So. Wieder Sonntag. Die nächste Arbeitswoche steht also bereits vor der Tür und hat vorsichtshalber ihren Fuß nochmal dazwischengeklemmt. Morgen klingelt der Wecker, irgendein Passwort ist abgelaufen, und jemand möchte wissen, ob wir seine Mail vom Freitag schon gelesen haben. Ächz! Höchste Zeit also, die Erinnerungen zurückzudrehen: in die frühen Neunziger, als Montag, Dienstag oder Donnerstag gefühlt vor allem unterschiedliche Gelegenheiten waren, am nächsten Morgen zu wenig geschlafen zu haben. Der Kalender hatte sieben Tage. Entscheidend war, an welchem davon der richtige DJ auflegte.

Und wenn der dann 'Riechst Du Das?' von 'Codex' anschob, war die Lage natürlich eindeutig: Es schien ein wunderschöner Sommer zu werden. Natürlich auch Nachts. Auch im Keller. Auch bei Leuten, deren Garderobe farblich zwischen Schwarz, Tiefschwarz und „war mal schwarz“ pendelte. Anfang der Neunziger lief das Teil in den Wave-Clubs nämlich hoch und runter. Eine Frage, ein Sommer, und schon war der Text wieder im Kopf. Manche Ohrwürmer ziehen irgendwann aus. Dieser hier hat offenbar einen unbefristeten Mietvertrag. Vielen war damals gar nicht klar, wer da die sommerlichen Aussichten verkündete: 'Stefan Ackermann', der Sänger von 'Das Ich'. Ausgerechnet! Die Verbindung ist belegt: 'syncronArts' nennt ihn ausdrücklich als Interpreten und beschreibt die Nummer rückblickend als Indie-Disco-Sommerhit von 1992. Im historischen Verlagskatalog läuft 'Codex' unter Techno. Sowas! Wer bei 'Ackermann' also ausschließlich an die dunkle Seite des Lebens dachte, musste hier kurz umsortieren. Offenbar gab es zwischen existenzieller Schwermut und elektronischem Clubbetrieb auch noch einen Garten.

Zeitlich passt der Ausflug zwischen 'Die Propheten' von 1991 und 'Staub' von 1994. Ob 'Codex' bewusst als sommerlicher Gegenpol zu 'Das Ich' entstand, ist allerdings nicht dokumentiert. Auch zum Projektnamen ließ sich keine belastbare Erklärung finden. Vermutlich stand zunächst die Idee für diesen einzelnen Clubtitel im Mittelpunkt; die fast vollständig um ihn kreisende Veröffentlichungsgeschichte legt das nahe. Mehr lässt sich seriös nicht behaupten. So reizvoll die Vorstellung einer Besprechung mit dem Tagesordnungspunkt „Heute mal Küsse statt Krise“ auch wäre. Die erste Maxi-CD erschien dann 1992 bei 'Ausfahrt', Katalognummer EFA 06309-03 habe ich für euch recherchiert. Gleich fünf Fassungen waren dabei: 'Full Length Mix', 'Radio Edit', 'Long Edit', 'Vocal Mix' und 'Instrumental'. Von 1:42 bis 4:14 Minuten reicht die gelistete Auswahl, zusammen knapp 18 Minuten. Ein Sommer in fünf Portionen sozusagen – für Eilige, Ausdauernde und Menschen, die zwischendurch auch einmal ohne Liebeslyrik tanzen wollten. Gefertigt wurde die CD in Österreich - warum auch immer; das deutsche Projekt bekam dadurch natürlich keine österreichische Staatsbürgerschaft. Als Produzent ist 'Deus Ex Machina' (lateinisch für „Gott aus der Maschine“) vermerkt. Aha! Welche Personen hinter diesem Namen bei der Aufnahme standen, ließ sich heute Abend aber nicht sicher klären.

1993 folgte dann auch eine weitere Maxi, 'Ausfahrt' 04–06314, auf dem Tonträger als 'Codex 2' bezeichnet - wieder warum auch immer. Sie enthält zwei unterschiedlich lange Fassungen von 'Riechst Du Das!' und dazwischen 'Sniefst Du Das?'. Die Frage wurde also zum Ausruf, die Nase bekam zusätzliche Aufgaben. Alle drei Stücke sind mit Hornberg/Scharmberg kreditiert; dahinter stehen 'Ulrich Hornberg' und 'Alfred Scharmberg'. Ganz so einmalig, wie die erste CD in mancher Erinnerung erscheint, war die Angelegenheit somit also doch nicht. Der Sommer hatte eine Verlängerung beantragt.

'Hornberg' führt außerdem direkt ins Labelumfeld. Gemeinsam mit 'Wolfgang Sperner' gründete er 1984 das 'International Noise Orchestra' und gleichzeitig eben die Plattenfirma und den Musikverlag 'Ausfahrt'. Spätere digitale Credits der 'Electrocity Version' nennen ihn als Komponisten und Textautor sowie 'Ausfahrt MV GmbH' bei Produktion und Verlag. 'Codex' lässt sich also nicht allein auf 'Ackermann' reduzieren. Eine Beteiligung seines 'Das Ich'-Partners 'Bruno Kramm' konnte dagegen nicht belastbar nachgewiesen werden. Nur weil man eine Stimme erkennt, muss schließlich nicht gleich die komplette Stammbesetzung hinter der Gartenhecke stehen.

