Bei ‘Darkvolt’ werde ich als Elektriker natürlich sofort gleich hellhörig. Oder besser: dunkelhörig. Denn wo ‘Dark’ und ‘Volt’ zusammenkommen ist meistens entweder die Sicherung draußen oder jemand hat sehr kreativ gegen die VDE-Vorschriften gearbeitet. ‘Spirits Of Angst & Despair’ klingt dann auch nicht nach sauber aufgelegter Wohnzimmerbeleuchtung, sondern eher nach feuchtem Keller, flackernder Neonröhre und einem Sicherungskasten, bei dem man lieber erst einmal den Phasenprüfer holt. Dieses Album hat keinen Dimmer für Gemütlichkeit. Es kommt eher mit Kriechstrom im Nacken, Bassdruck auf der Leitung und genug schwarzer Energie, um selbst den größten FI-Schalter in Therapie zu schicken.
Nun, der Mann am Sicherungskasten heißt ‘Frederik Strobbe’. Mit ‘Darkvolt’ bewegt sich der Belgier tief im Spannungsfeld aus ‘EBM’, Electro-Industrial und dunkler Maschinenmusik. Veröffentlicht wurde ‘Spirits Of Angst & Despair’ schon am 27. März 2026 über ‘DressCode Black’ — digital sowie als auf 300 Stück limitierte CD im Jewelcase mit 20-seitigem Booklet. Also quasi die physische Ausführung für alle, die ihre Dunkelheit noch gern anfassen, einsortieren und gelegentlich entstauben. Unterstützt von ‘Martyn Hanson’, der auf mehreren Stücken Gitarre beisteuert, legt ‘Strobbe’ ein doch recht umfangreiches Album vor, das nicht glatt sein will, nicht hübsch tut und schon gar nicht um Erlaubnis bittet.
Musikalisch bewegt sich das Album zwischen klassischer ‘EBM’-Härte, kaltem Electro-Industrial, Dark Electro und düsteren Soundflächen. Die Beats marschieren nicht einfach, sie stapfen: schwer, trocken, manchmal fast störrisch. Die Bässe drücken aus dem Keller nach oben, als hätte dort jemand eine alte Kriegsmaschine wieder ans Stromnetz gehängt und vergessen, vorher den Vermieter zu fragen. Darüber liegen verzerrte Stimmen, bedrohliche Elektronik, lärmende Texturen, kalte Sequenzen und synthetische Unruhe. Man weiß nie ganz, ob gleich der Club explodiert oder nur die Unterverteilung abraucht. Elektronische Musik mit Schlagseite, Druck und ordentlich Dreck im Schaltkreis.
Besonders stark wird ‘Spirits Of Angst & Despair’, wenn ‘Darkvolt’ die Maschinen sozusagen richtig laufen lässt: wenn die Rhythmik nach vorne schiebt, die Synths kalt flackern und die Sequencer wirken, als hätten sie seit Tagen nicht geschlafen. Dann erinnert der Sound mich an alte belgische und nordamerikanische Industrial-Schulen ohne bloß wie Nostalgie aus dem Ersatzteillager zu klingen. Namen wie ‘Front 242’, ‘Front Line Assembly’, ‘Nine Inch Nails’ oder auch ‘Nitzer Ebb’ geistern da natürlich immer durch den Raum. Aber das ist in diesem Genre ungefähr so überraschend wie Nebel auf einem Gothic-Festival. Entscheidend ist, ob die Maschine läuft. Und hier läuft sie oft genug sehr ordentlich heiß.
Ein reines Clubgeschoss ist das Album allerdings meiner Meinung nicht. Dafür ist es zu breit, zu sprunghaft, manchmal auch zu sperrig. ‘Darkvolt’ liefert keine sauber sortierte ‘EBM’-Platte bei der jeder Basslauf militärisch gebügelt wurde und jeder Refrain pünktlich zum Mitstampfen erscheint. Mal dominiert der elektronische Druck, mal die Atmosphäre, mal schiebt sich eine experimentellere Ebene nach vorne, mal wird es eher filmischer und dunkler. Das Album funktioniert weniger als reine Tanzflächenmunition, sondern eher als düsterer Gesamtzustand: mal stampfend und körperlich, mal schleppend und klaustrophobisch, mal so kantig, als hätte jemand absichtlich Sand ins Getriebe geschüttet.
