Desiderii Marginis - Songs Over Ruins

Desiderii Marginis - Songs Over...

Wer sich in den 1990er-Jahren intensiver mit Dark Ambient beschäftigte, kam an Cold Meat Industry kaum vorbei. Das schwedische Label entwickelte sich zu einer der wichtigsten Adressen für dunkle Klangkunst und versammelte zahlreiche Projekte, die das Genre entscheidend mitprägten. Zwischen all den Drones, Ritualen und akustischen Schatten fand auch Johan Levin mit seinem Projekt Desiderii Marginis dort eine Heimat. Zu seinen Veröffentlichungen für das Label gehörte „Songs Over Ruins“, das 1997 erschienene Debütalbum. Pünktlich zum 20. Jubiläum wurde „Songs Over Ruins“ von Cyclic Law neu veröffentlicht. Bei solchen Wiederveröffentlichungen stellt sich allerdings immer dieselbe Frage: Handelt es sich um die verdiente Rückkehr eines übersehenen Klassikers – oder wird lediglich ein altes Album entstaubt, weil sich Jubiläumszahlen so schön auf Aufkleber drucken lassen? Im Fall von Desiderii Marginis ist die Antwort erfreulich eindeutig: Dieses Album rechtfertigt seinen erneuten Auftritt auch zwei Jahrzehnte später noch problemlos.

„Songs Over Ruins“ klingt faszinierend zeitlos. Zwar lässt sich die Veröffentlichung klar im Dark Ambient der 1990er-Jahre verorten, doch sie wirkt keineswegs wie ein museales Relikt aus einer Epoche, in der jede zweite CD ein verfallenes Gebäude auf dem Cover haben musste. Johan Levin experimentiert mit unterschiedlichen Stilelementen und sorgt damit für eine Abwechslung, die bei Dark-Ambient-Alben keineswegs selbstverständlich ist. Wo andere Künstler zwanzig Minuten lang denselben Luftzug durch denselben Keller schicken, verändert sich hier tatsächlich etwas. „Scintillate II“ ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Das Stück beginnt mit plätscherndem Wasser und einer sanften Melodie in Moll. Zunächst wirkt alles ruhig, beinahe versöhnlich – zumindest so versöhnlich, wie Desiderii Marginis eben klingen kann. Dann setzen dramatische, stampfende Perkussionen ein und verwandeln die zuvor friedliche Szenerie in etwas wesentlich Bedrohlicheres. Es ist genau diese Entwicklung innerhalb der einzelnen Stücke, die „Songs Over Ruins“ auch heute noch so spannend macht.

Natürlich gibt es ebenso klassische Dark-Ambient-Kompositionen, die mit sich wiederholenden Melodien, dunklen Flächen und vergleichsweise wenig Brimborium auskommen. Doch gerade jene Titel, die aus diesem Rahmen ausbrechen, bleiben besonders im Gedächtnis. Glockenläuten, unerwartete rhythmische Elemente und schwer einzuordnende Samples sorgen immer wieder dafür, dass man aufhorcht. Dabei wirken die Geräusche niemals wie wahllos aufgepfropfte Effekte. Sie sind Teil der jeweiligen Atmosphäre und erzählen Geschichten, ohne ihren Inhalt eindeutig preiszugeben.

Bemerkenswert ist außerdem, wie geduldig Levin manche Stücke aufbaut. Einige Kompositionen bleiben nicht bei einer einmal etablierten Stimmung stehen, sondern verändern im Verlauf langsam ihre Gestalt. „The Core of Hell II“ benötigt beispielsweise ziemlich genau vier Minuten, bevor unvermittelt eine gesprochene Stimme einsetzt. Bis dahin hat man sich längst in der Klanglandschaft eingerichtet – und wird durch diesen menschlichen Laut plötzlich daran erinnert, dass man dort möglicherweise doch nicht allein ist. Freundlicher Besuch klingt allerdings anders. Auch Produktion und Klangqualität können sich angesichts des Alters des Ausgangsmaterials hören lassen. Die Aufnahme wirkt weder stumpf noch unangenehm veraltet. Für die Neuauflage hat Johan Levin das Remastering selbst übernommen, was dem Album zusätzliche Klarheit verleiht, ohne seinen ursprünglichen Charakter glattzubügeln. Die Musik bleibt rau, geheimnisvoll und dunkel, klingt aber nicht so, als wäre sie zwanzig Jahre lang in einem feuchten Archivkeller gelagert worden.

„Songs Over Ruins“ gehört vielleicht nicht zwingend zu den zehn einflussreichsten Dark-Ambient-Alben aller Zeiten. Es ist kein Werk, das das gesamte Genre im Alleingang neu erfunden hätte. Dennoch spielt es qualitativ weit vorne mit und zeigt bereits erstaunlich deutlich, was Desiderii Marginis später auszeichnen sollte: tiefe Melancholie, eine starke Bildsprache, sorgfältig aufgebaute Spannungsbögen und die Fähigkeit, den Hörer ohne erklärende Texte an fremde Orte zu versetzen. Mit dem Wissen um all die starken Veröffentlichungen, die Johan Levin danach noch folgen ließ, erscheint „Songs Over Ruins“ heute wie der Startschuss für eines der interessantesten und emotionalsten Projekte des Dark Ambient. Die Neuauflage ist deshalb nicht nur etwas für Sammler oder nostalgische Cold-Meat-Industry-Veteranen. Sie bietet auch allen, die Desiderii Marginis erst später entdeckt haben, eine hervorragende Gelegenheit, zu den Ruinen zurückzukehren, auf denen alles begann.

Desiderii Marginis - Songs Over Ruins
Eingebettete Inhalte nicht verfügbar
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um das Video/Bild/etc. zu sehen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen. Weitere Informationen zu den verwendeten Diensten und deren Datenschutzpraktiken findest du in unserer Datenschutzerklärung. Vielen Dank für dein Verständnis.
Desiderii Marginis - Songs Over Ruins
Kommentarfunktion nicht verfügbar!
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um die Kommentarfunktion zu nutzen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen. Weitere Informationen zu den verwendeten Diensten und deren Datenschutzpraktiken findest du in unserer Datenschutzerklärung. Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).