Acht Tracks. Acht Minuten pro Stück. Achtmal die gleiche Frage: Wie viel Komplexität hält ein Mensch eigentlich aus? 'FÏX8:SËD8' alias 'Martin Sane' beantwortet diese Frage auf 'Octagram' nicht mit einem Augenzwinkern, sondern mit voller Absicht. Das hier ist kein Zufallsprodukt, sondern ein durchkonstruiertes Konzeptalbum, das seine Idee konsequent durchzieht – und dabei irgendwo zwischen mathematischer Präzision und emotionalem Ausnahmezustand pendelt. Veröffentlicht wurde das Ganze übrigens bereits am 03. Oktober 2025 über 'Dependent Records' – also genau an dem Tag, an dem andere Menschen vielleicht feiern, grillen oder sich über den freien Tag freuen (Tag der Deutschen Einheit). 'Martin Sane' hingegen dachte sich offenbar: „Perfekt, dann konfrontiere ich euch mal mit einem Album, das garantiert nicht nebenbei läuft.“ Ein Feiertag für die Nation – und ein kleiner Härtetest für die Hörgewohnheiten. Wer 'Martin Sane' kennt, weiß, dass genau das kein Zufall ist. Hinter 'FÏX8:SËD8' steckt bekannterweise kein reiner Soundbastler, sondern ein Musiker mit Background jenseits der reinen Elektronik. Seine frühen Erfahrungen mit akustischen Instrumenten hört man bis heute – nicht im Klang selbst, sondern im Denken dahinter. Hier wird aufgebaut, geschichtet, entwickelt. Und genau deshalb wirkt 'Octagram' weniger wie eine Sammlung von Songs, sondern eher wie ein in sich geschlossenes System.
Ich mache es gleich ehrlich: 'Octagram' hat mich beim ersten Durchlauf eher überfordert als begeistert. Nicht im Sinne von „zu viel Krach“, sondern eher im Sinne von „Moment… was passiert hier eigentlich gerade?“. Das ist kein nämlich Album, das sich anbiedert. Es erklärt sich nicht. Es zieht dich rein – oder lässt dich eben stehen. Aber/Und genau das ist seine größte Stärke. Was 'FÏX8:SËD8' hier abliefert, ist Dark Electro, der sich weigert, bequem zu sein. Statt einfacher Strukturen bekommt man verschachtelte Klangarchitektur, die sich eher wie ein lebendiger Organismus verhält als wie klassische Songarrangements. Sounds greifen ineinander, schieben sich gegenseitig an, lösen sich wieder auf. Es ist ein ständiges Werden und Vergehen – fast schon hypnotisch, wenn man sich darauf einlässt. Dabei ist besonders spannend, wie 'Martin Sane' mit Erwartungshaltungen spielt. Immer wieder glaubt man, jetzt kommt der „Moment“ – der große Drop, die klare Linie, der Halt. Und dann… kommt etwas anderes. Eine Verschiebung, ein Bruch, ein neues Detail. Das kann im ersten Moment irritieren, sorgt aber langfristig dafür, dass das Album nicht berechenbar wird. Und genau das ist heutzutage fast schon eine Seltenheit.
Die Nähe zu 'Skinny Puppy' oder 'Velvet Acid Christ' ist empfinde ich dabei hörbar, gerade in der Arbeit mit Samples und Vocals. Diese fragmentierten Stimmen, diese unterschwellige Unruhe – das sitzt. Aber gleichzeitig bleibt 'FÏX8:SËD8' eigenständig genug, um nicht in Nostalgie abzurutschen. Das hier ist kein Retro-Trip, sondern eher eine Weiterentwicklung dessen, was Dark Electro einmal war – nur deutlich verkopfter und kompromissloser. Was mich aber persönlich besonders abgeholt hat, ist diese Mischung aus Kontrolle und Chaos. Auf der einen Seite wirkt alles irgendwie extrem durchdacht, fast schon konstruiert bis ins letzte Detail. Auf der anderen Seite hat die Musik dann aber auch etwas Unruhiges, Nervöses, leicht Unberechenbares. Als würde jederzeit etwas kippen können. Dieses Spannungsfeld hält das Album permanent auf einem Level, das ich so im Genre lange nicht mehr gehört habe.
Aber – und das gehört zur Ehrlichkeit dazu – es gibt auch Momente, in denen mir das Ganze fast ein bisschen zu sehr in die Länge gezogen wird. Acht Minuten pro Track sind ein Statement, keine Frage. Nicht jede Passage braucht diese Länge. Hier und da hätte ein etwas strafferer Schnitt dem Album vielleicht sogar gutgetan. Gleichzeitig: Genau diese Überlänge sorgt eben dann auch doch dafür, dass sich die Tracks überhaupt erst so entfalten können. Es ist also weniger ein Fehler – eher eine bewusste Entscheidung, die man mögen muss. Und irgendwann passiert dann etwas Interessantes: Man hört auf, das Album „verstehen“ zu wollen. Man lässt es einfach laufen. Vielleicht spät abends, vielleicht auch mal mit Kopfhörern, vielleicht auch in genau so einem Moment, in dem man eigentlich nur „kurz reinhören“ wollte. Spoiler: Das funktioniert hier nicht. 'Octagram' ist wie dieser eine Film, bei dem man nach fünf Minuten merkt, dass man jetzt besser sitzen bleibt. Oder anders gesagt: Dieses Album ist nichts für zwischendurch – es ist der Zwischenzustand. Und genau hier entfaltet es dann auch seine Wirkung.
Also, 'Octagram' ist ein Album für Szene-Menschen, die bereit sind, sich auf Musik einzulassen – wirklich einzulassen. Für Hörer, die keine Angst vor Komplexität haben und die Freude daran finden, wenn sich ein Album nicht sofort komplett erklärt. Eher nicht geeignet ist dieses Release für Ungeduldige. Für alle, die nach dem ersten Durchlauf schon wissen wollen, „wie es funktioniert“. Oder für Hörer, die Musik hauptsächlich nebenbei konsumieren. Dafür verlangt 'Octagram' meiner Meinung nach einfach schlicht zu viel Aufmerksamkeit. Für mich aber ist das hier eines der spannendsten Dark-Electro-Releases der letzten Jahre. Nein, kein leichtes Album, kein schnelles Album – aber eines, das bleibt. Eines, das wächst. Und eines, zu dem ich definitiv immer wieder zurückkehren werde. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: 'Octagram' ist kein Album, das dir entgegenkommt – du musst ihm schon ein Stück entgegengehen. Aber genau auf diesem Weg passiert das eigentlich Spannende.
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Fïx8:Sëd8 – Octagram
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