Was macht man, wenn die musikalische Zukunft plötzlich voller Leute steht, die sich bei einem selbst bedient haben? 'David Bowie' hatte zu Beginn der Achtziger reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Mit seinen wechselnden Bühnenfiguren, ungewöhnlichen Klängen und eigenwilligen Songs hatte er viele jüngere Musiker geprägt. Nach einem solchen Jahrzehnt hätte er sich zurücklehnen können. Stattdessen veröffentlichte er 1980 'Scary Monsters (And Super Creeps)': ein Album, auf dem er seine bisherigen Ideen zusammenführt und zugleich kritisch auf die eigene Vergangenheit blickt. Für mich liegt - auch heute noch - genau darin sein Reiz. Hier klingt jemand sehr sicher darin, Unsicherheit hörbar zu machen.

Als die Platte am 12. September 1980 in Großbritannien erschien, hatte 'David Bowie' bereits mehrere musikalische Verwandlungen hinter sich. Er war als schillernder Rockstar aufgetreten, hatte sich mit Soul und Funk beschäftigt und zuletzt auf 'Low', 'Heroes' und 'Lodger' mit elektronischen Klängen und ungewöhnlichen Songformen experimentiert. Auf 'Scary Monsters' kommen viele dieser Erfahrungen zusammen. Man muss die früheren Alben allerdings nicht kennen, um diese Musik zu verstehen. Ihre Kraft entwickelt sie ganz unmittelbar aus griffigen Melodien, beweglichen Rhythmen und einer Stimmung, in der jederzeit etwas kippen könnte.

Produziert wurde das Album von 'David Bowie' und seinem langjährigen Weggefährten 'Tony Visconti'. Die Aufnahmen fanden in New York und London statt. Anders als bei den drei vorangegangenen Alben, deren Texte und Gesangsmelodien häufig direkt im Studio entstanden, nahm sich 'David Bowie' diesmal zwischen den Aufnahmephasen bewusst Zeit zum Schreiben. Die Musik klingt stellenweise wild, war aber sorgfältig ausgearbeitet. Zur vertrauten Band gehörten Gitarrist 'Carlos Alomar', Bassist 'George Murray' und Schlagzeuger 'Dennis Davis'. Ergänzt wurde sie durch Gäste wie die Gitarristen 'Robert Fripp' und 'Pete Townshend'. Das Ergebnis erreichte Platz eins der britischen Albumcharts. Offenbar ließ sich auch mit einer gehörigen Portion Unbehagen ein großes Publikum erreichen.

Musikalisch lebt 'Scary Monsters' vor allem davon, wie gut die Musiker zusammenarbeiten. Der Bass spielt auffällige, federnde Figuren. Das Schlagzeug hält die Songs mit kräftigen Schlägen und kleinen rhythmischen Überraschungen in Bewegung. Darüber setzen die Gitarren kurze Akzente oder ziehen lange, scharfe Linien. Elektronische Klänge erweitern den Raum und geben der Musik etwas Fremdartiges. Die Arrangements bieten viele Einzelheiten, behalten aber meist eine klare Richtung. Besonders spannend finde ich, dass der Rhythmus oft zum Mitwippen einlädt, während andere Instrumente dazwischenfunken. Gerade hat man sich auf einen angenehmen Groove eingestellt, da fährt eine Gitarre durch das Bild oder der Gesang nimmt eine unerwartete Wendung. Das gibt der Musik eine Unruhe, die erstaunlich lebendig geblieben ist. Sie lässt einen hinein, macht es einem dort aber nicht allzu bequem.

Einen großen Anteil daran hat 'Robert Fripp'. Seine Gitarre klingt häufig schneidend, drängend und auf eine reizvolle Weise unberechenbar. Sie kann eine Melodie begleiten und kurz darauf wirken, als wolle sie mit ihr Streit anfangen. Für meinen Geschmack ist genau diese Reibung eine der größten Stärken des Albums. Die Band hält den Rhythmus zusammen, während einzelne Klänge immer wieder ausbrechen dürfen. 'David Bowie' nutzt seine Stimme ähnlich vielseitig. Er singt ruhig und nachdenklich, klingt plötzlich spöttisch oder steigert sich in raue, beinahe geschriene Passagen hinein. Dabei wirkt er selten wie ein Erzähler, der alles überblickt. Eher scheint er selbst mitten in den Situationen zu stehen, von denen er singt. Das macht den Gesang für mich so wirkungsvoll: Selbst dort, wo er sehr theatralisch wird, vermittelt er echte Anspannung.

