Charlie Risso - Rituals

Charlie Risso - Rituals

Eigentlich war das heute wirklich ein denkbar schlechter Moment für ein neues Album. Mein Kopf war voll, die Tabs vom Browser offen, nebenbei laufen dann noch irgendwie fünf andere Releases – und dann kommt 'Rituals' von 'Charlie Risso' rein. Und macht genau das, was man in so einer Situation am wenigsten gebrauchen kann: Es funktioniert! Nicht laut, nicht aufdringlich, sondern ganz leise, eingängig und hartnäckig. Und zwar so hartnäckig, dass man irgendwann merkt, dass man plötzlich gar nichts anderes mehr hört. Und spätestens da ist klar: Das hier wird kein Review für ein Nebenbei-Album. Und vielleicht ist genau das auch schon der erste kleine Trick dieses Albums – es schleicht sich nicht nur rein, es bleibt einfach. Der Kopf war plötzlich leer, die offenen Tabs im Browser egal und die anderen, offenen Reviews werden beiseite geschoben. Jetzt ist Zeit für 'Rituals'!

Die aus Genua stammende Musikerin bewegt sich schon länger in diesem schwer greifbaren Zwischenraum aus Noir-Folk, Indie-Pop und psychedelischer Melancholie. Nach 'Alive' legt sie hier erstaunlich schnell nach – und genau das hört man 'Rituals' auch an. Nicht im Sinne von Hast, sondern eher wie ein natürlicher nächster Schritt. Das Album wirkt fokussierter, strukturierter, stellenweise auch songorientierter als sein Vorgänger, ohne dabei seine verträumte Offenheit zu verlieren. Hier wird nicht einfach weitergemacht – hier wird weitergedacht.

Was mir sofort auffällt: 'Rituals' ist kein Album der „Jetzt-muss-der-Refrain-knallen“-Momente. Stattdessen arbeitet sich die Musik langsam, ganz langsam unter die Haut. Ein schleichender Sog, der weniger über Dynamik als über Atmosphäre funktioniert. Viel Raum, viel Luft zwischen den Tönen – und genau darin passiert das Entscheidende. Eine betörend ruhige Stimme schwebt über weitläufigen, sphärischen Sounds und getragenen Melodien, die weniger erzählen als vielmehr einen Zustand erzeugen. Die Mischung aus Dreampop, psychedelischen Texturen und reduziertem Indie-Folk wirkt dabei erstaunlich geschlossen, fast schon hypnotisch. Man bewegt sich hier nicht von Song zu Song, sondern gefühlt eher durch Raum und Zeit. Oder anders gesagt: Dieses Album läuft nicht – es zieht Kreise.

Diese cineastische Qualität wird oft bemüht – hier passt sie aber wirklich. 'Rituals' fühlt sich an wie der Soundtrack zu einem Film, den es so vielleicht gar nicht gibt. Neblige Bilder, flirrende Übergänge, dieses permanente Gefühl, dass gleich etwas passiert – und dann passiert es bewusst nicht. Genau diese Verweigerung klassischer Dramaturgie macht den Reiz aus. Und genau hier beginnt auch die Reibung. Denn so schön und konsequent diese Atmosphäre durchgezogen wird – genau darin liegt auch die größte Schwäche des Albums. 'Rituals' weigert sich fast schon, auszubrechen. Es bleibt immer kontrolliert, vielleicht fast zu kontrolliert, gefangen in seiner eigenen Eleganz. Die Übergänge sind fließend, die Stimmung konstant – und genau dadurch fehlt ihm stellenweise der Moment, der wirklich hängen bleibt. Nicht, weil es das nicht könnte. Sondern möglicherweise auch weil es sich bewusst dagegen entscheidet. Das ist - klar - konsequent. Aber dann doch auch ein bisschen frustrierend.

Im Zentrum steht dabei ganz klar die Stimme von 'Charlie Risso'. Und die ist mehr als nur ein Trägermedium – sie ist das emotionale Koordinatensystem dieses Albums. Mal nah, fast flüsternd, dann wieder distanziert und entrückt. Diese Balance aus Intimität und Unnahbarkeit sorgt dafür, dass man sich gleichzeitig angesprochen und auf Abstand gehalten fühlt. Die oft gezogenen Vergleiche zu 'Lana Del Rey', 'Marissa Nadler' oder 'PJ Harvey' sind nachvollziehbar – aber am Ende steht hier doch eine sehr eigene Klangidentität. Auch stilistisch bleibt 'Rituals' angenehm in Bewegung. Zwischen reduziertem Folk, schwebendem Dreampop und dezent pulsierenden elektronischen Elementen entsteht ein Sound, der sich nie festnageln lässt. Gerade diese leichte Verschiebung hin zu mehr Struktur und subtiler Elektronik im Vergleich zu 'Alive' gibt dem Album zusätzlichen Halt, ohne seine Offenheit zu verlieren. Es wirkt dadurch zugänglicher – aber nie beliebig. Und vielleicht ist das auch das eigentliche Paradox dieses Albums: Es kommt dir entgegen, ohne dir wirklich entgegenzukommen.

Unterm Strich ist 'Rituals' für mich ein Album, das man nicht einfach weg konsumiert. Es will und braucht Zeit. Viel Aufmerksamkeit. Und die Bereitschaft, sich auf diese langsame, leicht entrückte Reise einzulassen. Für Fans von atmosphärischem Indie, dunklem Folk und cineastischem Dreampop ist das hier ein ziemlich sicherer Treffer. 'Rituals' ist kein Album für den ersten Eindruck. Es ist eines für den zweiten, und den dritten – und den Moment, in dem du merkst, dass es längst angefangen hat, dich zu verändern.

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