Na also, wenn die eigenen Dämonen schon keine Ruhe geben, dann kann man ihnen wenigstens einen tanzbaren Soundtrack verpassen. 'Gothminister' haben darin schonmal reichlich Übung: Seit dem Debüt 'Gothic Electronic Anthems' von 2003 verbindet das norwegische Projekt um Sänger und Songschreiber 'Bjørn Alexander Brem' düstere Elektronik mit harten Gitarren und einer gehörigen Portion Horrortheater. Das neunte Studioalbum 'We Are All Demons', erschienen am 16. Oktober 2026, liefert elf weitere Stücke zwischen Gruselkabinett und Tanzfläche. Und zeigt dabei vor allem, wie gut die vertraute Mischung noch immer funktioniert.
Hinter der vertrauten Fassade hat sich bei der Entstehung allerdings etwas verändert. Erstmals hat 'Bjørn Alexander Brem' ein Album vollständig selbst aufgenommen, produziert, gemischt und gemastert. Auch inhaltlich geht es nach den beiden 'Pandemonium'-Alben weniger um eine durchgehende Fantasiegeschichte als um menschliche Abgründe: Angst, Wut, Verletzlichkeit und die Frage, wie wir mit den weniger vorzeigbaren Seiten unserer Persönlichkeit umgehen. Das gibt dem Dämonenthema einen greifbareren Hintergrund, als die übliche Friedhofsdekoration zunächst vermuten lässt.
Musikalisch gefällt mir hier vor allem wie gut Gothic Rock, Industrial und EDM ineinandergreifen. Die Gitarren liefern dabei kräftige, kompakte Riffs, während feine elektronische Beats und knackige Synthesizer die Songs antreiben. In den Industrial-Passagen stampft es heftiger und maschineller; anderswo übernehmen die Clubbeats. Die eingängigen Melodien halten die Mischung zusammen. So bleibt die Musik auch dann zugänglich, wenn die Gitarren ordentlich zupacken. Die großen Refrains tun ihr Übriges: Nungut, sie laden eher zum Mitsingen ein, als dass man lange über sie nachdenken müsste.
Unverkennbar bleibt die tiefe, markante Stimme von 'Bjørn Alexander Brem'. Sein theatralischer Gesang passt zu einer Musik, die ihre Gefühle lieber groß ausstellt, als sie diskret anzudeuten. Weibliche Stimmen bilden dazu einen helleren Gegenpol. Mir gefällt dieser Kontrast, weil er die düstere Atmosphäre auflockert, ohne sie gleich aufzulösen. Es darf bedrohlich klingen, ohne dass darüber der Spaß verloren geht. Die Dämonen müssen schließlich nicht den ganzen Abend schlecht gelaunt in der Ecke stehen. Besonders überzeugend gelingt das im Titelsong 'We Are All Demons'. Der ist für mich der erste Anspieltipp: hymnisch, mitreißend und mit einem Refrain, der die Stärken der Platte unmittelbar auf den Punkt bringt. Daneben bleibt vor allem 'Welcome To Hell' hängen. Das Stück schiebt mit ordentlich Druck nach vorn und zeigt, wie wirkungsvoll Gitarren und Elektronik hier zusammenarbeiten. Diese beiden Songs ragen für mich heraus, ohne dass der Rest deshalb nur Füllmaterial wäre.
Was mir dann allerdings dennoch fehlt, ist eine deutlichere musikalische Weiterentwicklung. Ungewöhnliche Ideen gibt es ja durchaus, etwa solche Art Latin-Anklänge in 'Salsa'. Diese Ausflüge ändern aber wenig daran, dass sich das ganze Album insgesamt auf vertrautem Boden bewegt. Die Songs überzeugen mich häufiger, als sie mich überraschen. Genau da liegt für mich jetzt die Grenze dieser Platte: Ich mag schon, was 'Gothminister' hier machen, entdecke dabei aber leider zu wenig wirklich Neues an ihnen.
Unterm Strich ist 'We Are All Demons' für mich ein tolles Album mit starken Höhepunkten und Luft nach oben. Wer Gothic Rock gern mit harten Gitarren, treibenden elektronischen Beats und einer ordentlichen Portion Pathos hört, ist hier gut aufgehoben. Die Mischung sitzt, die Songs machen Spaß. Für die nächste Platte wünsche ich mir allerdings neben den vertrauten Stärken auch etwas mehr musikalisches Neuland.
Gothminister - We Are All Demons
Dein Urteil