Das Netzwerk - Mechanism

Das Netzwerk - Mechanism

Also, ich bin ja nicht besonders optimistisch, was unsere Zukunft angeht, aber nach diesem Album hätte ich gerne eine zweite Meinung. Das Berliner Duo 'Das Netzwerk' malt mit "Mechanism" ein Bild der Zukunft, das so düster ist, dass selbst mein Terminkalender für nächste Woche dagegen wie ein Ponyhof wirkt. Sechs Songs über eine Welt, in der Maschinen regieren und Menschen so überflüssig sind wie Kohlekraftwerke in einer Windpark-Werbung – nur mit mehr verzerrten Gitarren und weniger Greenwashing.

Markus Reinhardt und Sebastian Krüger haben sich offensichtlich gedacht: "Wisst ihr was, lasst uns ein Album machen, bei dem sich selbst ChatGPT unwohl fühlen würde." Und ehrlich gesagt, Mission accomplished. Die beiden werfen Industrial-Samples, düstere Wave-Synthies und einen Bariton-Gesang zusammen, der klingt, als hätte jemand Joachim Witt in die dunkelste Ecke der 80er geschickt und gesagt "Mach's noch depressiver." Das ist feinster Sound mit Zähnen – elektronisch, atmosphärisch, aber mit genug Gitarrenwucht, um nicht nur melancholisch vor sich hinzuschweben.

Los geht's mit "Pulse And Silence", fast acht Minuten lang. Acht Minuten! Das ist länger als die meiste Aufmerksamkeitsspanne im Internet, aber irgendwie schaffen es die beiden, dass man dranbleibt. Und das aus gutem Grund: "Pulse And Silence" ist nicht nur der Opener, sondern meiner Meinung nach gleich einer der stärksten Tracks des Releases. Hier zeigt sich schon, was das Release ausmacht: keine Hektik, kein Gehämmer, sondern eine unheimliche Ruhe. Die Melodien entfalten sich langsam, hypnotisch fast, während Reinhardts tiefe Stimme mit leichten Halleffekten durch den Mix schwebt. Der Song mischt Englisch mit Deutsch, und wenn dann die Zeile "... ich habe Angst vor dem Ende ..." auftaucht, ist der Bogen zum düsteren Konzept des gesamten Albums gespannt. Es ist wie ein düsterer Soundtrack zu einem Science-Fiction-Film, den niemand drehen wollte, weil er zu deprimierend war. Die Gitarren sind da, ja, aber sie drängen sich nicht auf – sie legen sich wie eine schwere Decke über die elektronischen Flächen. Was mich hier absolut überrascht hat: Die Texte wechseln zwischen Deutsch und Englisch. Keine sprachliche Einbahnstraße, sondern ein fließender Wechsel, der dem Album eine zusätzliche Dimension gibt. Das Deutsche bringt diese kantige Dramatik mit, die an die großen deutschen Wave-Künstler erinnert, während das Englische manchmal fast wie eine kühle, technische Systemsprache wirkt – passend zum Thema.

Die Songtitel sind übrigens so subtil wie ein Vorschlaghammer. "Netzwerk", "Miliz Aus Code", "Hardwired Decay" – das sind keine poetischen Andeutungen, das ist Klartext. Und dann gibt's noch "Gefährdungslage", ebenfalls noch ein sehr starker Track auf dem Album. Hier zeigt sich besonders, wie gut Das Netzwerk mit Melodie umgehen können. Der Song ist sehr eingängig, bleibt mir im Kopf hängen, ohne dabei aber ins Poppige abzurutschen. Und interessanterweise ist "Gefährdungslage" auch der einzige Track, bei dem ich verstehe, warum jemand auf Bandcamp das Projekt mit dem Tag "Rammstein" versehen hat – hier gibt's tatsächlich Momente, die in Richtung Neue Deutsche Härte gehen. Aber ehrlich gesagt: Das ist die Ausnahme. Der Rest des Albums bewegt sich in ganz anderen Gefilden.

