Desiderii Marginis - Hypnosis

Desiderii Marginis - Hypnosis

Wenn man seine Träume und Albträume musikalisch vertonen würde – wie müsste dieser imaginäre Soundtrack klingen? Vermutlich seltsam, sprunghaft und nur selten logisch. Vertraute Orte würden sich plötzlich verändern, harmlose Geräusche bedrohlich wirken und längst vergessene Erinnerungen ohne Vorwarnung wieder auftauchen. Doch wie klingt es, wenn nicht die eigenen Träume und Emotionen im Mittelpunkt stehen, sondern die Traumbilder anderer Menschen? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich Johan Levin auf „Hypnosis“, dem achten Album seines Projekts Desiderii Marginis. Er versucht nicht, die fremden Träume einfach nachzuerzählen, sondern überführt deren Stimmungen, Ängste und rätselhafte Bilder in Musik. Das Ergebnis ist ein Doppelalbum, das weniger wie eine gewöhnliche Sammlung einzelner Stücke wirkt als wie eine lange Nacht, in der man von einem unbekannten Bewusstsein ins nächste fällt.

Um diese Traumbilder umzusetzen, bewegt sich Levin wieder stärker in Richtung Ambient und Industrial und entfernt sich weiter von den folkloristischen Elementen seiner mittleren Schaffensphase. Dieser Trend war bereits auf „Procession“ zu erkennen. „Hypnosis“ erinnert deshalb in einigen Details an frühe Werke wie „Strife“, ist von einer bloßen Rückkehr zu alten Klangmustern aber weit entfernt. Levins Sound ist inzwischen vielschichtiger, räumlicher und ausgefeilter geworden. Die Vergangenheit ist zwar zu hören, sie wird jedoch nicht einfach kopiert.

Die Akustikgitarre hat Levin diesmal nur selten in die Hand genommen – und wenn, dann lediglich für wenige, gezielt gesetzte Töne. Dafür bestimmen Streicher, tiefe Drones, unzählige Samples und schwer einzuordnende Geräusche das Klangbild. All das verbindet sich mit jenen extrem traurigen Melodien, die seit jeher zu den großen Stärken von Desiderii Marginis gehören. Levin braucht nur wenige Tonfolgen, um beim Hörer das Gefühl auszulösen, er habe gerade etwas verloren – selbst wenn er nicht die geringste Ahnung hat, was das eigentlich gewesen sein könnte. Bereits der Opener „Black Feathers“ macht deutlich, dass „Hypnosis“ keine besonders erholsame Nachtruhe verspricht. Das Stück beginnt mit dunklen Geräuschen und einer bedrohlich anschwellenden Melodie. Spätestens beim ersten gutturalen Schrei wird man jedoch nicht nur aus der Fassung gebracht, sondern regelrecht in ein tiefes schwarzes Loch gestoßen. Was für ein Traum hinter diesem Stück verborgen liegt, bleibt offen. Bilder entstehen trotzdem sofort: schwarze Federn, ein leerer Raum, eine Gestalt im Hintergrund – und selbstverständlich eine Tür, die man besser nicht geöffnet hätte.

Am anderen Ende des Albums wartet mit „Bright Dead City“ ein massives Schlussstück. Drones und Samples türmen sich zu einem schweren Klanggebilde auf, das über weite Strecken fast vollständig auf eine tragende Melodie verzichtet. Gerade dadurch entwickelt der Titel eine enorme Trostlosigkeit und Dominanz. Hier wird nicht mehr geträumt, hier steht man scheinbar mitten in den Ruinen eines Ortes, an dem längst nichts Menschliches mehr übrig geblieben ist. Zwischen diesen beiden Polen liegen zahlreiche Variationen fremder Traumwelten in ganz unterschiedlicher Intensität. Das symphonisch-sphärische „Lazarus Palace“ wirkt feierlich und entrückt, als würde man durch die Hallen eines Palastes wandern, der nur für die Dauer eines Traums existiert. „Unmasked“ arbeitet dagegen mit Schritten und Gelächter und erzeugt daraus eine rätselhafte, zunehmend unangenehme Situation. Man weiß nicht, wer dort läuft, wer lacht oder wer eigentlich demaskiert wurde – aber man möchte es vermutlich auch gar nicht so genau erfahren.

Beispiele gäbe es viele, denn „Hypnosis“ nimmt sich auf zwei Tonträgern reichlich Zeit für seine Reise durch das Unterbewusstsein. Trotz der großen Zahl an Stücken wirkt das Album nicht wie eine wahllose Aneinanderreihung dunkler Klangexperimente. Die einzelnen Traumsequenzen besitzen ihre eigenen Konturen, bleiben aber durch Levins charakteristische Handschrift miteinander verbunden. Mal klingen sie idyllisch und beinahe tröstlich, mal unheimlich, kalt und vollkommen verloren. Helligkeit sucht man meist vergeblich – selbst die friedlicheren Momente scheinen jederzeit in einen Albtraum kippen zu können. Natürlich verlangt ein solches Doppelalbum Geduld, Ruhe und die Bereitschaft, sich vollkommen auf seine Atmosphäre einzulassen. Als beiläufige Hintergrundmusik funktioniert „Hypnosis“ nur bedingt. Dafür geschehen zu viele kleine Dinge am Rand des Klangbildes, und dafür ist die Musik emotional zu intensiv. Mit Kopfhörern und möglichst wenig Licht entfaltet sie ihre ganze Wirkung – wobei man anschließend vielleicht doch noch eine Lampe anlässt.

„Hypnosis“ macht seinem Namen jedenfalls alle Ehre. Das Album zieht den Hörer langsam in seine Welt hinein, verändert das Zeitgefühl und entlässt ihn erst nach einer langen, düsteren Reise wieder in die Wirklichkeit. Desiderii Marginis liefert hier hochwertigen Dark Ambient in nahezu perfekter Form: atmosphärisch, abwechslungsreich und tief melancholisch. Ein beeindruckendes Album, das nicht einfach fremde Träume vertont, sondern beim Hören neue erzeugt.

Desiderii Marginis - Hypnosis
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