Serienkiller, Psychopathen, Frauenmörder. So abstoßend sie, ihre verquere Psyche und ihre meist blutigen Taten auch sind, so (wohlig-)grausig bleiben diese oft im kollektiven Gedächtnis haften. Und das bis zu Jahrhunderten. So auch die Prostituierten-Morde des als Jack the Ripper in die Kriminalhistorie eingegangen Hardcore-Psychos, der in den 80er Jahren des 19. Jahrhundertes mittels gewetztem Messer und abscheulicher Brutalität mindestens fünf als Prostituierte ihr täglich Brot verdienende Damen die Kehle durchgeschnitten hat. Tatort: das Nebel verhangene Whitechapel. Ein ziemlich verrufener Stadtteil im Moloch von London. Ein spannender Stoff also; und Inspiration für Schreiberlinge, Regisseure – und neuerdings auch Musiker. Die Schweizer FAQ, die sich 1994 zunächst unter dem Bandnamen Carpe Diem formierten, konnten dieser gleichsam abstoßenden wie anziehenden Crime-Story offensichtlich kreativ einfach nicht widerstehen. Stellten sie auf ihrem letzten Longplayer noch die provokante Frage „Is Pornography Art?“, kommt nach dem Hardcore-Sex jetzt also der Hardcore-Crime. Dem interessierten Hörer soll es recht sein, denn das hier recht rockende Electro-Trio geht bei diesem Konzept-Album wirklich sehr gründlich und fleißig zu Werke. Und das sowohl, was die Vertextlichung, das Arrangement und die Produktion sowie schließlich auch das Coverartwork angeht. Hier wurde tatsächlich sehr gründlich und hoch innovativ ans Konzept-Werk gegangen. Nachdem eine Frauen-Stimme zunächst in englischer Sprache ankündigt, dass FAQ keine neuen Erkenntnisse über den Ripper musikalisch zum Besten geben wollen, sondern „nur“ in die viktorianische Welt des Serien-Killers eintauchen möchten, fängt “Whitechapel” mit dem Opener “Absinthe and Laudenum” recht krachig und sehr intensiv an. Nach einiger Spielzeit dieses Tracks fühlt man sich fast an den Electo-Rock der norwegischen Zeromancer erinnert. Das anschließende „Birth of the 20th Century“ weist mit seinem tollen Refrain ein ebenso großes Potenzial auf. Auch hier – wie auf dem gesamten Album – ist der musikalische Unterbau elektronischer Art. Der Gitarreneinsatz ist jedoch deutlich heftiger ausgefallen als auf den letzten Alben des Schweizer Trios. Und das steht den teilweise einfach konzeptionell nach größerer Aggression verlangenden Kompositionen richtig gut zu Gesicht. Wurde FAQs vorangegangenes „Pornographie-Werk“ noch von keinem Geringeren als Cleverchen Stephan Groth - Mastermind der erst kürzlich „aufgelösten“ Apoptygma Berzerk - produziert, hat dieser offensichtlich auch in Sachen Inspiration eine mehr als deutliche Duftnote hinterlassen. Das ebenfalls hochklassige Stück „Grapes“ zeugt beispielsweise von dieser Tatsache. Ist dessen ausströmender Sound doch mit dem der letztgenannten Combo nahezu identisch. (Zusätzlich sollte man mal auf die sehr „grotheske“ Stimme des Sängers Philip Noirjean beim Stück „Bucks Bow“ achten…) Aber wenn man schon mit Stephan Groth befreundet ist und auch schon mal im Studio auf dessen Schoß gesessen hat, genießt Mann hinsichtlich krasser Sound-Parallelen natürlich die Absolution des allgegenwärtigen Indiemusik-Gottes… Weitere Reminiszenzen, die uns die im Booklet visuell als britische Gentleman des späten 19. Jahrhunderts offerierten Schweizer, bieten, sind solche an die wohl am häufigsten in der elektronischen Indie Pop-Welt zitierten Band – nämlich Depeche Mode. So könnte beispielsweise die genau nach 3:50 min einsetzende und recht sägende Gitarre auf „Ten Bells“ glatt aus Martin Gores Electro-Blues-Küche stammen. Typische Extrem-Laut-Leise-Songstrukturen à la früher Nine Inch Nails kommen auch auf den stark geforderten, aber nicht überstrapazierten Hörer zu. Die genannten Vergleiche allerdings sollen nicht das Fundament einer negativen Kritik bilden. Denn FAQ sind einerseits wahrlich keine plumpen Kopisten und andererseits sind Künstler ja eh die Summe ihrer Einflüsse. Und wenn diese Einflüsse so eigenständig verknüpft werden, wie es hier getan wird, dann passt es halt einfach. Als deutlicher Kritikpunkt muss aber leider die zum Ende des Albums deutlich abfallende Qualität der einzelnen Tracks herhalten. Da hätte doch Einiges zwingender in Szene gesetzt werden können. Manche Stücke rauschen einfach am Ohr vorbei, ohne zwischen den Hörlappen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Das ist eigentlich schade, denn „Whitechapel“ kommt ansonsten gut durchdacht und spannend umgesetzt rüber. Da wären eventuell noch mehr als vier Medienkonverter-Punkte drin gewesen. Trotzdem ist das Werk absolut ancheckenswert! Zu guter Letzt muss dann allerdings noch ein Schönheitsfehler des Serienkiller-Longplayers genannt werden. Und das betrifft seine Release-Politik. Kurz vor Beginn des Sommers erblickte FAQ s Werk nämlich das Licht der (Verkaufs-)Welt. Doch gerade beim agierenden Jack the Ripper stellen wir uns doch eher neblige, dunkle Gassen und kahle Bäume im grauen viktorianischen London vor. Und eben keine grünenden Bäume und Büsche die Ende Mai bereits auf die Sommerhitze warten. Als Release-Termin für dieses auditive Serienkiller-Werk wäre daher meiner Meinung nach eher der Herbst mit seinem passenderen Ambiente angebracht gewesen. Dann hätte es seine düstere, teilweise verstörende Kraft noch besser zur vollen Entfaltung bei der Abhörung bringen können. Na ja; wenn der Release logischerweise schon nicht mehr verschoben werden kann, dann erscheint dann gerade gelesene Rezension zum vorliegenden Frauenmörderalbum eben kurz vor dem Herbst.