Auch die Texte passen dazu. Es geht um Menschen, die unter Druck stehen, ausgegrenzt werden oder ihren Platz suchen. Daneben beschäftigt sich das Album mit der Frage, wie stark wir uns nach anderen richten. Welches Bild wollen wir abgeben? Wann folgen wir einer Mode, ohne noch darüber nachzudenken? Und was passiert, wenn die eigene Rolle irgendwann nicht mehr passt? Die Texte erzählen dabei keine durchgehende Geschichte. Sie beleuchten solche Fragen aus verschiedenen Richtungen und lassen manches bewusst offen. 'David Bowie' nimmt auch seine eigenen früheren Figuren unter die Lupe. In 'Ashes To Ashes' begegnet uns erneut 'Major Tom', der Astronaut aus seinem frühen Hit 'Space Oddity'. Diesmal erscheint er deutlich desillusionierter und wird ausdrücklich mit Drogen in Verbindung gebracht. Aus der bekannten Weltraumfigur ist ein beschädigter Mensch geworden. Damit greift 'David Bowie' die eigene Vergangenheit auf, ohne sie einfach noch einmal schön auszuleuchten.

Gerade dieser kritische Blick macht das Album auch heute interessant. Der Druck, nach außen ein bestimmtes Bild zu vermitteln, ist leicht nachvollziehbar. Ebenso das Gefühl, sich ständig zu anderen verhalten zu müssen. Dazu braucht man weder ein Studium der Popgeschichte noch eigene Erinnerungen an 1980. Die Musik vermittelt viel von dieser Spannung bereits durch ihren Klang. Ganz ohne Einschränkungen überzeugt mich 'Scary Monsters' allerdings nicht. Wenn die scharfen Gitarren und der sehr ausdrucksstarke Gesang gleichzeitig nach vorn drängen, wird es stellenweise eng. Dann treten kleinere musikalische Details zurück, weil so vieles Aufmerksamkeit verlangt. Einige Gesangsausbrüche sind mir außerdem eine Spur zu deutlich ausgestellt. Ich verstehe ihre Wirkung, wünsche mir an solchen Stellen aber etwas mehr Zurückhaltung. Wer 'David Bowie' vor allem als eleganten Popsänger schätzt, könnte diese Seite des Albums anstrengend finden.

Überwiegend funktioniert die hohe Intensität für mich jedoch ausgezeichnet. Die Songs besitzen genug melodische Stärke und rhythmischen Halt, um auch die ungewöhnlicheren Einfälle zu tragen. Besonders gefällt mir, dass 'David Bowie' seine Erfahrung hier nicht dazu nutzt, jedes Risiko zu vermeiden. Er lässt die Musik schroff, widersprüchlich und gelegentlich übertrieben sein. Gerade dadurch bleibt sie aufregend. Als Anspieltipp empfehle ich 'Ashes To Ashes'. Der bewegliche Bass, die schwebenden Klangfarben und der nachdenkliche Gesang geben einen guten Eindruck davon, wie das Album funktioniert. Die Melodie erleichtert den Einstieg, während die ungewöhnlichen Details neugierig machen. Wer bisher nur wenige Songs von 'David Bowie' kennt, findet hier einen zugänglichen Weg in diese Platte.

46 Jahre nach seiner Veröffentlichung gehört 'Scary Monsters (And Super Creeps)' für mich weiterhin zu den besonders überzeugenden Alben von 'David Bowie'. Einige Momente sind überladen, und der Gesang bewegt sich gelegentlich nah an der Überzeichnung. Doch die Verbindung aus starken Songs, einer großartigen Band und dem Mut zu unbequemen Klängen trägt weit darüber hinaus. Wer markante Gitarren, bewegliche Rhythmen und Pop mit Ecken und Kanten mag, sollte sich darauf einlassen. Man braucht dafür kein Vorwissen. Ein wenig Neugier genügt – und die Bereitschaft, sich beim Mitwippen gelegentlich aus dem Takt bringen zu lassen.