Diese Gartenhecke führt zum schönsten Fund der ganzen Geschichte. Der Text bleibt hängen – aber ist er überhaupt frei erfunden? Zumindest in beträchtlichen Teilen greift er meiner Recherche nach auf ältere Gedichte zurück. Die Liebe, die sich nicht bergen lässt, die brennenden Lippen und das klopfende Blut stammen mit kleinen Abweichungen aus 'Der späte Mai' von 'Hermann Löns'. Auch die Frage nach Zögern und Zagen findet sich dort. In der hier überlieferten Songfassung wird allerdings kräftig am Wetter gearbeitet: Bei 'Löns' droht bald Schnee, und ungeküsste Küsse werden zum bitteren Versäumnis. Bei 'Codex' blüht der Klee, und Küsse warten an einem warmen See. Die literarische Wetterlage wurde für den Clubbetrieb deutlich freundlicher eingestellt.

Die Hecke und die Beeren stammen wiederum aus 'Im Garten' von 'Theodor Fontane'. Im Original reicht das lyrische Ich die Beeren und bekommt den Mund des Gegenübers angeboten; in der überlieferten Songfassung sind die Rollen vertauscht. Mindestens zwei ältere Gedichte stecken also in diesem vermeintlich schrägen Sommerstück. Während manche noch überlegten, wer da eigentlich singt, hatten sich 'Löns' und 'Fontane' längst auf die Tanzfläche geschmuggelt. Deutschunterricht hätte deutlich weniger Überzeugungsarbeit gebraucht, wenn gelegentlich jemand einen DJ mitgebracht hätte. Den Refrain und die Zeilen über vorbeiziehende Paare und den geliebten Sommertag konnte ich dagegen keiner weiteren Vorlage sicher zuordnen. Ihre Herkunft bleibt offen.

Der Reiz liegt für mich genau in dieser Verbindung: elektronische Clubmusik, eine markante Stimme und Liebesbilder, die nach Garten, Nähe und einer angenehm altmodischen Verabredung klingen. Lippen, Beeren, Küsse – zum Glück musste noch niemand vorher prüfen, ob der andere gerade „offen für etwas Festes“ im Profil stehen hatte. Dazwischen diese immer wiederkehrende Frage. Man muss die Gedichte nicht erkennen, damit das funktioniert. Der Text ist eigenwillig genug, um aufzufallen, und der Refrain hartnäckig genug, um sich festzusetzen. Die Wiederholung kann natürlich auch nerven. Wer damit nichts anfangen kann, wird vermutlich schon nach kurzer Zeit sehr genau wissen, was er da riecht. Für mich gehört gerade diese unverschämte Einprägsamkeit zum Charme.

Auch die Sampler halfen damals beim Weiterleben. 1993 landete der Titel auf 'We Came To Dance – Indie-Dancefloor Vol. III', neben 'Plastic Noise Experience', 'Apoptygma Berzerk', 'Die Form', 'Orange Sector' und anderen Szenegrößen. Es folgten unter anderem 'German Classics Electrobeats' 1998 und 'Naked Noise + Silent Dreams' 2000; 'Electrocity Vol. 11' brachte 1999 den '’99 Electrocity Remix'. Selbst Club-Playlists aus Bremen von 2012 und Braunschweig von 2019 führen das Stück noch auf. Dieser Sommer ließ sich offenbar dann doch von ein paar dazwischenliegenden Wintern nicht beeindrucken.

Ein reguläres Album dieses 'Codex'-Projekts ließ sich hingegen nicht nachweisen. Warum keines erschien und ob überhaupt eines geplant war, bleibt unbelegt. Wahrscheinlich war 'Codex' eher ein begrenztes Studio- und Clubprojekt als eine auf längere Albumfolgen angelegte Band. Das ist eine vorsichtige Schlussfolgerung aus den bekannten Veröffentlichungen, keine Aussage der Beteiligten. Eine dramatische Geschichte über Streit, Zeitmangel oder Verkaufszahlen wäre damit erfunden. Die Gartenhecke schweigt; wir sollten ihr keine Pressemitteilung unterschieben.

Spätere Digitalausgaben erklären außerdem die Jahreszahlen 2005 bei 'Apple Music' und 2008 bei 'Qobuz'. Entstanden ist die Nummer deshalb nicht erst in der Zeit von Klingelton-Abos und ersten Smartphone-Träumen. 'syncronArts' kündigte schließlich eine Wiederveröffentlichung für den 21. Juni 2021 an und fragte selbst nach Trash, Kult oder tanzbarem Neunziger-Liebeslied. Eine durchaus angemessene Auswahl. Vielleicht darf man auch alle drei Kästchen ankreuzen. Für den heutigen Sonntag ist 'Riechst Du Das?' jedenfalls eine ziemlich schöne kleine Flucht. Wer damals dabei war, bekommt ein Stück Tanzflächengedächtnis zurück. Wer später kam, entdeckt einen sonderbaren, charmanten Treffpunkt von 'Das Ich', Clubmusik und älterer Liebeslyrik. Ein Album fehlt, einige Hintergründe bleiben offen, der Ohrwurm hat trotzdem längst alle Formalitäten erledigt. Morgen ist wieder Montag. Heute können wir noch einmal so tun, als wäre das hauptsächlich der Name des Tages nach einer guten Nacht. Riechst du das? Hoffentlich Sommer. Der Bürokaffee kommt früh genug.