Genau diese leichte Überladung ist dann aber auch Fluch und Reiz zugleich. ‘Spirits Of Angst & Despair’ klingt nicht wie ein Album, das am Konferenztisch optimiert wurde, während jemand „Zielgruppe“ an ein Whiteboard schrieb. Es klingt eher wie ein brodelnder Kopf, der zu viele Albträume gleichzeitig loswerden musste. Das ist manchmal anstrengend, aber selten langweilig. In einer Szene, in der manche Veröffentlichungen inzwischen klingen, als hätte ein Staubsaugerroboter mit Depressionen ein Preset gefunden, ist ein bisschen unkontrollierter Stromfluss allerdings durchaus willkommen.
Thematisch passt diese Unruhe gut. ‘Darkvolt’ kreist um Angst, Verzweiflung, Glauben, Ideologien, Abhängigkeiten und innere Zerrissenheit. Das Album trägt diese Themen nicht wie ein trauriges Gedichtheft vor sich her, sondern presst sie in Bass, Kälte und elektronische Spannung. Die Atmosphäre wirkt urban, verbraucht und klaustrophobisch. Eher Betonbunker als Kathedrale, eher flackernde Neonröhre als Mondschein. Der schwarze Humor liegt dabei weniger im Text als im Gesamtgefühl: Der Mensch hat sich mühsam von alten Göttern befreit, nur um sich heute freiwillig vor neuen Götzen aus Kontrolle, Technik, Angst und Selbstbetrug niederzuknien. Gratulation, Evolution. Leider wieder in der Nachprüfung gelandet.
Auch die Stimme von ‘Frederik Strobbe’ fügt sich gut in dieses Bild. Sie wirkt nicht wie ein glänzend produziertes Frontmann-Organ, sondern eher wie ein Befehl aus einem schlecht belüfteten Kontrollraum: mal rau, mal verzerrt, mal deklamierend, immer mit dieser unterschwelligen Gereiztheit, als würde gleich irgendwo ein roter Knopf gedrückt. Nicht jede Passage bleibt mir sofort hängen, nicht jede Idee sitzt perfekt, aber der Grundcharakter stimmt: kalt, kantig, angespannt und naja, sagen wir mal angenehm ungemütlich.
Die unterschiedlichen Einschätzungen anderer Reviews kann man nachvollziehen. Wer mehr Kompaktheit und klare Linien erwartet, wird hier noch Luft nach oben hören. Wer dagegen die Breite, die Endzeitstimmung und den Schritt zu einer eigenständigeren Handschrift schätzt, wird ‘Spirits Of Angst & Despair’ stärker einordnen. Ich lande irgendwo dazwischen – mit leicht hochgezogener Augenbraue, aber durchaus zufriedener schlechter Laune. Für mich ist das kein perfektes Album, aber eines mit Charakter. Und Charakter ist im Electro-Industrial ungefähr das, was Tageslicht für Vampire ist: selten, gefährlich, aber irgendwie notwendig.
Vielleicht hätte dem Album etwas Straffung gutgetan. 17 Stücke sind natürlich eine Ansage, und nicht jede Ansage muss man in Großbuchstaben an die Wand nageln. Manchmal wäre weniger tatsächlich mehr gewesen. Andererseits ist mir ein Album mit zu vielen Ideen immer noch lieber als eines, das nach zehn Minuten klingt wie ein leerer Akku im Nebel. ‘Darkvolt’ riskiert hier etwas. Nicht alles trifft ins Schwarze, aber vieles trifft schmerzhaft genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen.
‘Spirits Of Angst & Despair’ ist somit ein Album für Hörer die ihre elektronische Musik nicht zu sauber, nicht zu glatt und nicht zu bequem mögen. Wer klinisch perfektes Clubfutter sucht, wird hier vielleicht über herumliegende Kabel stolpern. Wer aber Lust auf dunklen Electro-Industrial mit ‘EBM’-Rückgrat, Dark-Electro-Schlagstrom, Endzeitstimmung und belgischem Maschinenstaub hat, sollte ‘Darkvolt’ eine Chance geben. Das hier ist kein makelloses Meisterwerk. Aber es ist ein spannendes, dreckiges und lebendiges Album mit Haltung. Und in einer Welt voller glattgebügelter Dunkelmusik ist das schon fast ein Akt der Nächstenliebe. Natürlich einer sehr kalten, schwarzen und leicht verstörenden Nächstenliebe.