Ja, ich gebe es zu: Ich steige bei ‘Cult Of Luna’ erst mit dem zehnten Studioalbum ein. Bei neun Alben Vorsprung wusste ich nie, wo man da anfängt, also habe ich gewartet, bis es zehn sind. Klingt nach einer schlechten Ausrede, ist auch eine. Die Schweden aus Umeå begrüßen mich mit neun Stücken, passenderweise eins pro verpasstem Album, und gut 71 Minuten Post-Metal. Für einen Händedruck ist das recht ausdauernd. Seit dem 6. November 2026 ist ‘In The Shadow Of Your Shadow’ bei Red Crk Recordings draußen, dem bandeigenen Label. ‘Johannes Persson’, Gitarrist, Sänger und Mitgründer, beschreibt das Album als aus der Sicht des Verräters im eigenen Inneren geschrieben. Gemeint ist etwas, das er längst besiegt glaubte und das sich nun zurückmeldet. Wie viel Unruhe in so einer Rückkehr steckt, vermittelt die Platte auch dann, wenn man vom Text kaum ein Wort versteht.
Am meisten packt mich, wie ‘Cult Of Luna’ Spannung aufbauen. Wenn die Gitarren leiser werden, höre ich den einzelnen Tönen nach. Die Band lässt sich mit dem nächsten Ausbruch so viel Zeit, dass mir die Stille noch im Ohr hängt, wenn das Schlagzeug wieder hart einsetzt und sich die verzerrten Gitarren auftürmen. Wer hier auf einen schnellen Höhepunkt wartet, sollte Geduld mitbringen. Und vielleicht einen Snack. Dazu passt, wie böse ‘Johannes Persson’ klingt. Sein Gesang kratzt, brüllt und bekommt stellenweise etwas Dämonisches. Was mich überzeugt: Diese Stimme fügt sich ganz selbstverständlich in die Musik. Über den Riffs verschärft sie den Druck. In den Momenten davor reicht schon ihr rauer Ton, um die Ruhe brüchig wirken zu lassen.
Zwei Gastauftritte zeigen, wie gut andere Stimmen in diese Welt passen. ‘David Eugene Edwards’ von ‘16 Horsepower’ und ‘Wovenhand’ bringt in ‘One More Day’ eine dunkle, vom Folk geprägte Stimme mit. Sie behauptet sich auch im dichten Arrangement und gibt dem Stück ihre eigene Färbung. In ‘Sadness Will Reign’ funktioniert der Einsatz von ‘Joe Duplantier’ von ‘Gojira’ für mich gerade durch die Nähe zum Bandsound. Seine Stimme und die Gitarren greifen so gut ineinander, dass man sich den Part nachher kaum anders vorstellen mag.
Anspieltipp ist ‘A Way Back’. Nach dem Tempo, das ‘The Rift’ zeitweise vorlegt, holen mich die bearbeitete Akustikgitarre und der klare Gesang sofort runter, ohne dass die Schwermut verschwindet. Hier übernimmt meiner Recherche nach Gitarrist ‘Fredrik Kihlberg’ den Gesang. Für mich sind diese knapp sechs Minuten genau die Verschnaufpause, die ich vor dem fast doppelt so langen ‘One More Day’ brauche. Post-Metal-Logik: sechs Minuten Verschnaufpause für zwölf Minuten Anstieg.
Am Ende wartet das knapp zwölfminütige ‘Burial’. Hier bekommen erst einmal ein Gitarrensolo und die Keyboards Raum. Wenn ‘Johannes Persson’ wieder einsetzt und sich die Riffs immer weiter aufschichten, zieht das Stück noch einmal an. Nach über einer Stunde trifft mich diese letzte Steigerung mit voller Wucht. Dass ich nach dieser Spielzeit immer noch wissen will, wie weit die Band es treibt, macht ‘Burial’ für mich zum perfekten Abschluss.
Wer an Post-Metal die schweren Gitarren und das geduldige Aufbauen von Spannung mag, kann hier gut einsteigen, und zwar in fast jeder Form. Das Album gibt es digital, als CD-Digibook und im Shop der Band in fünf Doppel-LP-Varianten. CD und Vinyl kommen mit einem zwölfseitigen Booklet, die Doppel-LPs auf 140-Gramm-Vinyl im Klappcover. Neben der schwarzen Ausgabe gibt es drei auf je 500 Exemplare limitierte Pressungen: zwei mit A/B-Seiten-Effekt in Weiß-Schwarz und Weiß-Grün sowie eine auf transparentem Vinyl mit schwarzer Marmorierung. Dazu kommt eine auf 1.000 Exemplare limitierte Ausgabe auf transparentem Vinyl mit weißer Marmorierung und silberner Folienveredelung. Red Crk und Season of Mist legen noch eigene Shop-Pressungen obendrauf. Für eine Platte mit so viel Schatten im Titel ist das erstaunlich bunt.
Gewartet zu haben, war also doch keine so schlechte Idee. Aus meinem Händedruck ist eine ziemlich feste Umarmung geworden. Die neun Vorgänger sind ab jetzt keine Ausrede mehr, sondern Hausaufgabe. Mal sehen, was sie mit meiner Zimmerlautstärke anstellen.
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