Converge - Love Is Not Enough

Converge - Love Is Not...

35 Jahre! Das ist in Bandmaßstäben eine kleine Ewigkeit. In dieser Zeit gründen sich andere Projekte, lösen sich wieder auf und feiern schon ihre nostalgischen Comebacks. Wenn 'Converge' nach so einer Strecke ein neues Album ankündigen, liegt die Skepsis fast automatisch in der Luft: Brennt da noch etwas – oder verwaltet man nur noch den eigenen Ruf? Neun Jahre sind seit 'The Dusk In Us' vergangen. Ganz verschwunden war die Band nie. Es gab das rohe Live-Dokument 'Jane Live' und mit 'Bloodmoon: I' gemeinsam mit 'Chelsea Wolfe' einen atmosphärisch dichten, beinahe filmischen Ausflug in andere Gefilde. Spannend – aber eben nicht dieses unmittelbare, ungefilterte 'Converge'-Gefühl.

Mit 'Love Is Not Enough', veröffentlicht über 'Epitaph Records' und physisch in mehreren Vinyl-Varianten via 'Deathwish Records', stehen nun wieder ausschließlich die vier Kernmitglieder im Mittelpunkt. Kein Konzeptalbum, kein Feature-Schwerpunkt, kein stilistischer Richtungswechsel. Sondern eine Band, die offensichtlich keine Lust hat, sich selbst zu erklären – sondern lieber spielt. Und genau das hört man.

Bevor man sich jedoch in die Songs stürzt, lohnt ein Blick auf den Klang. Kurt Ballou hat das Album wie gewohnt in den 'God City Studios' aufgenommen und gemischt – und wieder einmal zeigt sich, warum er zu den gefragtesten Produzenten im härteren Bereich zählt. Die Schlagzeugspuren knallen, ohne zu verschwimmen. Gitarren drücken, ohne alles zuzuschmieren. Der Bass bleibt präsent, statt im Frequenznebel unterzugehen. Das Ergebnis ist massiv, aber nicht überladen. Laut, aber nicht platt. Man spürt jede Nuance, selbst wenn gerade alles gleichzeitig passiert.

Musikalisch wirkt das Album entschlossener als manches frühere Werk. Weniger verkopfte Rhythmusakrobatik, weniger verschachtelte Riff-Konstruktionen. Stattdessen klar erkennbare Strukturen, die die Energie nicht bremsen, sondern bündeln. In der ersten Hälfte geht es meist schnell zur Sache – kurze, intensive Stücke, die sich anfühlen wie gezielte Entladungen. Keine langen Anläufe, kein unnötiges Ausholen. Etwa zur Mitte hin verschiebt sich die Dynamik. Mit 'Beyond Repair' taucht das Album in eine fast schwebende, schwer greifbare Atmosphäre ein. Kein klassischer Song im herkömmlichen Sinne, eher ein Zwischenraum. Danach gewinnen die Stücke an Länge und Gewicht. Die zweite Hälfte wirkt dunkler, kontrollierter, teilweise sogar beinahe nachdenklich – zumindest nach 'Converge'-Maßstäben.

Inhaltlich dreht sich vieles um Beziehungen im weitesten Sinne. Um Nähe, Verantwortung, Enttäuschung. Um das, was bleibt, wenn Euphorie und jugendliche Unverwundbarkeit längst Geschichte sind. Der Albumtitel klingt zunächst wie eine simple Feststellung – und entfaltet gerade dadurch seine Wirkung. Es reicht eben nicht, nur gute Absichten zu haben. Man muss durchhalten. Aushalten. Handeln. Die Texte zeichnen kein tröstliches Bild. Wer hier motivierende Parolen erwartet, wird nicht fündig. Stattdessen dominiert eine schonungslose Bestandsaufnahme. Schmerz wird nicht dramatisiert, sondern akzeptiert. Zweifel werden nicht weggewischt, sondern benannt.

Im Zentrum steht dabei Jacob Bannon. Seine Stimme ist weniger Gesang als Ausdruckszustand. Mal presst sie sich nach vorne, mal klingt sie beinahe beschwörend, dann wieder wie ein innerer Monolog, der nach außen gekehrt wird. Es geht nicht um technische Perfektion. Es geht um Intensität. Und davon gibt es hier reichlich. Was dieses Album besonders macht, ist seine Haltung. Trotz aller Härte wirkt es nicht verbittert. Es ist energisch, aber nicht zynisch. Direkt, aber nicht kalt. Man spürt, dass hier Menschen spielen, die wissen, was sie tun – und warum sie es noch tun.

Beeindruckend ist vor allem, dass 'Converge' nach dreieinhalb Jahrzehnten nicht klingen wie eine Institution, sondern wie eine Band. Kein museales Denkmal, sondern Bewegung. Keine Selbstzitate als Selbstzweck, sondern Weiterentwicklung im eigenen Rahmen. Ist 'Love Is Not Enough' ein Album für entspannte Hintergrundbeschallung? Sicher nicht. Es fordert Aufmerksamkeit. Es verlangt Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Wer allerdings genau das sucht – Musik, die nicht gefällig sein will, sondern etwas auslöst – wird hier fündig. Für langjährige Hörer dürfte dieses Werk wie eine Bestätigung wirken: Die Band ist nicht stehengeblieben. Für Neugierige bietet es einen konzentrierten Zugang zum Kern dessen, was 'Converge' seit Jahrzehnten ausmacht.

Mein persönlicher Eindruck? Dieses Album fühlt sich nicht wie ein Nachtrag an. Es wirkt nicht wie der Versuch, alte Größe zu wiederholen. Sondern wie das Resultat einer Band, die weiß, wo sie steht – und trotzdem weitergeht. Vielleicht nicht lauter als früher. Aber klarer. Und das ist manchmal beeindruckender als jede noch so brachiale Explosion.

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