Berlin kann laut. Berlin kann politisch. Berlin kann technoid durchdrehen. Aber Berlin kann auch Hafenromantik spielen – selbst ohne Meer. Genau dort legt ‘Corpse D’Alsace’ mit ‘Lads And Lovers’ an. Die EP versteht sich als rauer, unmittelbarer Gegenentwurf zu ausproduziertem Szene-Pathos. Statt Nebelmaschine gibt es hier Salzwind. Statt Clubbeat eine Ziehharmonika, die klingt, als hätte sie schon bessere Tage gesehen – und genau deshalb so viel zu erzählen.
Diese EP ist ruhig. Und zwar durchgehend ruhig. Wer hier auf dramatische Wellen oder musikalische Sturmfluten wartet, bekommt eher das sanfte Schaukeln eines Kahns im Abendrot. Meist ruhig vorgetragener Gesang, stoische Rhythmen, alles wirkt entschleunigt, fast trotzig gelassen. Und immer wieder diese Akkordeon-Momente, die sofort das Bild einer Seemannskneipe entstehen lassen: Holzvertäfelung, schwere Vorhänge, ein Tresen mit Geschichte.
Und dann kommt ‘Sansibar’. Für mich ganz klar das Herzstück dieser EP. Hier verdichtet sich alles, was ‘Lads And Lovers’ ausmacht: ruhiger, fast erzählender Gesang im Seemanns-Tonfall, eine Melodie, die sich wie warmer Rum im Magen ausbreitet, und ein Refrain, der sich mit fast stoischer Penetranz wiederholt. „Ich sauf mich tot, der Wein so rot, auf Sansibar …“ – das ist gleichzeitig tragisch, ironisch und erstaunlich eingängig. Das Lied schwankt bewusst zwischen Fernweh-Kitsch und existenzieller Verzweiflung. Schwüle Abendluft, Matrosenschweiß, Nelken, Lügen, zu viel Wein – das alles wird mit einer Ruhe vorgetragen, die fast schon verdächtig kontrolliert wirkt. Kein Schreien, kein Pathos-Overkill. Eher dieses leicht schwermütige Singen, das man von jemandem erwartet, der seit Stunden am Hafen sitzt und philosophisch geworden ist.
Musikalisch bleibt es immer minimalistisch: Das Akkordeon trägt die Szenerie, die Gitarren halten sich zurück, der Rhythmus bleibt gemächlich. Und genau dadurch funktioniert es so gut. Man hat nicht das Gefühl, dass hier ein Hit erzwungen werden soll – sondern dass da jemand einfach sehr konsequent in seinem Seemanns-Folk-Film bleibt. Überhaupt: Diese EP hat etwas herrlich Unzeitgemäßes. Während viele Darkwave-Acts versuchen, größer, epischer, dramatischer zu klingen, entscheidet sich ‘Corpse D’Alsace’ für das Gegenteil. Kleine Gesten. Leise Melodien. Viel Atmosphäre. Und ja – das ist stellenweise fast schon provokant ruhig. Aber genau das macht den Charme aus.
‘Lads And Lovers’ ist eine EP für Menschen, die keine Angst vor Langsamkeit haben. Für Hörerinnen und Hörer, die Neofolk im Hafenmodus genießen möchten – mit Akkordeon, Melancholie und einem Hauch Selbstironie. Wer Bombast sucht, wird hier nicht glücklich. Wer aber Lust auf ruhige Seemannslieder mit queerer Perspektive, warmem Kneipenflair und einem augenzwinkernden Glas Rotwein in der Hand hat, sollte unbedingt an Bord gehen. Für mich bleibt vor allem ‘Sansibar’ hängen – dieser stoisch wiederholte Trinkspruch zwischen Fernweh und Selbstaufgabe. Man ertappt sich dabei, wie man mitsummt. Und plötzlich sitzt man selbst imaginär am Tresen. Der Tresen ist hier optional, das Reinhören in die EP allerdings Pflicht.
Corpse d'Alsace - Lads and Lovers
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