Für viele Blutengel-Fans dürfte das Jahr 2011 mit Vorfreude und jeder Menge Erwartungen begonnen haben. Schließlich war mit „Tränenherz“ bereits der lang ersehnte Nachfolger von „Schwarzes Eis“ angekündigt worden. Nach über elf Jahren hat das Dark-Pop-Projekt von Chris Pohl nichts von seiner Faszination verloren. Noch immer wird über jede neue Veröffentlichung diskutiert, als wäre sie die erste, noch immer polarisieren der charismatische Berliner und seine weibliche Entourage aufs Äußerste. Wenn wundert es also, wenn auch „Tränenherz“ wieder die Gemüter erhitzt und das meinungsfreudige Schwarzvolk spaltet. Für dieses Album hat Chris Pohl mit José Alvarez-Brill einen Produzenten ins Boot geholt, der alles nur kein Unbekannter ist. Wolfsheim, Peter Heppner, Joachim Witt, De/Vision und viele andere profitierten von der Zusammenarbeit mit dem umtriebigen Macher, der einst Mitbegründer von Unheilig war. Man fragt sich trotzdem, was Chris Pohl dazu bewegt hat, ihn zu verpflichten, schließlich ist jener in der Vergangenheit als professioneller Produzent, der alle Fäden in der Hand hielt, ausgesprochen gut gefahren. Weshalb also diese Entscheidung? Will er dorthin, wo der Graf und Unheilig inzwischen angekommen sind? Die musikalische, produktionstechnische Veränderung, die sich auf „Tränenherz“ schnell ausmachen lässt, könnte daraufhin deuten, doch letztlich fällt die Antwort ins Reich der Spekulation. Der Sound ist nach wie vor unverkennbar Blutengel, allerdings wirkt er irgendwie steriler, glatter, reduzierter. Natürlich ist noch immer der Blutengelsche Pathos zu spüren, die Themen Liebe, Tod & Vampirismus werden erneut inhaltlich von allen Seiten abgearbeitet und im bekannten Reim- und Rhythmusschema umgesetzt, doch scheint an etlichen Ecken der düstere Pomp und auch ein wenig Klischee abhanden gekommen zu sein. Bisher nicht gekannte Melodien und Effekte haben sich eingefügt, die zwar gut ins Gesamtbild passen, den Songs aber ein wenig von ihrem früheren Charme nehmen. Trotzdem ist an diesem Album im Grunde nichts auszusetzen: Potentielle Hit-Kandidaten sind jede Menge dabei, Füllmaterial oder „Durchhänger“ sind nicht wirklich auszumachen. Der Gesang – männlich wie weiblich – überzeugt auf ganzer Linie, wobei der Eindruck nicht abzuschütteln ist, auf „Irgendwann“ Peter Heppner singen zu hören. Ist er's oder ist er's nicht? „Tränenherz“ setzt sich von den bisherigen Blutengel-Veröffentlichungen definitiv ab. Und trotzdem ist der ad-hoc-Erfolg nicht ausgeblieben, im Gegenteil. Auf Anhieb ist das Album auf Platz 12 der German Media Control Album-Charts geschossen. Wenn das kein (kalkulierter) Triumph ist? Genug Diskussionsmaterial also fürs Erste.