Dekad - A Distorted View

Dekad - A Distorted View

Sollte die Welt irgendwann endgültig untergehen, hoffe ich sehr, dass nicht irgendein pathetischer Bombast läuft, sondern ‘Dekad’. Nicht, weil ‘A Distorted View’ besonders tröstlich wäre – eher im Gegenteil. Dieses Album klingt nach dem Moment, in dem draußen alles kollabiert, drinnen aber noch jemand sehr sorgfältig die Synthesizer programmiert hat. ‘JB Lacassagne’ liefert mit seinem sechsten ‘Dekad’-Album keinen Soundtrack zum Weltuntergang mit Feuerregen und Pathos, sondern die stilvolle Aftershowparty danach. Dunkel, elektronisch, melodisch, leicht vergiftet – und mit genug Beat, damit selbst die Apokalypse nicht ganz so unprofessionell wirkt.

Hinter ‘Dekad’ steht ‘JB Lacassagne’, der mit seinem Projekt längst kein unbeschriebenes Blatt mehr im europäischen Synthpop- und Electro-Umfeld ist. Seit Jahren arbeitet er an einem Sound, der nie nach greller Massenware klingt, sondern eher nach sorgfältig poliertem Schwarz. Mit ‘A Distorted View’, erschienen über ‘BOREDOMproduct’, wird dieser Kosmos nicht neu erfunden, sondern konsequent weitergebaut: kühle Präzision, sauber gesetzte Basslines und die besondere Gabe, Dunkelheit so zu verpacken, dass man trotzdem mit dem Fuß wippt. Was eigentlich ziemlich krank ist. Aber eben angenehm krank.

Musikalisch bewegt sich ‘A Distorted View’ genau dort, wo es für Freunde von Synthpop, Electro und etwas körperlicherem ‘EBM’-Druck spannend wird. Die Songs sind klar gebaut, treiben sauber nach vorn und wirken nie so, als hätten sie vorher drei Semester Kunsttheorie studiert. Es pumpt, es glänzt, es zieht an. Die Beats stehen stabil im Raum, als hätten sie eine Haftpflichtversicherung für rhythmische Körperverletzung abgeschlossen. Darunter arbeiten Basslinien, die Druck machen, ohne alles plattzuwalzen. Das Album hat Kraft, muss aber nicht ständig den Oberkörper frei machen und „Ich bin Industrial!“ brüllen.

Dabei bleibt ‘Dekad’ sehr melodisch. Und das ist wichtig, denn viele Acts aus diesem Umfeld verwechseln Dunkelheit gerne mit Ideenarmut. Dann wird alles finster, ernst und bedeutungsschwanger – und nach drei Minuten möchte man dem Album eine Wärmflasche und eine Therapieempfehlung reichen. ‘A Distorted View’ macht das besser. Die Melodien sind präsent, elegant und angenehm eingängig, ohne in Zuckerwasser zu ersaufen. Trotz aller Schatten ist das hier kein schwer zugänglicher Gruftbrocken, sondern erstaunlich direkt: Die Hooks sitzen schnell, die Melodien bleiben hängen, und die Platte braucht keine drei rituellen Vollmond-Durchläufe, um ihre Wirkung zu entfalten.

Besonders stark ist die Balance zwischen Licht und Schatten. ‘A Distorted View’ trägt seinen Titel zurecht, denn die Platte wirkt wie ein Blick durch eine beschädigte Scheibe: Man erkennt die Formen, aber alles ist etwas verschoben, kälter, härter, unwirklicher. Auf der einen Seite stehen klare Synthpop-Strukturen, schöne Hooklines und fast klassische Eleganz. Auf der anderen Seite drücken dunklere elektronische Elemente, kantigere Rhythmen und ein spürbarer ‘EBM’-Einfluss ins Bild. Dadurch klingt das Album nicht wie ein reines Retro-Spiel, sondern wie eine moderne Weiterführung einer bekannten Sprache. Es erinnert stellenweise an die Zeit, in der Acts wie ‘And One’ diese wunderbare Mischung aus Pop, Club, Pathos und leichtem Wahnsinn hinbekommen haben – aber ‘Dekad’ kopiert nicht. ‘Dekad’ nimmt eher die Haltung mit: Melodie darf groß sein, Beats dürfen drücken, und ein bisschen Drama hat noch keinem Synthesizer geschadet.

