloalbum und ein ganz besonders wichtiges und intimes Werk: Mit der Entwicklung eines neuen Präparates veränderte sich die Perspektive des Schweden. Genau für seine Form der Mukoviszidose kam ein Medikament auf den Markt, dass zwar keine Heilung, aber immerhin eine Eindämmung aller Symptome und damit eine deutliche Erhöhung der Lebenserwartung bewirkt. Schampus? Party? Kopfloser Taumel über Blümchenwiesen? Henric bleibt sich treuer denn je, die Nachricht für ihn ein gravierender Einschnitt: Lebte er sein Leben bisher als Sonderling, dem immer bewusst war, dass er in absehbarer Zeit nicht mehr Teil der Gesellschaft sein werde, so ist er nun „einer von euch“, wie er in der im letzten Jahr veröffentlichten und absolut empfehlenswerten, selbstbetitelten Doku zum Filmenden sagt. Bereits im Booklet sieht man ihn auf einer Bank neben einer älteren Dame sitzen, ja, dieses Alter kann er nun auch erreichen – wie also klingt die Musik eines Mannes, der eine solche Botschaft verarbeitet? Nach einem zugegeben nur soliden Einstieg mit dem “Slow death Intro“ und dem Opener „Kowalski was here“, die den Hörer zwar deutlich in den Kosmos des Musikers zurückholen aber nicht wirklich begeistern ist „Two against on“ der Start in eine auch musikalisch deutlich introvertiertere Welt, als man es bisher von den Alben gewohnt ist. Das Riffing lässt Schmunzeln – da mag jemand die Sisters of Mercy deutlich, denn das ist „Vision Thing“ pur. Doch Henric macht seinen eigenen Song daraus, eine ruhig dahintreibende Nummer mit sehnsüchtigem Refrain. Es folgen drei saustarke Nummern: „Body politics“ und „Mister D“ sind großartig, „Driver“ ist vielleicht einer der stärksten Songs, die der Mann bisher veröffentlicht hat. Besonders gut gefällt mir, dass gerade bei dieser intensiven Nummer deutlich wird, dass ‚Gimme Daggers‘ eher ruhige Töne anschlägt: Beginnt der Song mit fast schon tanzbarer Rhythmik, so setzt diese genau im Refrain aus, nimmt dem Song die Geschwindigkeit und verzaubert so ganz im Stillen. „Teeth, please“ bietet ein gelungenes gesangliches Wechselspiel mit Camilla Karlsson, „Arkham Supermarket“ ist die wahrscheinlich tanzbarste Nummer des Albums und „Fury“ ein sanft-hypnotischer Ausstieg aus dem Album, der in meinen Ohren an „Sound the alarm“ anschließt, jedoch nicht ganz die Genialität des Abschlusssongs von ‚Mandrills‘ erreicht.

Gimme Daggers‘ ist ein kleines, ein leises Album und wie seine beiden Vorgänger pures Gold für Freunde de la Cours oder einfach guter elektronischer Musik. Mit jedem Durchlauf wächst es in meinen Ohren und ich hoffe, dass sich viele Leute genau diese Zeit nehmen.