Ein neues Album nach etwa vier Jahren Pause ist immer so eine Sache. Erwartet man eine vorsichtige Weiterentwicklung – oder doch den großen Schritt nach vorn? Bei ‚Suspended In Time‘ war meine Haltung zunächst eine angenehm skeptische. Die Singles ‚Control‘ und ‚Memories Do Always Win‘ deuteten Qualität an, ließen aber noch einiges offen. Jetzt, im Albumkontext, fügt sich vieles zusammen. Conscience veröffentlichen ihr erstes Album seit ‚Second To None‘ aus dem Jahr 2022 – und zugleich ihr offizielles Debüt als Duo aus Rui und Insa. Man spürt sofort: Das hier ist kein Schnellschuss, sondern ein bewusst geformtes Werk, das sich Zeit nimmt und diese Zeit auch vom Hörer einfordert.
Musikalisch bewegt sich ‚Suspended In Time‘ meiner Meinung nach in einem fein austarierten Spannungsfeld aus elektronischer Klarheit, atmosphärischer Tiefe und emotionaler Zurückhaltung. Das Album wirkt durchgehend konzentriert, fast meditativ, ohne je in Beliebigkeit abzurutschen. Statt plakativer Effekte setzt das Duo auf Stimmung, Textur und ein langsames, organisches Entfalten der Klangräume. Sehr angenehm ist die Stringenz des Albums. Alles wirkt durchdacht, aber nicht überkonstruiert. Synth-Flächen schieben sich sanft ineinander, Rhythmen bleiben meist kontrolliert im Hintergrund, Melodien tauchen auf, bleiben kurz hängen und ziehen sich dann wieder zurück. Dieses ständige Kommen und Gehen erzeugt genau das Gefühl, das der Albumtitel verspricht: Schweben zwischen Momenten, Erinnerungen und Gedanken.
Ein Wort zur Stimme – und das ausdrücklich wohlwollend gemeint: Gesanglich wirkt ‚Suspended In Time‘ für mein Empfinden stellenweise etwas „dünn“, fast zerbrechlich. Aber genau darin liegt auch eine gewisse Ehrlichkeit. Die Stimme drängt sich nie in den Vordergrund, will nicht dominieren, sondern ordnet sich dem Gesamtbild unter. In manchen Momenten hätte ich mir etwas mehr Präsenz oder Wärme gewünscht, gleichzeitig passt diese Zurückhaltung erstaunlich gut zur introspektiven Grundstimmung des Albums. Es ist weniger Gesang als weiteres Klanginstrument – und das funktioniert über weite Strecken sehr gut. Besonders positiv fällt mit dann auch noch auf, wie organisch das Album trotz seiner elektronischen Basis klingt. Alle Musiker sind fein eingebunden, setzen Akzente, ohne den Fluss zu stören. Dass komplett auf den Einsatz von KI verzichtet wurde, ist hier kein leeres Schlagwort. Man hört es. Kleine Reibungen, leichte Unsauberkeiten, menschliche Nuancen – all das verleiht ‚Suspended In Time‘ eine greifbare Authentizität, die vielen modernen Produktionen inzwischen abgeht.
‚Suspended In Time‘ ist damit ein Album für Hörerinnen und Hörer, die sich gerne Zeit nehmen – und sich diese Zeit auch nehmen lassen. Wer elektronische Musik mit Atmosphäre, emotionaler Zurückhaltung und einem klaren künstlerischen Anspruch schätzt, wird hier viel entdecken. Besonders geeignet ist das Release für ruhige Abende, Kopfhörer-Sessions oder Momente, in denen man Musik nicht nur hören, sondern auch zusätzlich fühlen möchte. ‚Conscience‘ setzen auf subtile Wirkung statt auf Lautstärke – und das mit einer sympathischen Konsequenz. Für mich kein Album, das sofort alles preisgibt, sondern eines, das mit der Zeit wächst. Und genau das macht meiner Meinung nach seinen Reiz aus.
Conscience - Suspended In Time
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