25 Jahre und kein bisschen leise – eher im Gegenteil. Helloween gehören ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten deutschen Bands aller Zeiten. Und das nicht, weil sie einmal zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, sondern weil sie es geschafft haben, über Jahrzehnte hinweg relevant zu bleiben. Weltweite Erfolge, ausverkaufte Tourneen, stilprägende Alben und ein Einfluss, der weit über die eigene Szene hinausreicht: Die Hamburger haben alles gesehen, alles gehört und alles abgestaubt, was es im Metal-Zirkus abzustauben gibt. Keine Eintagsfliege, kein nostalgischer Gnadenhof, sondern eine Karriere mit erstaunlicher Halbwertszeit.
Doch ein solches Jubiläum will gefeiert werden – und genau hier scheitern viele Bands grandios. Eine lieblose Best-Of? Zu bequem. Ein einmaliger Jubiläumsgig? Nett, aber spätestens nach dem dritten Refrain vergessen. Helloween entschieden sich stattdessen für den riskantesten Weg: Sie nahmen ihre größten Klassiker, zogen ihnen ein komplett neues Jackett an und schickten sie auf ein Parkett, auf dem man als Metal-Band eigentlich nichts verloren hat. Das Ergebnis hört auf den Namen ‘Unarmed’ und ist vieles – aber garantiert nicht egal.
Auf dieser Scheibe werden elf zentrale Songs der Bandgeschichte radikal neu interpretiert. Keine akustischen Alibi-Versionen, kein halbherziges Streicheln der eigenen Vergangenheit. Hier wird umgebaut, umdekoriert und mitunter auch mutwillig provoziert. Der Einstieg ist dabei ein bewusster Schlag ins Gesicht konservativer Hörgewohnheiten: ‘Dr. Stein’ als Ska-Version. Ja, Ska. Spätestens nach den ersten Takten ist klar: Entweder man hasst das sofort – oder man hat verdammt viel Spaß dabei. Wer offen an die Sache herangeht, merkt schnell, dass hier keine Respektlosigkeit am Werk ist, sondern enormes Selbstbewusstsein.
Denn ‘Unarmed’ legt gnadenlos offen, was viele Metal-Bands lieber nicht testen würden: Funktionieren unsere Songs auch ohne Verzerrung, ohne Doublebass, ohne Gitarrenwand? Bei Helloween lautet die Antwort eindeutig: ja. Aus ‘Eagle Fly Free’ wird eine überraschend sanfte Ballade, die ihre Hymnenhaftigkeit nicht verliert, sondern neu interpretiert. ‘If I Could Fly’ und ‘Future World’ mutieren zu eingängigen Pop-Songs, die zwar ihre metallische Härte ablegen, nicht aber ihre kompositorische Klasse. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Es gibt genügend Bands, deren Songs ohne Metal-Gewand nackt und hilflos wirken würden. Helloween gehören ganz offensichtlich nicht dazu.
Auch Freunde der emotionalen Seite der Band kommen voll auf ihre Kosten. ‘Where The Rain Grows’, ‘A Tale That Wasn’t Right’ und vor allem das ergreifende ‘Forever And One’ zeigen, warum Helloween nie nur Lieferanten für Geschwindigkeit und Lautstärke waren. Hier geht es um Pathos, Melodie und Gefühl – Metal fürs Herz, ohne kitschig oder peinlich zu wirken. Man spürt förmlich, dass diese Band ihre eigenen Songs kennt, versteht und ihnen vertraut.
Das wahre Herzstück der Scheibe wartet jedoch in der Mitte. Über 17 Minuten breitet sich ‘The Keeper’s Trilogy’ aus – ein monumentales Medley aus ‘Halloween’, ‘Keeper Of The Seven Keys’ und ‘The King For A 1000 Years’. Ein gewaltiges Orchester treibt die Band durch 25 Jahre Bandgeschichte und verleiht dem Ganzen eine fast schon filmische Wucht. Das ist großes Kino, ohne falsche Bescheidenheit. Hier wird nicht experimentiert, hier wird zelebriert. Wer dabei keine Gänsehaut bekommt, sollte ernsthaft überprüfen, ob das eigene Herz noch im Takt schlägt.
Natürlich wird es Fans geben, die mit diesen Neuinterpretationen ihre Schwierigkeiten haben. Das ist unvermeidlich. Auch ich musste beim ersten Hören mehr als einmal schlucken. Doch ‘Unarmed’ ist kein Album für den schnellen Effekt. Es braucht Zeit, Geduld und ein wenig Neugier. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt.
Am Ende liefern Helloween mit ‘Unarmed’ eine der ungewöhnlichsten, mutigsten und gleichzeitig besten Veröffentlichungen ihrer gesamten Diskografie ab. Kein Gimmick, kein Jubiläums-Lückenfüller, sondern ein echtes Statement. Diese Songs sind stärker als jedes Genre. Herzlichen Glückwunsch zu 25 Jahren – und zu einem Album, das eindrucksvoll beweist, dass Stillstand der wahre Feind des Metal ist.
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Helloween - Unarmed
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