Hinter „Fracture“ verbirgt sich mit Perry Geyer ein alter Hase. Bereits 1984 gründete er gemeinsam mit Brian Bothwell „Manufacture“. Ursprünglich beschränkten sie sich auf das Schreiben von Soundtracks, begannen aber bald ihre Musik auch dem geneigten Livepublikum zu präsentieren. 1988 erschien folgerichtig das erste Album „Terrorvision“ bei der kanadischen Nettwerk Music Group, auf welcher Genregrößen wie Delerium oder Skinny Puppy eine Heimat gefunden hatten. Unterstützt von Sarah McLachlan nahmen sie für diese Veröffentlichung „As the End Draws Near“ auf, ein Song, der in Kanada in Folge Platinstatus erreichen sollte. Leider trennte sich die Formation 1991, nachdem sie ihr zweites Album „Voice of World Control“ veröffentlicht hatte. Seit dieser Zeit beschäftigte sich Perry mit der Produktion von Soundtracks für diverse Formate und arbeitete an verschiedensten Musikprojekten.

Mit „Paradox“ kam 2020, nach langer Zeit, nun wieder ein komplett eigenständiges Werk auf den Markt, welches unter dem Namen „Fracture“ digital vertrieben wird. Mir liegt nun die Version „Paradox Remixed“ zur Bemusterung vor, auf der insgesamt 6 Remixe von 4 der Albumsongs enthalten sind. Die verschiedenen Versionen wurden vom Umfeld des Künstlers gefertigt. Und bei seiner Vita habe ich richtig Bock drauf. Also schauen wir mal, was die EP kann.

"Shadow Sunlight ( Neon Skies Remix)" beginnt mit einer träumerischen Sequenz, die mich im positiven Sinne einlullt. Plötzlich fällt die Stimmung ab in eine verzerrte Geräuschkulisse, die von einer tiefen Stimme durchbrochen wird. Und dann findet alles zu einer seltsamen Einheit. Das Verzerrte verbindet sich mit dem Schönen und ergeht sich in verstörender Harmonie. Der Opener hat mich schon gecatcht. "Radical Spatial Changes (Malcontent Pitchslip Remix)" treibt mit einer schleppenden Dynamik und kunstvoll eingesetzten Synthezisern, die zwar alle ihr eigenes Ding machen, aber dann doch ein wundervolles Klangbild ergeben, den Song bis hin zu einer Auflösung im Minimalismus. Von diesem Punkt an bäumt sich der Song in einem komplett neuen Arrangement auf. Hier gibt es viel zu entdecken und viel Raum zum mentalen Umherwandern. "Lies (Rampage Remix)" beginnt dann eher klassisch mit einem straighten Beat, der den Song umschließt. Der dominierende Basslauf wird nur begleitet von einem Haufen Noise, welches tröpfchenweise in die Struktur eingeflochten wird. Die, teilweise verfremdeten, und als Signalgeber eingewobenen Voices bilden den Kontext, im welchem der Titel losstapft. Das Ganze wird, trotz einer unvermeidlichen Stetigkeit, niemals langweilig. Bis jetzt ist kein Ausfall auf der Veröffentlichung, ich bin echt angetan. "Daisy ( Sinaloa Cartel Remix)" beginnt mit einem einzelnen Sprachsample. Dann setzen gleichmäßig die Drums ein, deren Beat den Rahmen für unterschiedlichst eingesetzte E-Gitarren bildet. Das an sich zu entdecken ist schon spannend. Unmerklich wabbern vom Hintergrund Synths nach vorn, um im Mittelteil den Titel einfach zu übernehmen. Alles fliegt in eine herrliche Soundlandschaft, die sich auf eine Basslinie stützt. Woher die kam, keine Ahnung, irgendwie war sie ganz harmonisch einfach da. Ein wirklich wundervoller Song und, ich verrate es jetzt schon, mein Favorit. 😊

Nun folgt erneut  "Radical Spatial Changes", diesmal im Doomsday Remix. Hier dominieren nun Bassläufe, die verzerrt das Geschehen beherrschen. Was anfangs etwas langweilig und einfallslos klingt, das erweist sich als hinterhältige Täuschung. Ich musste mehrfach lauschen, aber der Bass ändert pausenlos seinen Aufbau, um das Grundthema immer neu zu interpretieren. Das ist clever und verdammt gut gelungen. Der Abschluß findet sich in "Lies (Attack on Democracy Remix)". Hier gibt es nichts, aber auch gar nichts, was nicht durch diverse Filter und Effektgeräte geschleust wurde. Noisy vom Feinsten. Dabei erweist sich kein einziger Sound als nervend oder störend. Alles ist ein herrlich distortetes Gesamtkunstwerk. Und so peitscht sich die EP zu ihrem Schlusspunkt.

Was soll ich sagen, es war einfach grandios. Man merkt an jeder Stelle, hier sind Künstler am Werk gewesen, die mit Herzblut bei der Sache sind. Da ist nichts unüberlegt, oder nach dem Motto "Ich muss jetzt mal eben einen Remix machen..." passiert. Jeder einzelne Remixer schaffte es, dem von ihm bearbeiteten Titel seinen Stempel aufzudrücken. Die, von Perry Geyer veröffentlichten Originalversionen der Songs sind eindeutig Klangstrukturen, die im Noise-Bereich zu verorten sind. Die Remixe dekonstruieren die Originale auf eine erfrischende Art und Weise, erschaffen so völlig neue Klangbilder und machen sie somit einem wesentlich erweiterten Konsumentenkreis zugänglich. 

Ich kann also wieder ohne Bedenken empfehlen hier eine knappe halbe Stunde Lebenszeit zu investieren, um sich an dieser Veröffentlichung im wahrsten Sinne zu erfreuen. Ich bin mir sicher, bei diesem einen Hördurchlauf wird es nicht bleiben.

Anspieltipp: Daisy (SinaloaCartel remixed by Tyler Newman) und eigentlich auch alle anderen Titel