Überhaupt, die Melodien: Das ist vielleicht das Überraschendste an diesem Album. Man erwartet bei Themen wie "Roboter-Apokalypse" und "maschinelle Übernahme" irgendwie mehr Aggression, mehr Lärm. Stattdessen bekommt man Songs, die sich Zeit nehmen, die atmen, die sich einprägen. Die Struktur und der Ansatz erinnern mich viel mehr an die dunklen Releases - wie schon beschrieben - von Joachim Witt – diese Mischung aus elektronischer Düsternis, melodischer Tiefe und dramatischem Gesang, die nicht auf billige Effekte setzt, sondern auf Atmosphäre. "Der Engel" zum Beispiel – der hätte auch ein hektischer Industrial-Brecher werden können, ist aber stattdessen fast schon meditativ in seinem Tempo. Die dunkle Stimme schwebt durch den Raum, die Hall-Effekte geben dem Ganzen etwas Kathedralenhaftes, und die Melodie bleibt einem im Kopf, lange nachdem der Song vorbei ist.

Die Produktion ist makellos. Zu makellos vielleicht. Alles klingt so sauber und präzise, als hätte ein Roboter das Album zusammengebaut – was vermutlich auch der Punkt ist. Jeder Gitarrenriff sitzt perfekt, jeder Synth-Layer ist millimetergenau platziert, und die Stimme bekommt durch den Hall genau die richtige Distanz. Es ist fast schon unheimlich, wie glatt das alles läuft. Aber genau das macht auch Sinn: Wenn du ein Album über die maschinelle Übernahme der Welt machst, sollte es auch klingen wie perfekt programmiert. Dass Das Netzwerk diese Produktionsqualität gleich beim Debüt hinbekommen, spricht für sich. Jetzt kommt aber das große ABER: Genau diese Ruhe, diese Konsequenz kann auch anstrengend sein. 37 Minuten durchgehend Weltuntergang im gleichen Tempo, ohne große dynamische Ausbrüche – das ist wie ein Date mit jemandem, der die ganze Zeit in derselben Lautstärke über seine Probleme redet. Die Songs sind gut, keine Frage, aber sie bewegen sich alle in einem sehr ähnlichen Tempobereich. Es gibt keine überraschenden Wendungen, keine Momente, wo plötzlich alles explodiert oder komplett zurückfährt. Es ist konsequent düster und konsequent mid-tempo von Anfang bis Ende.

Und seien wir ehrlich: Stilistisch bewegen sich Das Netzwerk in sehr bekanntem Terrain. Wenn du düsteren Darkwave und Industrial magst, wirst du das hier lieben. Wenn du mit dieser Mischung aus elektronischer Schwermut und verzerrten Gitarren nichts anfangen kannst, wird dich dieses Album auch nicht bekehren. Es ist solide Handwerksarbeit im Genre, aber es erfindet das Rad nicht neu – es baut höchstens ein sehr cooles, dystopisches Rad mit eingebauten Lasern und einer KI, die irgendwann die Kontrolle übernimmt. Trotzdem, und das muss ich zugeben: "Mechanism" hat was. Und zwar richtig was. Für ein Debütalbum ist das verdammt beeindruckend. Es ist ein Album, das dich packt, in einen dunklen Raum zerrt und dir 37 Minuten lang erklärt, warum wir alle dem Untergang geweiht sind – aber mit einem verdammt guten Soundtrack dazu. Die beiden Berliner beweisen gleich beim ersten Wurf, dass düsterer Wave mit Industrial-Einschlag auch 2026 noch was zu sagen hat, vor allem wenn er so melodisch daherkommt. Diese Ohrwurm-Qualität bei gleichzeitiger Düsternis ist nicht leicht hinzubekommen – dass Das Netzwerk das auf Anhieb schaffen, ist beachtlich.

Am Ende bleibst du zurück mit der unbequemen Frage: Wie viel Menschlichkeit haben wir eigentlich schon verloren, während wir aufs Handy starren? Aber hey, zumindest kannst du dabei mit dem Kopf nicken und die Melodien mitsummen – was bei einem Album über den Weltuntergang irgendwie beruhigend ist. Und dass ein Debütalbum diese Balance so souverän hinbekommt, lässt mich neugierig auf das werden, was noch kommt. Empfohlen für alle, die düsteren Darkwave und Industrial mögen – und für jeden, der schon immer mal zur Roboter-Apokalypse abrocken wollte. Fans von Joachim Witts dunkleren Werken werden hier garantiert fündig. Ein starkes Debut, das Lust auf mehr macht. Beste Songs: "Pulse And Silence" (gleich der erste Schlag sitzt – einer der stärksten Tracks), "Gefährdungslage" (weil du dabei tanzen UND verzweifeln kannst), "Der Engel" (deutscher Text, der richtig sitzt)

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