Die Produktion ist erfreulich sauber, vielleicht sogar fast zu sauber für alle, die ihre Elektronik lieber mit Rost, Blut und Kellerschimmel mögen. Aber genau diese Politur passt zu ‘Dekad’. Der Sound ist transparent, druckvoll und aufgeräumt, ohne steril zu wirken. Keine Spur von „Wir haben da noch zwölf Spuren Lärm draufgelegt, damit niemand merkt, dass der Song eigentlich nichts kann“. ‘A Distorted View’ lebt davon, dass die Songs Substanz haben. Die Arrangements sind kompakt, die Dynamik stimmt, die Atmosphäre bleibt geschlossen. Das klingt nicht nach loser Ideensammlung, sondern nach einem bewusst geformten Werk.

Was mich persönlich besonders abholt, ist diese unaufgeregte Souveränität. ‘A Distorted View’ kommt nicht mit dem Vorschlaghammer in den Raum, tritt den Tisch um und schreit: „Seht her, ich bin relevant!“ Es setzt sich eher hin, schaut einen kühl an und sagt: „Du wirst schon merken, dass ich gut bin.“ Und ja, verdammt, man merkt es. Die Platte kennt ihre Stärken: elegante Melodien, dunkle Atmosphäre, treibende Rhythmen, klare elektronische Linien und diese erwachsene Melancholie, die nicht klingt, als hätte jemand gerade zum ersten Mal einen Regentag erlebt.

Ganz ohne Einschränkung kommt ‘A Distorted View’ allerdings nicht davon. Das Album bewegt sich sehr sicher in seinem eigenen Rahmen – manchmal vielleicht etwas zu sicher. Wer große Brüche, riskante Experimente oder echten Kontrollverlust sucht, findet hier eher kontrollierte Klasse als Überraschungsangriff. Auch der Gesang bleibt stärker Atmosphäre als dramatisches Ausrufezeichen. Das passt zum Sound, sorgt aber dafür, dass manche Momente mehr über Stimmung als über plötzliche Wendungen funktionieren. Kurz gesagt: ‘Dekad’ liefern hier kein elektronisches Abrisskommando, sondern einen sehr stilvollen, sehr schwarzen Wagen mit laufendem Motor. Man steigt ein – aber man weiß ungefähr, wohin die Fahrt geht.

Und trotzdem: Muss denn jedes Album gleich die Welt verändern? Manchmal reicht es völlig, wenn ein Release das, was es tun will, sehr gut macht. Genau das passiert hier. ‘Dekad’ liefern ein starkes, stilvolles, dunkles und zugleich melodisches Electro-Pop-Album ab, das seine Wurzeln kennt, aber nicht wie ein Museumsstück klingt. Kein muffiger Szene-Nostalgie-Sarg, sondern ein lebendiger, gut produzierter Begleiter für alle, die ihre Popmusik lieber mit Schattenwurf und Bassdruck mögen.


’Am Ende ist ‘A Distorted View’ vor allem ein Album für Menschen, die bei Synthpop nicht sofort an harmlose Neonfarben denken, sondern an kalte Räume, nächtliche Fahrten, bittersüße Melodien und Tanzflächen, auf denen man gleichzeitig elegant leiden und rhythmisch funktionieren kann. Fans von dunklem Synthpop, melodischem Electro und gemäßigt drückendem ‘EBM’ sollten hier definitiv reinhören. Wer ‘And One’, ‘Depeche Mode’ oder die melodischeren Seiten elektronischer Dunkelmusik schätzt, dürfte sich schnell zuhause fühlen – also in einem Zuhause mit gedimmtem Licht, schwarzer Wandfarbe und leicht fragwürdiger Heizkostenabrechnung. Für genau diese Hörer ist ‘A Distorted View’ ein sehr gelungenes, atmosphärisch dichtes und erstaunlich charmantes Album: dunkel genug für die Gruft, melodisch genug fürs Herz, tanzbar genug für den Körper und elegant genug, um nie in peinliches Szene-Theater abzurutschen. ‘Dekad’ zeigen hier, dass ein verzerrter Blick manchmal klarer sein kann als die Realität. Und ehrlich gesagt: Bei der Realität im Jahr 2026 nehme ich die verzerrte Version gerade sehr gerne.


Dekad - A Distorted View
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